Home
http://www.faz.net/-gsf-shui
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Europas Kulturinstitute Geist für die Welt

28.04.2006 ·  Die Globalisierung hat auch die Kultur erfaßt: Das Goethe-Institut ist nicht die einzige Einrichtung seiner Art, die in Wachstumsregionen expandieren will. Echte Konkurrenz entbrennt.

Von Heinrich Wefing
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Natürlich war es nur ein Zufall, daß die Eröffnung des ersten chinesischen Konfuzius-Instituts in Deutschland am Donnerstag an der Freien Universität Berlin just in dieselbe Woche fiel, da zwei hochrangige Vertreter des „British Council“ in die Hauptstadt kamen, um für eine Studie über die Zukunft des britischen Kulturinstituts in Europa zu recherchieren. In ihrer zeitlichen Koinzidenz aber markieren beide Ereignisse ziemlich exakt die Lage, mit der sich alle Kulturvermittler momentan konfrontiert sehen: Wie die Weltpolitik insgesamt wird auch die Landkarte der Kulturaustauschs immer unübersichtlicher.

Die Eröffnung des Konfuzius-Instituts ist ein Beispiel für die massiven Bemühungen Chinas, seine Präsenz in der Welt auch kulturell zu verstärken. Europa ist dabei womöglich ein eher abseitiges Betätigungsfeld: Fachleute berichten von enormen, auch finanziellen Anstrengungen, die Peking in Afrika und Lateinamerika unternehme, um dort mit den Mitteln der „cultural diplomacy“ an Einfluß und Prestige zu gewinnen. Viel wird auch von den Strömen saudischen Geldes geraunt, die in alle Welt flössen, um im Wettbewerb der Ideen mithalten zu können. Zusehends intensiv wird daher in fast allen westlichen Kulturvermittlungsinstitutionen, sei es beim British Council, sei es beim Institut Français oder beim Instituto Cervantes, darüber nachgedacht, wie man selbst auf die veränderte Situation reagieren könne. Und das gilt auch fürs Goethe-Institut.

Man spricht es nicht aus: Es geht um globale Konkurrenz

Natürlich sind Kulturarbeiter durchweg viel zu distinguiert, um von einer globalen Konkurrenz zu sprechen. Aber genau darum geht es. Um Einfluß, um Präsenz, um intellektuelle Interessensphären. Die Regionen, auf die sich in diesem geistigen Fernduell das Interesse konzentriert, sind schnell identifiziert: China vor allem, Südostasien, die arabisch-muslimische Welt. Dieser Blickwechsel, der Wille zur Neujustierung der Perspektiven, ist bei den Strategen der europäischen Kulturvermittlung unübersehbar. Niemand spricht es gern offen aus, aber „die islamische Frage“, das Gespenst eines Kampfes der Kulturen, erzwingt Antworten auch von den Agenten des geistigen Austauschs.

Freilich sind die Schattenseiten einer solchen Umorientierung ebenso offenkundig. Steve Green, langjähriger Mitarbeiter des British Council, und Jim Ring, ein externer Berater, reisen derzeit durch Westeuropa und Nordamerika, um in den lokalen Niederlassungen der britischen Außendarstellungsagentur Stärken und Schwächen, Pläne und Projekte zu eruieren. Im Frühsommer wollen sie einen Bericht über die künftige Ausrichtung der Arbeit des British Council in wichtigen Regionen vorlegen. Das Vorhaben heißt „Options for Change Review“, zu deutsch etwa „Chancen für den Wandel“.

Besonders im Blick: das „Westeuropa-Problem“

Ganz besonders treibt Green und Ring und deren Auftraggeber in London dabei das „Westeuropa-Problem“ um, das gegenwärtig auch das Goethe-Institut quält. Welche Rolle sollen in Zukunft die Institute in den westeuropäischen Großstädten spielen? Ebendie Häuser also, die traditionell die Aushängeschilder ihrer jeweiligen Organisationen waren und lauter Erfolgsgeschichten geschrieben haben, so daß leicht der Eindruck entstehen könnte, sie seien überflüssig geworden, ihre Aufgabe habe sich erledigt, weil längst ein dichtes Gewebe von Kulturkontakten entstanden sei, von Konzertagenturen, Lesereiseveranstaltern, Kunstmessen; weil Kultur mehr denn je selbstverständlich international sei. Und in der Tat: Braucht das British Council in Berlin noch eine Präsenzbibliothek, wo doch alle besseren Bücherhallen auch fremdsprachige Literatur anbieten und jedes englische Buch im Internet nur anderthalb Tage Lieferzeit entfernt ist?

