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Veröffentlicht: 28.12.2012, 20:52 Uhr

Folgen der Finanzkrise Das System ist korrigierbar

Von der Krise des Finanzmarkts mag man zwar kaum mehr reden hören. Doch wir stehen nach wie vor in ihrem Bann. Ihre Gefahren sind gleichzeitig Chancen für das Finden neuer Wege.

von Otmar Issing
© dpa Die Krise: Die Abwärtsspirale lässt sich auch als Möglichkeit zum Aufstieg deuten

Glaubt man den Medien und vielen Umfragen, liegt ein Jahr vielfältiger Krisen hinter uns. Vom Stuttgarter Bahnhof bis zum Berliner Flughafen im eher Kleinen bis zur Krise der Alterssicherung im Großen stehen die Deutschen unter dem Eindruck, dass hierzulande die guten (Nachkriegs-)Zeiten längst in weite Ferne gerückt sind. Kurz gesagt: Es geht bergab. Und jenseits des nationalen Gartenzauns sieht es nicht besser aus, ganz im Gegenteil. Im Nahen Osten etwa nehmen die schlechten Nachrichten kein Ende.

Für das Überleben der Europäischen Währungsunion mit ihren siebzehn Mitgliedsländern schnürt die Politik ein Rettungspaket nach dem anderen, und noch bevor Genugtuung über eine Beruhigung der Lage aufkommen kann, belehren die Bilder im Fernsehen eines Schlechteren. Demonstrationen wo man hinschaut, von Athen bis Lissabon. Was wird schließlich aus Italien nach dem Rücktritt von Monti und den bevorstehenden Wahlen?

Im Deutschen vermittelt das Wort „Krise“ - von der Umgangssprache bis hin zu philosophischen Texten - alle denkbaren Varianten bedrohlicher Situationen. Neben dieser objektiven Sicht steht die subjektive Wahrnehmung. Die gleiche Situation kann auf verschiedene Personen ganz unterschiedlich wirken. Es hängt auch von oft kaum greifbaren Einflüssen ab, wie eine mehr oder weniger objektiv gleiche Situation zu verschiedenen Zeitpunkten empfunden wird. Im internationalen Vergleich gelten gerade die Deutschen als besonders wahrnehmungsanfällig.

Anlass zu den schönsten Hoffnungen

Der ehemalige italienische Botschafter Italiens Luigi Vittorio Graf Ferraris, ein Deutschland und den Deutschen besonders wohlgesinnter Beobachter, hat einmal bemerkt: „Acht Jahre war ich in Deutschland, acht schöne fruchtbare Jahre, und jedes Jahr konnte ich einen neuen Ausbruch von Hysterie beobachten. Jeder Anlass war irgendwie begründet: von den Raketen bis zum Waldsterben, von den Nordseefischen bis zur Volkszählung. Doch ich möchte den Deutschen versichern, dass die Welt nicht so leicht untergeht, wie sie befürchten.“ Ob das alle Deutschen der Welt verzeihen?

Im Altgriechischen, aus dem das Wort hervorgeht, hat „Krise“ eine doppelte Bedeutung. Zum einen Scheidung, Streit, zum anderen aber auch Entscheidung, die einen Konflikt beendet. Den janusköpfigen Charakter belegt anschaulich das Chinesische. Dort setzt sich das Wort für Krise aus zwei Zeichen zusammen. Das eine Element steht für Gefahr, das andere für Gelegenheit. Genau das meinen wir, wenn wir von der Chance sprechen, die in jeder Krise liegt. Die Gelegenheit, die Ursachen herauszufinden, welche in die Krise geführt haben, und nach Wegen zu suchen, daraus zu lernen, es in Zukunft besser zu machen.

So betrachtet, handelt es sich um ein Phänomen, relevant im privaten Bereich wie in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Unversehens gibt dann die Krise Anlass zu den schönsten Hoffnungen. Die europäische Integration gilt nicht wenigen geradezu als Modellfall. Trifft es nicht zu, dass sich „Europa“ nur dank einer Abfolge von Krisen immer wieder weiterentwickelt hat? In dieser Sicht wird aus der Krise der europäischen Währungsunion quasi im Handumdrehen eine einmalige Chance für den großen Wurf in Richtung einer Politischen Union. Lässt sich der Erfolg der Methode, über und durch die Krise zum Fortschritt zu kommen, aber einfach fortschreiben?

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