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Erziehung wahrnehmen „Die Macht der Eltern schützt die Kinder“

14.09.2006 ·  Jugendliche sehnen sich nach Autorität. Sie brauchen die Autorität von Erwachsenen, die ihnen Orientierung und Halt geben. Diese Meinung vertritt Bernhard Bueb, ehemaliger Leiter der renommierten Schule Schloß Salem. Zentrale Thesen aus seiner Streitschrift „Lob der Disziplin“.

Von Bernhard Bueb
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Väter und Mütter besitzen absolute Macht über ihre Kinder. Mütter heben ihre Kinder gegen deren heftigen Widerstand hoch oder zerren sie weg. Kinder sind im buchstäblichen Sinn ohnmächtig. Eltern sind „Herren über Leben und Tod“. Ein Kind kann tyrannischen Eltern weder physisch noch psychisch standhalten, nicht einmal seine Gedanken sind frei. Von der Macht der Eltern und Erwachsenen über Kinder berichten alte und neue Märchen, „Aschenputtel“ und „Hänsel und Gretel“ ebenso wie „Harry Potter“. Sie erzählen vom Leiden der Kinder, von ihrer Sehnsucht nach Erlösung und davon, wie sie erlöst werden. ...

Die Macht der Eltern bedeutet aber auch Schutz der Kinder. Wenn eine Mutter ihr Kind ergreift, das gerade über eine belebte Straße laufen will, wirkt sich ihre Macht lebensrettend aus. Täglich nützen Eltern ihre Macht, um Kinder zu erziehen. Kinder fühlen sich geborgen, weil sie ihre Eltern als mächtig erleben. Die Welt birgt in den frühen Jahren reale Gefahren, aber auch irreale, weil Kinder in einem mythischen Bewußtsein leben. Die Macht der Eltern besitzt in den Augen von Kindern übermenschliche Dimensionen, sie kann auch den Fabelwesen, Räubern und Gestalten der Dunkelheit standhalten. Die Macht von Eltern wandelt sich zu Autorität durch die Liebe zu ihren Kindern. Durch Liebe üben sie ihre Macht rechtmäßig aus. ...

Das Reizwort der Mutter

Rechtmäßig genutzte Macht, also Autorität, erzeugt keine Angst, sondern schafft Vertrauen. Der Mangel an Autorität führt zu Angst, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. ... Schon kleine Kinder stellen den Führungsanspruch der Eltern in Frage. In der Pubertät bricht dieser Machtkampf erneut offen aus, nachdem einige Jahre zwischen der Trotzphase in frühen Jahren und dem Anspruch auf mehr Autonomie in der Pubertät ruhiger verlaufen sind. Die Pubertierenden interpretieren diese Zeit als die Phase, in der die Eltern schwierig werden, die Eltern sehen das umgekehrt. Die geringe Übereinstimmung der Sichtweisen erschwert die Situation. Die Auseinandersetzung um Macht findet auch außerhalb der Familie statt. Ein neuer Lehrer betritt den Raum einer Mittelstufenklasse zu Beginn des Schuljahres. Die Art seines Auftretens entscheidet über das Machtverhältnis der nächsten Zeit in der Klasse. Der neue Lehrer ist gut beraten, wenn er seine Machtposition gleich am Anfang deutlich markiert.

Die Schüler erwarten einen Lehrer, der weiß, was er will, der Konflikte nicht scheut und seinen klaren Führungsanspruch geltend macht. Zugleich erwarten sie einen Lehrer, der deutlich zu erkennen gibt, daß er aus Fürsorge seinen Führungsanspruch erhebt, daß die Liebe zu Jugendlichen das Motiv seines Handelns ist und daß sich dadurch seine Macht zu Autorität wandelt. Er muß aber wissen: Liebe allein genügt nicht. Es ist kein partnerschaftliches Verhältnis. Versäumt er es, sich klar zu positionieren und seine Macht zu etablieren, kann im schlimmsten Fall seine Autorität für das ganze Schuljahr in Frage stehen. Schüler nutzen unbarmherzig Schwächen aus, die sie bei Lehrern entdecken. Noch als Väter und Großväter berichten sie stolz, wie sie Lehrer „fertiggemacht“ hätten.

