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Europapolitik der Opposition Links, aber unsozial

 ·  Der Opposition fehlt der Mut zur Wahrheit in der Europapolitik. In einer Mischung aus Opportunismus und Ideologie nimmt sie die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten in Kauf. Ein Gastbeitrag von Thilo Bode.

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Die verheerenden sozialen Folgender Euro-Rettungspolitik  lassen sich mit Begriffen wie Arbeitslosigkeit oder Sparprogramm nicht annähernd mehr erfassen. In  Griechenland zerfällt und verarmt die gesamte Gesellschaft unter der Krise. Jeder zweite Jugendliche hat keinen Job und keine Zukunft. Die Selbststmordrate hat sich verdreifacht, die Gewalt krimineller Banden nimmt zu und rechtsradikale Parteien haben starken Zulauf. In Gläubigerländern wie Deutschland bringt die Niedrigzinspolitik der EZB die Sparer schleichend um ihr Vermögen, weil die Inflation höher ist als der Sparzins. Somit  werden die Steuerzahler  hierzulande zweimal zur Kasse gebeten: Erstens  müssen sie  für die teure Rettungspolitik zahlen. Zweitens raubt diese ihnen zusätzlich noch ihr Erspartes.

Die allesamt „linken“ Oppositionsparteien im Deutschen Parlament, SPD, Grüne und die Linke versagen auf der ganzen Linie, denn sie legen keine überzeugenden Rezepte gegen die Verarmung der Bevölkerung vor. Sie erklären auch  nicht, warum  die Bürger der Währungsunion diesen gewaltigen Preis für die Rettung der Gemeinschaftswährung zahlen müssen. Zwar hat  die Linke gegen den Euro-Rettungsschirm ESM geklagt sowie  gegen die Rettung der spanischen Banken auf Kosten der Steuerzahler und das letzte griechische Rettungspaket gestimmt. Letztlich ist sie sich jedoch mit   Grünen und SPD einig: Die Währungsunion muss im gegenwärtigen Umfang erhalten bleiben.

Die Rezepte sind inhaltsleer und hilflos

Genau  das hat schwerwiegende Konsequenzen. Das Kernproblem der Währungsunion ist – neben der Staatsverschuldung - die  zu niedrige Produktivität der Privatwirtschaft in den Krisenstaaten. Deshalb   verschulden sich diese immer  weiter bei Ihren Nachbarn, weil  ihre zu teuren Exporte  keine Käufer mehr finden und sie  die  Importe nicht mehr bezahlen können. Wären die Wechselkurse  der Krisenstaaten veränderbar, könnten diese sich  mit einer Abwertung der drohenden Verschuldung entziehen: die importierten  Güter würden teurer und die Nachfrage nach ihnen geringer. Der Umfang der durch die Abwertung billigeren Exporte nähme hingegen zu.

Da in  der Währungsunion Wechselkursänderungen nicht möglich sind, müssen  die drakonischen Sparmaßnahmen der gegenwärtigen Rettungspolitik die notwendige Steigerung der  Produktivität  auf indirektem Wege erzwingen. Das geschieht, indem die  schrumpfende Wirtschaft   nicht wettbewerbsfähige Betriebe eliminiert. Dadurch erhöht sich zwar  die durchschnittliche Produktivität des  Unternehmenssektors - aber um den Preis stark ansteigender  Arbeitslosigkeit.   Arbeitslosigkeit  ist sowohl Programm als auch der unvermeidliche Preis der aktuellen Euro-Rettungspolitik. Die Deutsche Bundesbank bringt dies  in ihrem Monatsbericht vom November 2012 unmissverständlich   auf den Punkt:  „Der Schrumpfungsprozess… und die damit einhergehende Produktivitätserhöhung (stellen) für sich genommen eine notwendige und ökonomisch sinnvolle Korrektur dar“.

Die Rezepte der drei Oppositionsparteien gegen diese gezielte Verarmungspolitik sind inhaltsleer und hilflos: Mit öffentlichen Geldern finanzierte „Aufbauprogramme“ sollen  eine „soziale und ökologische Transformation mit dem Aufbau neuer Wertschöpfungsketten in den Leitmärkten der Zukunft“ geschaffen werden, so ein Grundsatzpapier der Grünen und der SPD. Auch die   Linke avisiert   „ein Zukunfts- und Investitionsprogramm für Südeuropa, um dem drohenden wirtschaftlichen Ruin entgegenzuwirken und … die Massenarbeitslosigkeit dort zu beseitigen“. Finanziert werden soll dies durch eine  „Finanztransaktionssteuer und eine  europaweite Vermögensabgabe für Millionäre“.

