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Europas Zukunft : Haut doch ab!

  • -Aktualisiert am

Was braucht ein junger Mensch heute? Ein paar Euro, ein Easyjet-Ticket und einen europäischen Pass. Bild: Imago

Junge Europäer sollen die Probleme des alten Kontinents lösen. Es wäre aber besser für sie, ihn zu verlassen, denn die Städte sind für sie nicht mehr lebenswert.

          Wir“ ist kein schönes Wort, jedenfalls nicht im Moment. „Wir“ ist das überheizte, nach Apfelschnitzen und nassen Anoraks riechende Intercityabteil unter den Personalpronomina, vor allem aber ist es eine Lüge – und ein verlässlicher Marker für gesellschaftliche Verhältnisse. Je mehr eine abstrakte Gemeinschaft beschworen und eingefordert wird, desto tiefer sitzt der Karren für gewöhnlich im Dreck.

          In diesen Monaten muss er richtig tief drinstecken, denn das inklusive „Wir“ ist überall: Wir Europäer müssen zusammenstehen (gegen den Islamismus), wir schaffen das (mit den Flüchtlingen), und wir kriegen auch Europa wieder flott, von wegen Krise und so.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Da sollen auch die sogenannten jungen Leute nicht hintenanstehen. In ihrer Novemberausgabe veröffentlichte die Junge-Erwachsene-Zeitschrift „Neon“ einen großen „Wir“-Appell, ein sogenanntes „Europäisches Manifest“. Es trug die Überschrift „Wir sind Europa“ und wandte sich an die Jugend des Kontinents, insbesondere auch an die Deutschen.

          „Du bist Europäer – ganz offiziell. Das merkst du, wenn du am Flughafen den Schildern mit der blauen EU-Flagge folgst, ,EU Citizens‘ steht dann da. Sonst merkst du es nur selten, denn für dich sind die Privilegien Europas selbstverständlich.“ Doch das privilegierte Easyjet-Idyll ist bedroht: „Viel zu viele Menschen schimpfen über den Krisenkontinent (...). Die EU wird infrage gestellt. Das dürfen wir nicht zulassen“, mahnt „Neon“ ihre Leser. „Schließlich hat keine Generation mehr von Europa profitiert als unsere.“

          Ist das so? Als Beispiele für diese Privilegien nennt „Neon“ den Umstand, dass der junge EU-Bürger in 19 Ländern mit Euro bezahlen kann („Es macht etwas mit Menschen, wenn sie das gleiche Geld in der Tasche haben“, was an sich schon ein haarsträubender Satz ist), dass er jederzeit von Barcelona nach Wien fliegen kann oder zum Arbeiten von Italien nach London umziehen darf. Oder von Porto nach Stockholm.

          Eine neue Lost Generation verrottet

          Reisefreiheit und Freizügigkeit sind in der Tat Privilegien, von denen viele junge Europäer im Moment Gebrauch machen, sie haben auch gar keine andere Wahl. Dort, wo sie herkommen, gibt es nichts für sie zu tun, jedenfalls nichts, wovon sich leben ließe.

          Die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und Griechenland bewegt sich um die fünfzig Prozent, in Italien ist sie kaum niedriger, in Frankreich war 2015 ein Viertel der Bürger unter 25 arbeitslos oder ohne Ausbildung. Über ein Viertel der unter 18-Jährigen in Europa sind von Armut bedroht, sagt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung: Das sind 26 Millionen Kinder und Jugendliche. Und wenn diese jungen Europäer irgendwann doch einen Job finden, dann ist er immer häufiger befristet, prekär oder schlecht bezahlt.

