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Europäische Filmwirtschaft : Dann gibt es uns nicht mehr

  • -Aktualisiert am

Akut gefährdet: Filme wie „Das weiße Band“ von Michael Haneke sind auf die Lizenzierung im europäischen Ausland angewiesen. Bild: Allstar/Artificial Eye

Wenn die Europäische Union ihren Plan zur Vermarktung von Online-Rechten an Filmen und Serien durchsetzt, werden Europas Filmproduzenten entscheidend geschwächt.

          Die Dinge bewegen sich. Seit diese Zeitung über den EU-Plan berichtete, per Verordnung eine europaweite Vermarktung von Online-Rechten an Filmen und Serien ins Werk zu setzen, wodurch Europas Produzenten die Auslandsvermarktung und damit eine ihrer Finanzierungssäulen wegbricht, stehen die Befürworter dieser Regeländerung unter Rechtfertigungszwang. Dass mehrere hundert Regisseure, Autoren und Produzenten an die EU-Kommission den Appell gerichtet haben, die Verordnung nicht zu erlassen, sorgt denn wohl doch für Eindruck. Die europäische Filmwirtschaft sieht durch die grenzüberschreitende Vermarktung der Online-Rechte ihre Lage gefährdet: Sie ginge zu Lasten der Urheber und werde dem Publikum schaden, da die Vielfalt der hiesigen Film- und Fernsehproduktion abnehme.

          Der EU-Abgeordnete Tiemo Wölken (SPD) musste sich in diesem Zusammenhang als Berichterstatter im Rechtsausschuss des EU-Parlaments von der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft SPIO scharfe Kritik gefallen lassen. Wölken, der mit der Vorsitzenden des Ausschusses für Kultur und Bildung (CULT), Petra Kammerevert (SPD), zusammenarbeitet, sagte vor einer entscheidenden Abstimmung an diesem Mittwoch im Kulturausschuss, er habe zunächst einmal eine Extremhaltung formuliert, um „auszuloten“, was möglich sei. Er macht im Gespräch aber auch kein Hehl daraus, zu wessen Gunsten die neue Verordnung ausfiele: „Wir wollen es für die Sender günstiger machen, Produktionen anderer europäischer Sender auszustrahlen.“ Das heißt: Erwirbt ein deutscher Sender die Online-Rechte an einem Film, ist dieser unter nur einer Lizenz auch in allen anderen 27 EU-Mitgliedstaaten zu sehen. Die Auslandsvermarktung eines Films ist so perdu.

          „Grundsätzlich soll das Urheberrecht bleiben“

          Dieser Zeitung liegt die finanzielle Aufschlüsselung eines mehrfach preisgekrönten, in Koproduktion entstandenen Films vor. Dessen Budget von zwölf Millionen Euro würde nach der neuen Verordnung durch den Wegfall der Auslandsauswertung der Koproduzenten um drei Millionen Euro schrumpfen. So wäre der Film gar nicht erst entstanden. Tiemo Wölken bemüht sich, die Bedenken zu zerstreuen. „Grundsätzlich soll das Urheberrecht bleiben“, sagt er. „Mein Vorschlag war ja, eine verpflichtende Extravergütung für die Kreativen einzuführen.“ Wo dieses Extra-geld herkommen soll, sagt Wölken nicht. Oder soll mit diesem Argument der Rundfunkbeitrag erhöht werden? Das wäre verwegen: Die Sender nehmen den Produzenten Verdienstmöglichkeiten weg, der Beitragszahler müsste es ausgleichen.

          Wölken will sich jetzt mit Vertretern des Filmwirtschaftsverbands SPIO treffen. Dessen Präsident Alfred Holighaus hat sich in einem Brief an die Mitglieder des Kulturausschusses im EU-Parlament gewendet: Sie sollten wissen, dass „die Zukunft der deutschen Filmbranche auf der Agenda – und möglicherweise auf dem Spiel“ – stehe. Angehängt hat Holighaus ein Schreiben von Janine Jackowski, das die Produzentin des weltweit erfolgreichen Films „Toni Erdmann“ an Petra Kammerevert gerichtet hat und in dem sie auf die „fatalen“ Folgen von Artikel 2 der geplanten EU-Verordnung verweist: „Ein europäisches Kino, gerade von kleineren Produzenten wie uns (...) wird es dann nicht mehr geben. Wir sind darauf angewiesen, mit Koproduzenten aus anderen Ländern zusammenzuarbeiten, die die Filme ihrerseits in ihren Ländern lizenzieren können, um die Produktionsbudgets für unsere Filme zusammenzubekommen. Und diese Möglichkeit wird uns genommen, wenn die Sendeanstalten unsere Filme mit einer Lizenz für Deutschland europaweit zugänglich machen können. Dann gäbe es schlichtweg unsere Filme und unsere Produktionen nicht mehr und auch nicht die Möglichkeit, mit Filmen wie ,Toni Erdmann‘ den Europäischen Lux-Filmpreis zu feiern (...) Unsere Rechte und Verwertungsmöglichkeiten abzuschneiden ist der falsche Weg – damit würden Sie uns unserer Existenzgrundlage berauben.“

          „Wir führen keine paneuropäische Lizenz ein“

          Petra Kammerevert sollte als Vorsitzende des Programmausschusses des WDR-Rundfunkrats wissen, was sie in Bewegung setzt: Sie stärkt die Sender und schwächt die Produzenten. Ihr Parteikollege Wölken verweist indes auf eine Studie, derzufolge 39 Prozent der Europäer gerne Zugriff auf ausländisches Programm via Mediathek hätten: „Denken Sie an den spanischen Arbeitslosen, der in Deutschland eine Anstellung findet und in Zukunft hier auch seine Telenovela sehen könnte. Diese Fälle sind im Fokus“, sagt er. Er wolle keinen „kostenlosen Bedien-Account“ aufmachen. „Wir führen keine paneuropäische Lizenz ein.“

          Stefan Arndt, Geschäftsführer der Produktionsfirma „X Filme“, die Stücke wie „Das weiße Band“ und „Good Bye, Lenin“ herausgebracht hat, sieht das anders: „So werden Produzenten enteignet, gehen Arbeitsplätze verloren, werden Filme und Serien nicht mehr gedreht, weil mindestens ein Viertel der Finanzierung fehlt. Der Spanier, der in Deutschland arbeitet, wird dann sowohl in der Heimat wie auch hier ein dünneres Angebot haben.“ Wolle man die Europäer im Wettbewerb auch mit den Amerikanern stärken, müsse man die Position der hiesigen Filmwirtschaft auf- und nicht abwerten. „Ein weitgehend funktionierendes System zu zerschlagen, ohne einen funktionierenden Plan B zu haben“, sei „grober Unfug.“ Dass das Verständnis für die Haltung der Filmwirtschaft wächst, zeigte zuletzt ein Statement von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller, der seinen SPD-Parteikollegen in dieser Sache widerspricht. Kultusministerin Monika Grütters (CDU) hatte sich als Erstes gegen den Plan ausgesprochen. Nun wäre die Bundesregierung gefragt.

          Quelle: F.A.Z.

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