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Zum Tod von Ernst Nolte : Es ging ums Ganze

Bewundert viel und viel gescholten: Ernst Nolte Bild: AFP

War der bolschewistische Klassenmord der Auslöser des deutschen Rassenmordes? Darum ging es beim Historikerstreit, den Nolte im Juni 1986 mit einem Artikel in der F.A.Z. auslöste.

          Wenn ein Buch den Titel „Historische Existenz“ trägt, dann ahnt man, dass es nicht um dieses oder jenes Ereignis geht, nicht einmal um eine Epoche, sondern dass alles auf dem Spiel steht. Es geht ums Ganze. Ernst Nolte hat dieses Buch im vergangenen Jahr noch einmal herausgebracht. Thesen von solcher Reichweite fallen Fachhistorikern normalerweise schwer. Und tatsächlich war Nolte über einen Umweg zur Geschichte gekommen: Wegen einer angeborenen Behinderung der Hand war er nicht kriegsdiensttauglich und konnte in Münster, Berlin und Freiburg Philosophie, Germanistik und Klassische Philologie studieren. In Berlin hörte er den Philosophen Nicolai Hartmann.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          In Freiburg war Martin Heidegger die überragende Figur. Im vergangenen Herbst hat Nolte in Frank Böckelmanns Zeitschrift „Tumult“ über diese Zeit berichtet: „Auf dem Weg von der Tür bis zum Katheder mochte sich der kleingewachsene Mann wie ein normaler Hochschullehrer in einer Art von ,kleinbäuerlicher‘ Kleidung ausnehmen, aber sobald er die ersten Worte aussprach, verwandelte er sich in einen Redner, der mit äußerster Konzentration von ,Heraklits Lehre vom Logos‘ sprach und mit seinen strahlenden Augen das ganze Publikum in andächtige Zuhörer verwandelte.“ („Der junge Student und der berühmte Professor – Erinnerungen an Martin Heidegger aus dem letzten Kriegsjahr 1944/45“)

          „Ende der Vorgeschichte der Menschheit“

          In den letzten Wochen des Krieges besuchte er Heidegger im unzerstörten Messkirch. „Hier ließen sich ausführliche Gespräche führen, aber das nahende Kriegsende überschattete natürlich alles, und ich erinnere mich mit Bestimmtheit nur an die Vereinbarung, im ersten Nachkriegssemester bei Heidegger eine Dissertation über die Enneade Plotins ,Über Ewigkeit und Zeit‘ zu schreiben und damit dem engsten Kreis um ihn für die Dauer zuzugehören.“

          Über Ewigkeit und Zeit – das beschreibt in Ernst Noltes Bildungsgang den ganzen Abstand von der Geschichte als begrenzter akademischer Disziplin. „Historische Existenz“ war am Ende das, was im zwanzigsten Jahrhundert auf dem Spiel stand und was, so Nolte, weiter auf dem Spiel stehen wird. Denn auf eine Abschaffung der Geschichte liefen die totalitären Projekte hinaus, selbst wenn man es wie Marx so humanistisch formulierte, dass nach der proletarischen Revolution nur das „Ende der Vorgeschichte der Menschheit“ erreicht sei und dann erst der völlig entfaltete Mensch antreten werde. Noch Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ musste Nolte tief beunruhigen.

          Ende der Weimarer Republik

          Er lehrte seit 1965 Neuere Geschichte in Marburg, 1973 ging er an die Freie Universität Berlin. Geboren wurde Ernst Nolte 1923, dem frühen Krisenjahr der Weimarer Republik. Mussolinis „Marsch auf Rom“ hatte schon stattgefunden, und Lenin lebte noch. Das prägt. Zu selten macht man sich klar, dass der Verstehenshorizont noch des reflektiertesten und distanziertesten Historikers am Ende von der eigenen Lebensepoche begrenzt ist. Etwas weiter gefasst: Wirklich verstehen können wir wohl nur, wovon wir noch mündliche Überlieferung erfahren haben.

          1923 wurde ein Entscheidungsjahr der Weimarer Republik. Kaum jemals war eine solche Fülle von bedeutenden Ereignissen in der Weltgeschichte auf so engem Raum zu finden – darauf hat Nolte einmal hingewiesen. Die Inflation wurde zur Hyperinflation, im Oktober war der Dollar 4,2 Billionen Mark wert. Im November versuchte Hitler seinen Münchner Putsch, aber schon einen Monat zuvor hatten die Kommunisten, durch sowjetische Militäremissäre verstärkt, den „Deutschen Oktober“ geplant, aus dem dann nur der schnell zusammenbrechende Hamburger Aufstand unter dem späteren KPD-Führer Ernst Thälmann wurde. Im Westen, im Rheinland und vor allem in der Pfalz, kam es zu separatistischen Umsturzversuchen. Von Frankreich wurden sie unterstützt.

          Goethes Determinante

          Politisch hatte das Jahr 1923 am 11. Januar (dem Tag von Noltes Geburt) begonnen, als die Franzosen ins Ruhrgebiet (und damit auch in Witten an der Ruhr, Noltes Geburtsort) einmarschiert waren. Erst damit nämlich war die Radikalisierung umfassend, rechts und links ergreifend: Die Krise war eine der Nation, deren Bestand auf dem Spiel stand, und sie war ökonomisch und sozial, indem sie per Inflation den Mittelstand enteignete. Und tatsächlich ging die kommunistische Putschgefahr der nationalsozialistischen voraus.

          Die Psychoanalyse hat von einem „Trauma der Geburt“ gesprochen – hier war es ein historisches Trauma, die Ausgangskonstellation, die Goethe als Determinante erkennen wollte: „Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, / Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, / Bist alsobald und fort und fort gediehen / Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.“ Man übertreibt kaum, wenn man Noltes Lebenswerk als Entfaltung dieser einen Konstellation zu verstehen sucht.

          In Hattingen im südlichen Ruhrgebiet, wo Nolte aufwuchs, waren vor 1933 Konfrontationen von Kommunisten und Nationalsozialisten an der Tagesordnung, und nicht ohne ein aus Rührung und Belustigung gemischtes Gefühl liest man von den ersten Schreibversuchen des Mannes, der später den Historikerstreit auslösen sollte: „An diesen Tendenzen nahm ich, ein früher und eifriger Zeitungsleser, lebhaften, wenngleich noch recht kindlichen, hauptsächlich von Furcht gegenüber dem Kommunismus erfüllten Anteil, und ich schrieb im Alter von sieben oder acht Jahren ein kleines Manuskript über das Ausgreifen des russischen Bolschewismus nach Deutschland.“

          Den zeitlichen Vorrang der bolschewistischen Klassen-Vernichtungspolitik vor dem Holocaust zu behaupten – und deshalb den Nationalsozialismus als radikale Antwort zu deuten –, das war der Kern von Noltes Frankfurter Vortrag „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ (F.A.Z. vom 6. Juni 1986), der zum Historikerstreit führte. Danach geriet er in eine fühlbare Isolation, teils der harten Angriffe wegen, teils aus eigenem Ungeschick. Gestern ist Ernst Nolte in Berlin verstorben.

          Quelle: F.A.Z.

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