          Vieles an dieser europäischen Gegenwart erinnert an die Weltwirtschaftskrise der Dreißiger. Eine neue Lost Generation verrottet in Wartestellung, hat keine Perspektive, gründet keine Familie. Man kann nun versuchen, diesen überflüssigen Menschen ihre wurzellose Armut als Privileg zu verkaufen. Ab ins Flugzeug, junger Europäer, „mit nichts dabei, außer deinem Personalausweis und ein paar Euro“. Dass man mehr nicht hat auf der Welt, dass man wie ein besserer Tagelöhner dahin aufbricht, wo es vielleicht tausend Euro zu verdienen gibt im Monat, das kann man sich in Hamburger Redaktionsstuben vielleicht wirklich einfach nicht vorstellen.

          Etwas läuft grandios falsch in Old Europe

          „Wenn du zulässt, dass Europa kaputtgeht, handelst du gegen deine Chancen“, warnt „Neon“. Welche Chancen? Sind es nicht eher Aufgaben und Pflichten? Gigantische Schuldenberge abtragen, Millionen Flüchtlinge integrieren, viele, viele Rentner versorgen und dabei noch selbst Kinder aufziehen, damit der Umlaut und die Siesta nicht aussterben.

          Das ist ja eine ganze Menge, was die jungen Spanier, Italiener, Griechen, Franzosen, Deutschen und Polen da in den nächsten Jahrzehnten so alles geregelt kriegen sollen. Sie werden dabei ziemlich allein dastehen, denn die in den Achtzigern geborenen Millennials sind zahlenmäßig viel kleiner als die Elterngeneration – die Jahrgangsstärke hat sich in Deutschland binnen vierzig Jahren nahezu halbiert. Aber nicht nur die Zahl, auch alles an ihnen ist eine Nummer kleiner. Vor allem auch ihre Chancen.

          Weiter so? Die EU bietet der jungen Generation wenig.

          Etwas läuft grandios falsch in Old Europe, und es hat nichts mit Flüchtlingen oder Terroristen oder dem Klimawandel zu tun. Es ist kein Schicksal, keine Naturkatastrophe, die über die Leute hereinbricht. Es sind von Menschen gemachte und gewollte Entscheidungen, die anderen die Zukunft wegnehmen. Menschen, die kein Mittzwanziger in ein „wir“ einschließen muss, sondern die er oder sie gern auch mal mit „ihr“ ansprechen kann oder mit „die“. Die, in den letzten zwanzig Jahre die Voraussetzungen für das Desaster geschaffen haben, das ihre Kinder heute ausbaden sollen: die Fünfzig- bis Sechzigjährigen. Bald gehen die sogenannten Babyboomer in Rente. Bevor es in die Toskana geht, hätten ihre Kinder da aber noch ein paar Fragen.

          Nichts mehr zu sagen als: Weiter so!

          Warum haben sie die soziale Mobilität der Nachkriegszeit abgeschafft, dank der sie selbst emporgeklettert sind? Warum haben die Babyboomer wieder und wieder die Politik der Austerität gewählt, warum haben sie überall, sobald sie in den Neunzigern an der Macht waren, den Bankensektor dereguliert, warum haben sie die Universitäten in neugierfeindliche Massenbetriebe verwandelt? Warum haben sie Millionen öffentlicher Wohnungen verkauft, die Städte öde und investorengerecht werden lassen? Warum werden in Europa immer wieder Banken gerettet, aber nie die Zukunft? Warum nimmt die Ungleichheit der Einkommen und Vermögen immer nur zu?

          Das sind keine Entscheidungen, die in der Weimarer Republik getroffen wurden, es sind Entscheidungen der letzten zwanzig, dreißig Jahre. Um was genau ging es diesen Leuten? Was ist ihre Botschaft, ihr Erbe? New Labour, Agenda 2010, Bologna-Reform. Und sonst? Die Generation von Merkel und Sarkozy, von Juncker und Barroso, die unsere Gegenwart definiert, hat keinen Krieg überlebt oder verhindert, keinen neuen Planeten betreten und auch nicht die Rockmusik erfunden. Trotzdem hält sie sich für den Sieger am Ende der Geschichte und will partout nicht alt werden, vor allem aber keinen neuen Entwurf zulassen. Fünfzigjährige rennen heute mit Turnschuhen durch Clubs, als ob sie zornige junge Männer wären, haben aber nichts mehr zu sagen als: weiter so.

