06.10.2005 · Ceuta, Meililla, Lampedusa: Am Mittelmeer wankt die Festung Europa im Ansturm der Ärmsten. Die EU will ihre Zivilisation nach Ankara exportieren, kann die Wanderung in ihre Grenzen aber längst nicht mehr kontrollieren.
Von Dirk Schümer, VenedigMit den ersten Stürmen des Herbstes räumen die Bademeister an Italiens Stränden die Liegestühle ins Winterquartier, nur in Lampedusa dauert die Badesaison noch bis November. Das ist kein Wunder, denn das Felseneiland und Tauchparadies - südlichster Punkt Kerneuropas - liegt weit unterhalb von Gibraltar und Tunis und gehört klimatisch zur Sahara. Im Unterschied zu Adria und Riviera müssen die sonnenverwöhnten Bademeister hier allerdings befürchten, daß der stürmische Herbst Leichen an die Küste spült - Menschen, die auf dem Weg nach Deutschland oder Belgien an den Haien scheiterten. Lampedusa ist der südlichste Punkt der Festung Europa, von der man hier unten längst nicht mehr glaubt, daß es eine Insel der Seligen sei.
Ende Juni herrschte hier nicht nur an den Stränden Hochsaison. Da saßen im insularen Auffanglager 650 Migranten - weit mehr als das Dreifache der Kapazität. Innerhalb eines Tages waren erst 300 Somalier angelandet, unter ihnen 80 Frauen mit vielen Kleinkindern. Dann kamen immer neue Boote mit Afrikanern, zuletzt schleppte die Küstenwache ein leckes Schlauchboot mit 22 armen Teufeln in den Hafen, die sie zufällig auf hoher See aufgegabelt hatten. Die Menschen hatten das Wasser, in dem sie standen, zuletzt mit Eimern über Bord geschaufelt. Für die Nachrichten bedeuten solche Schicksale nicht einmal mehr Kleingedrucktes.
In Lampedusa entscheidet sich das Schicksal Europas
Und doch entscheidet sich im abgelegenen Lampedusa, wo früher nur ein paar Schwammtaucher und Fischer ein Auskommen fanden, wie kaum anderswo das Schicksal Europas. 1801 „Clandestini“, also Illegale, betraten hier von Anfang August bis Mitte September unter Lebensgefahr die Zone von Schengen. Wie viele vorher kenterten und in der Bucht von Hammamat ertranken, kann man nicht einmal schätzen.
Illegal, wenn denn ein Mensch illegal sein kann, ist an diesen Migranten ihre Herkunft aus den demographischen Boomregionen von Mittelost und Zentralafrika. Illegal agiert auf dem komplett überforderten Lampedusa aber vor allem der Staat. Italienische Menschenrechtler beklagen eine Situation der Rechtlosigkeit: „Fortwährend werden italienische Gesetze und internationale Abkommen verletzt; Menschen werden erniedrigend und entwürdigend behandelt.“ Gemeint sind gewaltsame Massenabschiebungen nach Libyen, das Zusammensperren von Frauen, Kindern und Männern, Abtransport ohne Identifizierung. Es sei nach den strengen Einwanderungsgesetzen der Regierung Berlusconi, die einen Anstellungsvertrag bereits jenseits der Sahelzone voraussetzen, „unmöglich, legal nach Italien zu kommen“.
Lieber mit Blaskapelle und kostenlosen Windeln empfangen?
Ob das schnell alternde Europa wirklich gut daran tut, arbeitswillige Frauen mit Kleinkindern, also potentiellen Rentenzahler, für teures Geld in die Sahara zurückzutransportieren, anstatt die Babys mit der Blaskapelle und kostenlosen Windeln zu empfangen? In jedem Fall beweist das Schicksal von Lampedusa, daß das Mittelmeer seinen Namen zu Recht trägt. Seit dreitausend Jahren trennt es nicht die Landmassen, sondern wird vielmehr von einem gemeinsamen Handels- und Verkehrsraum wie ein Binnensee umschlossen. Über das „Mediterraneo“ kamen die Etrusker und die Griechen, die Araber und die Normannen, die Byzantiner und die Spanier nach Italien. Und die Türken haben es ausgiebig versucht.
Das apulische Otranto, das andere Eingangstor zu Italien jenseits der albanischen Küste, legten die Osmanen 1480 in Schutt und Asche, massakrierten die Einwohner und riefen damit in Europa, keine dreißig Jahre nach dem Fall Konstantinopels, Angst und Schrecken bis jenseits der Alpen hervor. Heute befindet sich hier ein großes Auffangzentrum für Illegale aus dem Osten. Das Ansinnen, die Türkei in die Europäische Union aufzunehmen, verdankt sich auch dem naiven Kalkül, die Menschenströme aus Vorderasien bereits dort hinten zu kanalisieren, wo die Völker aufeinander schlagen. Und doch wirkt der verzweifelte Versuch, der demographischen Wanderung mit Grenzen zu Assyrien und Mesopotamien Herr zu werden, am Mittelmeer wie ein Ausbund historischer Blindheit.