Das Geld ist ohnehin weg

Derartige Wachstumsprogramme mögen kurzfristig Beschäftigung schaffen, werden aber die Arbeitslosigkeit langfristig zementieren. Sie steigern nicht die  die Produktivität in der Privatwirtschaft und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Krisenländer. Auch die von der Opposition  geforderte stärkere politische Integration Europas  mit einer harmonisierten Wirtschafts-, Fiskal- und Sozialpolitik  wird den Armen nicht helfen.  Zum einen lehnt die  Bevölkerung sowohl in den Krisenländern  als auch in Deutschland   mehr Macht für eine Europäische Zentralregierung eindeutig ab. Aber selbst  wenn das Kunststück gelänge, ganz schnell und auch demokratisch legitimiert die Europäische Zentralregierung aus dem Hut zu zaubern, wären dann die strukturellen Probleme der Eurokrise gelöst? Mitnichten. Die Unterschiede in der Produktivität und in Wettbewerbsfähigkeit würden weiterbestehen, die sozialen Probleme  zementiert.

Vor der Forderung nach einer (temporären) Verkleinerung der Währungsunion, also beispielsweise dem Austritt Griechenlands,  schrecken die Oppositionsparteien jedoch zurück. Dies, obwohl eine  Rückkehr von Griechenland zur Drachme  zuvorderst  die Arbeitslosigkeit  deutlich absenken würde. Anstelle die Nachfrage durch ständige Sparrunden weiter zu schwächen, würde  diese in vollem Umfang  auf die nunmehr relativ billigeren Güter der inländischen Industrie umgelenkt. Und mit einer gegenüber dem Euro abgewerteten Drachme könnten sich die meisten  inländischen Unternehmen - durch den Wechselkurs vor ausländischer  Konkurrenz geschützt – im Markt behaupten. Privates Investitionskapital würde wieder ins Land strömen und die Produktivität der Wirtschaft ansteigen. Natürlich müssten  die noch ausstehenden privaten und öffentlichen Forderungen des Auslandes abgeschrieben  und die griechischen Banken gestützt werden. Bis zu 90 Milliarden könnten auf Deutschland zukommen, hat das IFO Institut errechnet. Allerdings ist dieses Geld ohnehin weg. Doch die Wirtschaft, die jetzt im Sinkflug ist, würde – das zeigen die Erfahrungen in anderen Ländern - sehr bald wieder wachsen.

Das Idealbild hat seinen Preis

Das  vermeintlich sozial motivierte Argument, mit der Wiedereinführung der Drachme  ginge es der griechischen Bevölkerung noch schlechter  – zum Beispiel wegen der dann drastisch höheren Energiekosten –  trägt nicht. Denn der gegenwärtige Lebensstandard ist eine mit einem stetig wachsenden Schuldenberg finanzierte Wohlstandsillusion. Und muss nicht  auch eine substantielle Verringerung der Jugendarbeitslosigkeit als Vorteil dem Nachteil einer  Belastung durch eine Währungsabwertung gegenübergestellt werden? Die jetzt  sinnlos verpulverten Rettungsgelder könnten außerdem viel besser für gezielte Übergangshilfen eingesetzt werden, beispielsweise um die abwertungsbedingte  Verteuerung der Energiekosten abzumildern.
Mit dem  unbedingten Bekenntnis zur Währungsunion in bestehendem Umfang nehmen die Oppositionsparteien  das soziale Desaster in den Schuldnerstaaten bewusst  hin. Mit fundierten Argumenten gegen  eine Verkleinerung der Währungsunion können sie jedoch nicht aufwarten. Die Opposition ist Gefangene ihres eigenen Opportunismus und ihres ideologischen Korsetts.