          Warum also bleiben sie an der Macht, nicht nur politisch, sondern auch kulturell? Das hat vor allem mit Demografie zu tun. Der Sozialpädagoge Gunnar Heinsohn erinnerte sich kürzlich in einem Gespräch mit der „Zeit“ an die Griechenlandkrise und die hohe Arbeitslosigkeit in Südeuropa. Renommierte Professoren hätten ihn damals gewarnt: Diese Situation sei explosiv und führe zu Gewalt. Er habe den Professoren damals widersprochen: „Die zornigen jungen Griechen sind statistisch gesehen einzige Söhne oder einzige Kinder, die allemal im Hotel Mama unterkommen.“

          Wirtschaftswachstum und Sachen kaufen

          Und da wohnen sie noch heute. Es gibt unter den Millennials kaum Wut. Es ist eher eine stille Ergebenheit, eine schwer erklärbare Dankbarkeit dafür, immerhin irgendwas zu bekommen, irgendwo, irgendwann. Ein Praktikum, einen Zeitvertrag, ein Lob, eine Schwangerschaftsvertretung. Es gibt ja immer noch einen, der es für weniger macht.

          Eine Revolution der Jungen, eine Revolte der Überflüssigen wird es vielleicht nicht geben. Aber einen tiefen Bruch, einen, der lautlos und unsichtbar bleibt und darum nicht weniger bedeutend sein muss als eine Eruption. Einen Riss, der durch die naive, apolitische Vorstellung von einem „geeinten“ Europa geht. Geeint in was? Wirtschaftswachstum, Sachen kaufen. Mehr Wirtschaftswachstum. Mehr Sachen kaufen.

          Der tiefe Glaube der Nachkriegsgeneration, dass die Dinge schon einen Sinn stiften werden, wenn man sie nur in ausreichender Menge und Qualität zusammenträgt, erodiert gerade. Gesellschaften, die sich immer noch über ihren Konsum definieren, bekommen ein Problem, wenn zu viele Leute kein Geld mehr haben, das sie ausgeben können, für teure deutsche Neuwagen zum Beispiel. Lieber mit dem Fernbus fahren oder mit dem Fahrrad.

          Prekarität hat tiefgreifende Auswirkungen

          Andere rebellische Gesten bleiben aus. Solange die jungen Europäer ihre Füße unter Muttis Tisch stellen, folgen sie ihren Regeln und fassen an, wo man es ihnen sagt. „Das geeinte Europa ist ein Projekt, an dem wir unbedingt weiterarbeiten sollten“, mahn-motiviert die „Neon“ ihre Leser. Die Millennials sollen, mit anderen Worten, ein Haus renovieren, in dem sie nur zur Untermiete wohnen – und zwar befristet.

          Warum? Wenn politisch denken heißt, Widersprüche zu erkennen und in Argumentationen zu verwandeln, wenn es bedeutet, zwischen gesellschaftlichen Gruppen und ihren Interessen unterscheiden zu lernen, dann ist es zutiefst unpolitisch, in einem solchen Haus „wir“ zu sagen. Warum sollte sich ein 25-jähriger Europäer von den Durchhalteparolen der gutversorgten Multiplikatoren, der Mandats- und Entscheidungsträger angesprochen fühlen?

