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Besuch bei den Eurokraten : Ein schwarzes Loch namens Verantwortung

  • -Aktualisiert am

Sehen so die Generaldirektoren der EU aus? Jedenfalls betritt eine Männergruppe das Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel. Bild: F1online

Die mächtigsten Leute in der EU sind die Generaldirektoren. Kaum jemand kennt sie. Sie sind aber gemeint, wenn auf die „Eurokraten“ geschimpft wird. Zu Recht? Eine Brüsseler Fahndung.

          „Eurokraten“ - damit ist eine einflussreiche, aber vollständig im Dunkeln bleibende Personengruppe gemeint, eine anonyme Behördenmacht, wie sie nirgendwo besser spürbar wird als in Brüssel. Hier sitzen sie also. Hier haust die verfemte Klasse von Europabeamten. Hier werden all die nutzlosen Verordnungen ausgeheckt über die Krümmung von Gurken und Bananen. Über Glühbirnen, die nicht leuchten.

          Die ranghöchsten dieser Beamten sind gut dreißig Generaldirektoren, von denen jeder unter einem Kommissar sein Ressort verwaltet. Die nationale Verteilung ist ungleich und erfolgt per Ernennung durch die Kommission. Es gibt derzeit acht Briten, je fünf Franzosen und Italiener, vier Deutsche, drei Niederländer und einzelne Vertreter kleiner Nationen, aber beispielsweise keine Tschechen, Rumänen, Bulgaren, Schweden, Finnen. Wer es bis an die Spitze einer europäischen Behörde geschafft hat, gilt in Brüssel als graue Eminenz, jahrzehntelang im Dienst, ohne Gesicht in den Medien, aber mit sehr viel Einfluss.

          Es gibt mächtige Europapolitiker, die darüber klagen, wie schwer es sei, Zugang zu einem Generaldirektor zu bekommen. Wir haben einige der einflussreichsten Beamten von Brüssel getroffen und sie gefragt, wer wirklich die Macht hat in Europa. Erste Überraschung: Es ist gar nicht schwer, mit den Eminenzen ins Gespräch zu kommen. Eine kurze Mail mit einer Anfrage genügt, die Behördenwege wirken sonderbar kurz.

          Etwa zu Stefano Manservisi. Als wir ihn in seinem Büro mit Blick aufs Europarlament treffen, ist der Anwalt aus Bologna, einstiger Stabschef von Romano Prodi, gerade auf dem Sprung als neuer EU-Botschafter in Ankara. Doch in den vergangenen Jahren hat der Italiener im „Home Service“ einige Portfolios bearbeitet, die bei den Bürgern Europas für die Allmacht der Kommission stehen: Visa und Grenzpolitik, Migration, Innere Sicherheit, Terrorismusabwehr.

          Funktionär für ein größeres Ganzes

          Manservisi arbeitet wie die meisten seiner Kollegen Generaldirektoren - also als oberster Beamter direkt unter dem jeweiligen Kommissar - schon seit dreißig Jahren in Brüssel. Mit der intimen Kenntnis des Apparats, Vertrautheit im belgischen Sozialleben, Sprachfertigkeit in mindestens drei Idiomen kann so ein Spitzenbeamter manchen unsicheren Kommissar aus Lettland oder Baden-Württemberg vielleicht gar einschüchtern. Und manche Hinterbänkler, die anfangs kaum ihren Sessel und ihr Fraktionskämmerchen im riesigen Rund des Europäischen Parlaments finden, erst recht. In solchen Kreisen mag die Legende entstanden sein von den unnahbaren, arroganten Spitzenbeamten der EU, die jenseits demokratischer Kontrolle den Laden laufen lassen.

          Doch dann erzählt Manservisi ganz unaufgeregt, dass er das Unbehagen der Bürger über „Brüssel“ gut nachvollziehen kann. Mit den Jahren sei die europäische Dimension der Politik immer wichtiger geworden, doch die Menschen könnten die Entscheidungsprozesse kaum nachvollziehen und die Personen kaum erkennen: „Wo ist die konkrete Macht meiner nationalen Regierung? Was genau ist Brüssel?“ Manservisi erzählt, dass sein eigener Sohn ihn lange gefragt habe, ob er hier denn Italien repräsentiere. Er erklärte, dass er als Funktionär für ein größeres Ganzes namens Europa stehe.

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