Schwache Lehrer und Autorität

Die Erziehenden waren in der Wahl der Mittel zur Durchsetzung ihrer Macht in der Geschichte der Erziehung nicht zimperlich. Kinder und Jugendliche zu schlagen, zu demütigen oder zu beschämen gehörte einmal zu den legitimen Erziehungsmitteln; es waren Variationen des An-den-Pranger-Stellens im Mittelalter und in der pädagogischen Praxis durchaus üblich. Martin Luther wurde nach seiner eigenen Darstellung Latein im wörtlichen Sinn „eingebläut“. Eine halbe Stunde mit dem Gesicht zur Wand in der Ecke stehen war in meiner Kindheit die harmloseste Form der Demütigung. Als letzte Errungenschaft einer aufgeklärten Gesellschaft konnten wir das Verbot der Prügelstrafe begrüßen, die in den sechziger Jahren in Deutschland und erst in den achtziger Jahren in England abgeschafft wurde. An englischen Internaten, mit denen wir Schüleraustausch pflegten, war es bis Ende der siebziger Jahre Usus, daß der Schulleiter Jungen, die geraucht hatten, sechs Stockschläge verabreichte. Mädchen wurden von körperlichen Strafen ausgenommen.

Erziehungsmittel der beschriebenen Art sind zu allen Zeiten unzulässig. Nie darf ein Kind gedemütigt oder geschlagen werden. Die Schlußfolgerung ist aber falsch, daß Autorität in der Erziehung unzulässig sei, weil der schwache Lehrer oder Erzieher solche Mittel anwenden könnte. Schwache Lehrer üben nur Macht und keine Autorität aus. Die Machtverhältnisse waren in früheren Zeiten klar geregelt. Rechtlich ist das auch heute der Fall. Aber in den Köpfen von Eltern, Lehrern, Erziehern und jungen Menschen hat sich vieles verändert. Die Generation nach 1968, insbesondere ihre ideologischen Vorreiter interpretierten das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern als Erfahrungsvorsprung. Entsprechend sollten die Methoden der Erziehung jeden Anschein vermeiden, es könne sich bei Erziehung um Durchsetzung von Macht handeln. Alle Begriffe, die an ein Machtgefälle erinnern konnten, wurden geächtet. Autorität, Gehorsam, Unterordnung und Disziplin verfielen diesem Verdikt.

Disziplin? Romantik!

Erstaunlicherweise fanden diese Auffassungen Eingang in die bürgerliche Gesellschaft, obwohl sie sich mit der linken Herkunft solchen Denkens schwertat. Ich selbst, durchaus biederer bürgerlicher Gesinnung, blieb vom träumerischen Gedanken einer freien Erziehung nicht unberührt. Mit der antiautoritären Bewegung konnte ich mich nie anfreunden, weil sie zu viele Torheiten anthropologischer und praktischer Natur propagierte. Aber die Vorstellung, vornehmlich auf die Kräfte der Selbstbestimmung bei Jugendlichen zu setzen, entsprach einer Neigung zur Romantik, die unter Pädagogen durchaus verbreitet ist. Seit dieser Zeit haben Begriffe wie Autorität und Gehorsam auch unter konservativ gesinnten Bürgern ihre selbstverständliche Geltung verloren. Es blieb aber nicht bei theoretischen Zweifeln. Autorität und Gehorsam verloren ihre unangefochtene Gültigkeit vor allem in der Praxis. Als Folge müssen wir heute feststellen, daß Eltern, Lehrer und Erzieher in ihrem alltäglichen pädagogischen Geschäft nicht mehr selbstbewußt als Autorität auftreten, nicht selbstverständlich Gehorsam fordern und daher Disziplin im Alltag kleingeschrieben wird. Wer es trotzdem tut, macht sich autoritärer Erziehung verdächtig.