Jim Rings Antwort ist eindeutig. Er hält nichts von der Meinung, die westeuropäischen Institute des British Council hätten ihre Aufgabe erledigt. Er wolle es in den Kopf eines jeden Kulturpolitikers prügeln, sagt der Berater mit Nachdruck: „Diese Aufgabe wird nie erledigt sein.“ Jede nachwachsende Generation müsse neu für den Gedanken des Kulturaustauschs gewonnen werden, jede müsse lernen, Vorurteile und nationale Stereotypen abzulegen.

Anderthalb Institute im bevölkerungsreichsten Staat der Erde

Das hat das Council freilich nicht davon abgehalten, sein europäisches Institutsnetz kräftig zurückzustutzen, Häuser zu schließen und nicht wenige Aktivitäten einzustellen. Weitere Kürzungen der öffentlichen Zuschüsse für die Institute in dieser Region in den kommenden beiden Jahren sind bereits fest eingeplant, dazu eine „radikale“ Revision ihrer Aufgaben und Tätigkeiten, wie es in der „Strategy 2010“ des British Council ausdrücklich heißt. Konkret wird wohl vor allem darüber nachgedacht, teure Immobilien in besten Innenstadtlagen aufzugeben, auf Bibliotheken und Sprachkursangebote zu verzichten und verstärkt Kooperationen mit lokalen Partnern einzugehen.

Die Balance zwischen europäischen und globalen Ambitionen steht auch im Zentrum der derzeitigen Debatte um die Zukunft des deutschen Goethe-Instituts. Jedenfalls müßte das eine Kernfrage sein: Welches Gewicht soll den Häusern in Europa in einer neusortierten geopolitischen Situation noch zukommen? Derzeit fließen reichlich vierzig Prozent der Mittel des Goethe-Instituts in seine Repräsentanzen in Westeuropa. Zum Vergleich: Der British Council gibt dort etwa zehn Prozent seines Budgets aus. Im bevölkerungsreichsten Staat der Erde, in China, ist Goethe hingegen nur mit anderthalb Instituten vertreten, der Council immerhin mit sechs Häusern. Dieses Verhältnis zumindest auf mittlere Sicht neu auszutarieren, was zu Lasten der Präsenz in Westeuropa geschehen würde, das ist das erklärte Ziel der Goethe-Präsidentin Jutta Limbach und ihres Generalsekretärs Hans-Georg Knopp. Durchgedrungen sind sie damit in der Öffentlichkeit nicht. Im Gegenteil. Ihre bisherigen Versuche, das Vorhaben zu erläutern, haben zu einem veritablen Kommunikationsfiasko geführt.

Eine Liste mit bis zu dreißig Instituten

Seit in den Medien berichtet wurde, dem Goethe-Institut in Kopenhagen drohe die Schließung, ist das Goethe-Institut nicht mehr aus der Defensive herausgekommen. Welche Inhalte künftig mit welchen Instrumenten vermittelt werden sollen und worin sich die versprochene neue Beweglichkeit von einem Diätprogramm unterscheidet, darüber gab es bestenfalls Andeutungen. Schon schwirren Gerüchte durchs Land, in der Münchener Zentrale lägen fix und fertige Schließungspläne in den Präsidialschubladen, die nur noch auf die Absegnung durch Außenminister Steinmeier warteten. Von bis zu dreißig Instituten, die drastisch abgespeckt oder gleich ganz aufgegeben werden sollen, um das chronische Defizit des Instituts auszugleichen, wollen die Wisperer wissen.

Vielleicht hoffen einige Akteure, durch das Verfassen von Streichlisten den politisch Verantwortlichen in Berlin derart dramatisch vor Augen zu führen, was auf dem Spiel steht, daß auf Schließungen fortan ein für allemal verzichtet wird. Ein derart abgezocktes Manöver wäre freilich keine gute Idee. Nicht nur, weil die öffentliche Empörung unkalkulierbar und der Motivationsschock für die Mitarbeiter verheerend wäre. Sondern vielmehr, weil am Ende vielleicht ein Haushälter auf den Gedanken kommen könnte, die Schließungsangebote dankbar zu exekutieren. Die Mitbewerber aus aller Welt würden feixend zuschauen.

Quelle: F.A.Z., 28.04.2006, Nr. 99 / Seite 35
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3