Die Öffnung Europas bis nach Ankara: eine zynische Strategie
Jahrhundertelang haben in der Adria und rund um Sizilien venezianische, neapolitanische, päpstliche Schiffe gegen die Türken gekämpft. Wenn diese damit einen herausragenden Beitrag zur Formierung Europas leisteten, dann als einigender Gegner, als das Antieuropäische schlechthin. Per Federstrich die Türken zu potentiellen Europäern zu erklären, das ist historisch etwa so sinnvoll wie Zigaretten als Hustenbonbons zu verkaufen. Doch war die Kulturgrenze keineswegs auch ein Abgrund zwischen Zivilisation und Barbarei. Bis 1600 war Europa technologisch, administrativ und militärisch dem Genie der Osmanen nicht gewachsen. Und die griechischen Bewohner Kretas haben noch 1663 jubiliert, als die islamischen Türken sie - mit milder Steuerpolitik und straffer Verwaltung - vom Joch der Venezianer befreiten.
Nur: Als Europäer empfanden sich eben immer die Österreicher, Ungarn, Venezianer, Kroaten, Spanier, Briten, Franzosen, Griechen, wenn sie sich bei allem Zwist gegen die nichteuropäischen Türken zusammentaten. Zur Pointe einer europäischen Türkei soll die Eingemeindung des demographischen Wachstums in die greise Schengenzone werden, obwohl sich die - der Frauenentrechtung geschuldete - hohe Geburtenrate auch in Anatolien mit wachsendem Wohlstand gehörig absenkt.
Das kollabierende Sozialsystem Europas ist nicht vorbereitet
Bestenfalls läßt sich die immer vermessenere Öffnung Europas über Bukarest und Sofia bis nach Ankara und Eriwan als zynische Strategie verstehen, diese Länder angesichts der islamistischen Nachbarn wenigstens ein paar Jahre hinzuhalten, zu demokratisieren und irgendwie mit einer vagen Perspektive zu stabilisieren, bevor ein einziger Volksentscheid in Estland, Irland oder Malta dem Spuk dann ein Ende bereitet.
Doch wie hilflos wirkt ein Europa, das nachtwandlerisch nach Osten zieht wie ein Quäkertreck durchs Indianergebiet - und dabei die Große Wanderung in seine Binnengrenzen längst nicht mehr kontrollieren kann. Bevor in Ankara die europäische Fahne weht, also frühestens 2015, werden sich bereits von Osten Millionen von Kurden, Arabern, Pakistaner, Chinesen in das kollabierende Sozialsystem Europas aufgemacht haben, das darauf nicht einmal im Ansatz vorbereitet ist. Die sowieso stattfindende Wanderung überläßt unsere Kultur, indem sie einfach vor dem Problem die Augen schließt, mafiösen Dealern - mit allen humanen Katastrophen, die daraus erwachsen.
Ein Altenheim, das sein Pflegepersonals aus Sklaven rekrutiert
Nicht nur über die Rechtlichkeit, auch über die ökonomische Zukunft Europas verhandelt man derzeit weitab von Istanbul und Ankara auf einsamen Grenzposten wie dem Inselchen Lampedusa. Verschreckte Migranten und überforderte Polizei sind allerdings Instanzen, die dafür nicht zuständig sind. Statt härterer Einwanderungsgesetze, statt Nachtsichtgeräten für die Küstenwache und schäbigen Auslieferungslagern benötigt Europa eine Zuwanderungspolitik mit Quoten, Beratung an der Grenze, Pässen und legalen Arbeitsplätzen. Bisher geraten vorwiegend kriminalisierte Findelkinder in unsere Ökonomie, wo sie dann, untergetaucht und gehetzt, bis in die harmloseste Kleinfabrik und in den wohlhabendsten Bürgerhaushalt hinein die anfallende Drecksarbeit zu erledigen haben, selbstredend „illegal“. Europa, das doch seine famose Zivilisation bis ins wilde Kurdistan exportieren möchte, gleicht dabei immer mehr einem Altersheim, das sein Pflegepersonal am allerliebsten aus Sklaven rekrutiert.
An die Strände Italiens, wo sich wie immer einen Sommer lang das Heer der Freizeiteuropäer ausgeruht und amüsiert hat, brandet mit dem stürmischen Herbst weiter unablässig das mare nostrum, das wie in der Antike Arme und Reiche verbindet. Dem Mittelmeer, diesem Schoß der europäischen Kultur, ist es völlig gleichgültig, ob Muslime oder Christen es befahren, ob Menschen oder Waren oder Menschen als Waren über seine Wellen befördert werden. Und in Wahrheit ist es auch uns Europäern egal, ob immer neue Leichen Verzweifelter an unsere Strände spülen.
Mare crisium
Sascha Weigel (sawe)
- 06.10.2005, 14:46 Uhr