          Es geht da nicht nur um Geld. Prekarität ist kein rein materielles Problem. Pierre Bourdieu hat im Dezember 1997 darüber einen Vortrag gehalten, einen Vortrag, der gerade sozusagen volljährig wird und an dessen Prämissen sich binnen achtzehn Jahren nichts geändert hat, im Gegenteil: „Prekarität hat bei dem, der sie erlebt, tiefgreifende Auswirkungen“, so der Soziologe und Philosoph. „Indem sie die Zukunft überhaupt im Ungewissen lässt, verwehrt sie den Betroffenen gleichzeitig jede rationale Vorwegnahme der Zukunft und vor allem jenes Mindestmaß an Hoffnung und Glauben an die Zukunft, das für eine vor allem kollektive Auflehnung gegen eine noch so unerträgliche Gegenwart notwendig ist.“

          Eine Zukunft als Ruhestands-Eldorado

          Bourdieu macht deutlich, dass Prekarität immer auch die noch nicht Prekarisierten betrifft: Sie flößt allen das Gefühl ein, ersetzbar zu sein, macht sie ängstlich und zukunftsscheu. Warum also bleibt die Generation Y überhaupt hier, was erwarten sie noch?

          Europa hat eine Zukunft vor allem als Ruhestands-Eldorado, als Produzent wertiger Accessoires und Destination für globalen Tourismus. Die vielbeschworene europäische Stadt wird in zwanzig Jahren ein Disneyland sein, in dem man sich die Miete nicht leisten kann und auf dessen Bürgersteigen alle sehr langsam gehen. Ein Standort, durch den marathonlaufende Entscheider mit randlosen Brillen wandern und sich mit dem iPhone das neue Grönemeyer-Album herunterladen. Praktisch kein junger Europäer kann sich heute ein normales Leben in europäischen Hauptstädten wie Paris, Rom, Madrid oder London leisten. Für wen sind diese Städte dann aber da? Für norwegische Rentner, die sich ihre dritte Eigentumswohnung einrichten? Für Chinesen, die Chanel und Prada leerkaufen? Offensichtlich.

          Vielleicht wachen all die jungen, prekarisierten Europäer ja eines Tages auf in den Kinderzimmern, die sie mit Anfang dreißig noch bewohnen. Vielleicht geben sie sich irgendwann nicht länger damit zufrieden, mit Kleingeld in der Tasche von Madrid nach London fliegen zu dürfen oder von Athen nach Berlin.

          Nicht überall sind junge Menschen so überflüssig

          Wir wollen kein Kleingeld, mögen sie sich sagen, wir wollen ein richtiges Leben, an einem Ort, den wir zu unserem machen können. Und wenn Europa dieser Ort nicht ist, dann gehen wir eben woandershin. Es sind ja nicht nur die Binnengrenzen, die qualifizierten jungen Europäern offenstehen, sondern auch die von Kanada und den Vereinigten Staaten, von Australien und Neuseeland. Diese Einwanderungsnationen werden in den nächsten Jahrzehnten nicht schrumpfen, sondern wachsen. Die Bevölkerungspyramiden dieser Länder sehen noch wie Tannenbäume aus und nicht wie Pilze oder Urnen.

          Es sind vielleicht keine Millionen, die da gehen oder gehen werden, aber es sind, das liegt schon an den schwierigen Anforderungen, oft die am besten Qualifizierten und Motiviertesten, die abhauen. Leute, die ihr Potential auch in Europa hätten entfalten können. Nicht überall auf der Welt sind junge Menschen so überflüssig wie in Europa. Kanada und Australien werben aktiv um Einwanderer, auch in der EU.

          Wäre es ein Bruch? Auswanderung ist seit Jahrhunderten eine bewährte europäische Tradition. Man würde nichts anderes tun als die Vorfahren im 19. Jahrhundert. Länder wie die Vereinigten Staaten und Kanada, die damals Ziele waren, sind heute immer noch Versprechen. Die mit ihren zwanzig Jahren schon greisenhafte EU dagegen hat, wie es aussieht, keine Verwendung mehr für Jugend oder Jugendlichkeit, ihre Aggression, Durchgeknalltheit und Sehnsucht. Lieber verbietet sie Glühbirnen und reguliert Kerzen. Es ist aber völlig okay, wenn es ab und zu mal brennt.

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