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Digitaler Staat : Das Risiko für Estland ist existenziell

  • -Aktualisiert am

Kämpft für ein modernes Estland: Präsidentin Kaljulaid verteidigt digitalen Personalausweis. Bild: Bloomberg

Estlands Präsidentin Kersti Kaljulaid glaubt nicht an den Kollaps des digitalen Staates. Sie hält den elektronischen Personalausweis für die alternativlose Zukunft. Doch das Sicherheitsloch zeigt jetzt alle Gefahren.

          Verschrecken lässt sich Estlands Präsidentin Kersti Kaljulaid von der Möglichkeit eines Zusammenbruchs des digitalen Staates nicht. Da bleibt sie ihrem Nachnamen – auf Deutsch „Felsinselchen“ – treu. Dieser Zeitung gegenüber gibt sie eine nüchterne Stellungnahme ab: „Die Nutzung der estnischen ID-Karte ist sicher. Die Wissenschaftler haben uns lediglich darauf aufmerksam gemacht, dass unter bestimmten Umständen der Geheimschlüssel der Karte zu knacken wäre.“ Nach ihrer Aussage handele es sich dabei um einen „rein mathematischen Nachweis“. In der Praxis habe diese Entschlüsselung nicht stattgefunden. Die Kommunalwahlen am 15. Oktober mit elektronischer Stimmabgabe werden planmäßig durchgeführt.

          Was spielt sich da gerade ab?

          Seit einigen Tagen allerdings ist Estlands Bürgern nicht klar, was sich gerade abspielt. Schon im Juli kursierten erste Gerüchte, dass die Funktionsfähigkeit der ID-Karten plötzlich ins Stolpern geraten sei; am Montag wurde ein Sicherheitsloch offiziell bekanntgemacht, ohne Details. Die IT-Experten des Landes spekulierten in den Medien, was eigentlich geschehen sei, und benutzten dieselben Worte wie die Präsidentin jetzt.

          Das Problem ist für Estland ernst: Die nördlichste der drei baltischen Republiken hat jahrzehntelang versucht, sich als Experte für den digitalen Staat zu profilieren und mit ziemlich aggressivem Lobbyismus andere Länder von der Attraktivität ihrer Technologien zu überzeugen. Daran hält Kaljulaid weiterhin fest: „Wir haben keine Wahl: Das ganze Leben, insbesondere das Wirtschaftsleben, drängt ins Internet. Auf den E-Staat zu verzichten ist keine Lösung. Wenn der Staat der digitalen Gesellschaft keine Möglichkeiten eröffnet, werden die Menschen abhängig von Lösungen der Großunternehmen wie Google.“

          Die ID-Karte, der digitale Personalausweis, regiert in Estland bereits das tägliche Leben: Geld ist auf ihr zwar nicht abrufbar, weshalb man sie fürs Bezahlen nicht nutzen kann. Aber für viele Transaktionen, die mit Geld verknüpft sind, ist die Karte zwingend. Man kann mit ihr online eine Firma gründen; man kann sie als Rabattkarte in Supermärkten und Buchläden nutzen. Man kann damit die Grenzen der Europäischen Union passieren. Man kann seine Wahlstimme online abgeben; man muss sie auch bei sich führen, wenn man größere Banküberweisungen machen möchte. Dazu gibt es noch einen Chipkarten-Leser, den fast alle Esten mit dem USB-Anschluss ihres Computers kombiniert haben. Ein durchschnittlicher Bürger Estlands nutzt diese Karte mehrmals pro Tag.

          Von Risiken hört man wenig

          Von den Risiken hört man außerhalb allerdings wenig, denn der Stolz auf Digi-Estland gehört zu den hellsten Lichtern, um sich im Ausland sichtbar zu machen und als modernes Land anerkannt zu werden. Dabei machen die Esten, wie früher schon, den Fehler, dass sie sich die ganze Welt wie Estland vorstellen, nur größer. Die digitale Geschichte Estlands beginnt anders als in vielen europäischen Ländern. Die Bevölkerung wächst seit einem Vierteljahrhundert schon zur Computer-Gesellschaft zusammen mit einer relativ homogenen wirtschaftlichen Situation. Es gibt kaum Bevölkerungsgruppen, weder in regionaler noch in altersmäßiger Hinsicht, die wesentlich besser als andere ausgestattet wären. Die ganze Idee des E-Staates fußt auf dieser relativen Homogenität von technischer Ausstattung und Fertigkeiten. Sie ist schwer übertragbar auf Gesellschaften, die in dieser Hinsicht so inhomogen sind wie Deutschland, England oder Frankreich.

          Estland, geh du voran: Beim Gipfeltreffen in Tallinn haben die Minister aus den EU-Ländern einiges zu besprechen.
          Estland, geh du voran: Beim Gipfeltreffen in Tallinn haben die Minister aus den EU-Ländern einiges zu besprechen. : Bild: AFP

          Zudem trifft man in Estland auf eine problematische Kultur von Privatheit, in der sich das E-Staatliche und das Persönliche munter vermischen: ein Staat mit einer niedrigen Schweigepflichtkultur. Manche Ärzte erzählen Gerüchte, die sie in der Praxis gehört haben, ungefiltert weiter, werfen ihre Akten in den öffentlichen Müll. Wer einflussreiche Freunde hat, nutzt sie für private Schnüffelei. Ein Beispiel: Zwei Freundinnen, die eine auf der Suche nach einem Partner, die andere eine Richterin, sehen einen attraktiven Mann. Noch am selben Abend schaut die Richterin in den Computer und teilt der Freundin mit: „Keine Chance. Er ist zwar geschieden, hat aber drei Kinder und zahlt seine Alimente viel zu regelmäßig. Frei ist der nicht.“

          Der Staat wird anonym

          Estlands Präsidentin ist zu sensibel, um diese immense Gefahr nicht zu bemerken, wenn sie zum Beispiel das Risiko eines russischen Hackerangriffs kommentiert: „Das Schlimmste, was dem elektronischen Staat widerfahren könnte, wäre keine neue Cyberattacke aufgrund von Schwachheiten im System, sondern ein schwindendes Vertrauen der Bürger in die digitale Gesellschaft.“

          Das Digitale und das Persönliche haben aber in Estland noch nicht zu einer ethischen Übereinkunft gefunden, die sich mit der Arbeitsweise der Maschinen vertrüge. Eine Folge der radikalen Digitalisierung ist nämlich eine Entpersonalisierung, die bereits kafkaeske Züge angenommen hat. Die öffentliche Verwaltung verschanzt sich hinter Mauern, durch die man mit ihr nur noch über Internetportale in Verbindung treten kann. Besucherzentren mit festen Sprechzeiten gibt es kaum, allenfalls Telefondienststellen, die aller Erfahrung nach zu den angegebenen Zeiten selten besetzt sind. Zum Beispiel das Finanzamt: Alles läuft ziemlich problemlos, bis irgendeine Störung auftaucht und man einen fehlerhaften Steuerbescheid bekommt. Dann braucht man genauso viel Zeit wie Josef K. aus Franz Kafkas „Der Prozess“ beim Versuch, zur richtigen Instanz durchzudringen. „Wir haben keine Wahl“, wiederholt Kersti Kaljulaid mehrmals – und sicher hat sie recht, dass eine Gesellschaft sich den Zwängen der Zeit stellen muss. Das Sicherheitsrisiko ist für Estland allerdings existenziell. Mit ihm steht und fällt der Ruhm des Landes – als würde der Eiffelturm einstürzen, weil ein Filou einen Bolzen herausgezogen hat.

          Quelle: F.A.Z.

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