Europäische Union: Visionen? Moment, Arzt kommt gleich
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Europäische Union : Visionen? Moment, Arzt kommt gleich

Nach der Brexit-Entscheidung diskutierter denn je: die europäische Idee Bild: dpa

Die Suche nach den verlorenen europäischen Werten kommt der Jagd auf ein politisches Einhorn gleich: Europa als philosophisches Problem betrachtet, halb im Spaß, halb im Ernst.

          Es ist es tatsächlich schwer, keine Satire zu schreiben; erst recht, wenn man hört, was über die Europäische Union immer so gesagt wird. Versuchen wir’s.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Die Brexit-Entscheidung ist kein Einschnitt, schon gar kein historischer. Er zeigt nur, wie felsenfest das europäische Fundament ist. Deshalb dürfen wir, die junge Generation, den Kopf auch weiterhin in den Sand stecken und nur an unseren eigenen Lebensentwürfen basteln. Das Votum ist für uns alle eine Beruhigungspille, die uns die Besinnung darauf, was Europa eigentlich ist und was wir damit wollen, zum Glück erspart. Denn es ist gar nichts mit Europa, absolut nichts, es war nie etwas damit und wird es nie sein.

          Was hat es uns denn gebracht? Nichts – außer vielleicht Frieden, Freiheit, Wohlstand und eine weltoffene, tolerante Gesellschaft, Errungenschaften, die uns in den Schoß gefallen sind, die aber das Blut, den Schweiß und die Tränen unserer Großmütter und Großväter, unserer Mütter und Väter gar nicht wert waren. Daher sollten wir jetzt eine gemeinsame Anstrengung unternehmen, um diese Werte wieder loszuwerden. Und das geht nur ohne Europa. Deswegen ist nun die Stunde der Populisten: Sie haben besser als seriöse Politiker erkannt, dass sich die Völker nach einem Rückfall in die strahlendste Vergangenheit des Nationalismus sehnen. Wir müssen uns nur noch auf den Weg dorthin machen. Denn die Richtung ist klar: vorwärts nimmer!

          Die Zukunft liegt im konsequenten Aufbau der Bürokratie

          Und das wird sehr leicht: Wir brauchen dafür nur inkompetente, ideen- und phantasielose, am besten schon ganz alte und ausschließlich männliche Politiker, die an ihren Sesseln kleben und nur auf Macht und Privilegien aus sind. Denn nur solche egoistischen, graumelierten, von niemandem gewählten Techno-, ja, Bürokraten, die in verdunkelten Hinterzimmern an der weiteren Zerstörung des Projekts namens Europa arbeiten und denen die Zukunft der jungen Generation völlig egal ist, können uns den Weg dorthin bahnen.

          Dazu braucht es nicht viel, nur Verzagtheit, Indifferenz und Verlogenheit. Lange genug haben uns die Politiker eingeredet, es bedürfte für dieses Projekt einer starken Zuversicht und Tatkraft. Und lange genug haben wir in Frieden gelebt, als dass wir den Wunsch noch unterdrücken könnten, dass sich die Völker mal wieder so richtig die Köpfe einschlagen. Denn wer hat uns diese historisch einmalige Lage aus Völkerverständigung, Toleranz, Freiheit des Wirtschaftens und Reisens beschert? Charismatische Visionäre! Das Brett, das wir bohren, ist zum Glück verdammt dünn. Daher: Schluss mit Optimismus und Phantasie, her mit dem Geist bleiernen Stillstands, ja, Rückschritts. Jetzt sind schlichte Parolen gefragt, kein kluges Abwägen mehr.

          Aber was ist konkret zu tun? Die Zukunft liegt im konsequenten Ausbau der Bürokratie, da wird es natürlich auch heilige Kühe geben. Erst wenn alle Strukturen so richtig verkrustet, alle Regeln noch unklarer und alle Verhandlungswege noch verschlungener sind, das Ganze also vollends intransparent geworden ist, dürfen wir auf eine Vergangenheit hoffen, in der es weder Schutz für Minderheiten noch Solidarität mit den Schwachen gibt, sondern jeder nur an sich denkt.

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