Mehr als andere sehen die linken Parteien die Krise des Euro als Chance,  den  Traum  von  einer Europäischen Supermacht zu verwirklichen. Implizit ist   diese Hoffnung  mit der widersinnigen Merkel-Doktrin deckungsgleich,  dass mit einem Scheitern des Euro - und damit ist  bereits eine Verkleinerung der Währungsunion gemeint –  ein Scheitern Europas verbunden sei. Elmar Altvater,  Alt-Ideologe  der Linken,   drückt aus, was viele Linke denken:  Mit dem Erhalt der Währungsunion gehe  es „um die Bändigung des entfesselten Kapitalismus, um die Regulierung von Finanzmärkten, um sozial gesicherte Arbeitsplätze und um die Wende zu erneuerbaren Energien“. Diese Millenniumsaufgaben ließen sich „besser im großen Maßstab eines vereinigten Europa bewältigen als in einem durch den Spaltpilz der Finanzkrise getrennten und vermutlich zerrütteten Europa.“ Wer garantiert denn, dass ein großes, wegen interner Währungskrisen zunehmend zerrissenes Europa diese Erwartung   besser erfüllen kann als ein Europa mit einer kleineren Währungsunion, aber dafür politisch geeint?  Wird hier für ein  Idealbild die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten in Kauf genommen?

Warum glauben gerade sie an die „Ansteckungsgefahr“?

Auch die These,   eine Verkleinerung der Währungsunion würde - wegen der dann zu erwartenden  Aufwertung des Euro -  der Exportnation Deutschland  schaden, ist nicht stichhaltig.  „Vor allem zu selten und zu leise wird gesagt, dass Deutschland in sehr hohem Maße von Europa profitiert, dass der Titel „Exportweltmeister“ – den wir von 2003 bis 2008 innehatten – ohne die gemeinsame Währung wahrscheinlich schon früher an das aufstrebende China gegangen wäre“, so die Fraktion der Grünen. Dieses Argument mag gut ankommen. Wahr ist etwas anderes:  Es  ist gerade die  Exportdominanz Deutschlands,  die ursächlich für die Eurokrise ist.  Deutschland exportiert die Hälfte seiner Wirtschaftsleistung, davon gehen 40 Prozent in die Euroländer. Die eiserne Lohnzurückhaltung in der deutschen Wirtschaft hat den Eurokurs in der Vergangenheit nach oben getrieben, zum Nachteil der Krisenländer, die sich nicht mit einer Abwertung dagegen wehren konnten. Die Folge: Eine wachsende Auslandsverschuldung der Krisenländer.

Schließlich warnen  die Oppositionsparteien vor den unkalkulierbaren  „Ansteckungsgefahren“  eines Austritts Griechenlands – wie z.B. verstärkte Kapitalflucht. Das ist rätselhaft, halten doch sogar Eurogruppen-Chef Claude Juncker und der Bundesverband der deutschen Banken  einen Austritt  Griechenlands für beherrschbar. Und  befremdlich ist es, dass gerade globalisierungskritische Parteien derartige Effekte als unabänderlich hinnehmen.

Eine Verhöhnung der eigenen Wähler

Letztlich haben die  Oppositionsparteien nicht den politischen Mut, einen Austritt Griechenlands – verbunden mit einer geordneten Staatsinsolvenz, die Griechenland endlich von seiner niemals abzahlbaren Schuldenlast  befreien würde  - zu unterstützen. Zu offensichtlich würde, wie viel Geld in der Eurorettungspolitik schon verbrannt wurde, einer Politik, die die Opposition  zum großen Teil mitgetragen hat.

Die Oppositionsparteien – allen voran die SPD - haben beschlossen, im Wahlkampf auf das Thema „soziale Gerechtigkeit“ zu setzen, weil sie nicht daran glauben, in der Europapolitik gegen Angela Merkel punkten zu können. Das ist  eine Verhöhnung der eigenen Wähler, die sich nirgends so wie in der Europapolitik allein und ratlos zurückgelassen fühlen. Und es ist ein Verrat an den eigenen Idealen. Denn wo wenn nicht in der Europapolitik steht tatsächlich die soziale Gerechtigkeit und ein würdiges Leben von Millionen von Menschen auf dem Spiel?

Thilo Bode ist Gründer und Geschäftsführer der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch und war lange Jahre Manager bei Greenpeace.

Quelle: F.A.Z.
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