Die Folgen dieser Haltung sind verheerend. Sie bestimmt den Erziehungsstil in Familien, Schulen und anderen pädagogischen Einrichtungen. Jugendliche sehnen sich nach Autorität. Sie brauchen die Autorität von Erwachsenen, die ihnen Orientierung und Halt geben, die ihnen Vorbilder sind, die ihnen hohe Ziele vorgeben und Grenzen setzen, aber sie gleichzeitig ermutigen, die Grenzen zu überschreiten. Der Widerstand gegen Autorität führt in die Selbständigkeit, man könnte die Bereitschaft und Fähigkeit zum Widerstand als erste Zeichen von Charakter ansehen. Wer Selbstbestimmung lernen will, muß Unterordnung gelernt haben. Wenn Jugendliche in der Zeit des Umbruchs, der Pubertät, die auch die Zeit der Selbstentdeckung und Selbstfindung ist, keiner Autorität begegnen, mit der sie sich auseinandersetzen können, bleibt dieser Prozeß kraftlos, weil den Jugendlichen ein Gegenüber fehlt, an dem sie sich reiben, an dem sie aber auch wachsen können.

Tyrannei der Babys

Eltern müssen zu der Macht und Verantwortung „ja“ sagen, die ihnen mit der Geburt oder Adoption von Kindern zuwächst. Sie dürfen diese Macht nicht relativieren, indem sie früh ein partnerschaftliches Verhältnis zu ihrem Kind anstreben. Kinder haben ein Recht auf einen klaren Machtanspruch von Eltern, legitimiert durch ihre Liebe, also auf Autorität. Nur dann kann das Geschäft der Erziehung gelingen, wenn Eltern solche Autorität auch ausüben. Jede Generation von Babys gleiche einem Einfall von Barbaren, hat Sigmund Freud einmal festgestellt. Ihnen mangelt es an Kultur, Einsichtsfähigkeit und Disziplin. Zu ihrer Kultivierung bedarf es einer klaren Autorität und der Bereitschaft, Unterordnung zu fordern. Als einziges Mittel, sich der Macht und der Autorität der Eltern zu erwehren, setzen Babys das Schreien ein. Wenn das Baby durch Schreien zur Unzeit Ansprüche anmeldet, sollten seine Eltern ihre rechtmäßige Macht nutzen und gelassen reagieren. Wenn das Schreien aber Schmerz oder Angst signalisiert, ist natürlich jede Zuwendung richtig. Erfahrene Eltern entwickeln ein Gespür dafür, wie die Äußerungen des Babys zu deuten sind. Es bedarf einigen Standvermögens von Eltern, nicht gleich liebend hinzuzuspringen, auch wenn das Verhalten als kleine „Tyrannei“ zu erkennen ist.

Bei der Gratwanderung zwischen Disziplin und Liebe entscheiden sich Eltern heute sehr schnell für mehr Liebe. Aber gerade ihre Liebe würde eine strenge Haltung rechtfertigen. Die Rechnung zahlen sie sonst später. Jugendliche wollen heute Autorität nur anerkennen, wenn sie authentisch wirkt. Wer als Lehrer Unterordnung und Gehorsam fordert, muß nach ihrer Meinung durch Kompetenz, Ausstrahlung und moralische Integrität seine Autorität begründen und rechtfertigen. Sie wollen Charismatiker als Lehrer, als Erzieher und am liebsten auch als Eltern. Schüler müssen sich jedoch auch Lehrern unterordnen, die durch ihre Persönlichkeit den Anspruch auf Autorität nicht einlösen können. Das kann nur gelingen, wenn diesen Lehrern eine Art Amtsautorität zukommt, die ihnen Respekt verschafft und ihre Würde schützt. Darüber hinaus müssen die Lehrer wiederum zu dieser Amtsautorität stehen. Sie dürfen keine Respektlosigkeit dulden. Wenn sich ein Schüler im Ton vergreift, müssen sie den Vorfall der Schulleitung melden. So habe ich es als Leiter immer gefordert. ...

Vorbild Feuerwehr

Wir nähern uns wieder diesen Zeiten, denn nicht nur die Achtung vor den Eltern, sondern vor den Älteren überhaupt wankt. Wer Autorität besitzt, darf Respekt und Achtung erwarten, aber auch Gehorsam. Die Tugend des Gehorsams ist eine dienende Tugend oder auch Sekundärtugend, sie erhält ihren Wert erst durch den Zweck, dem sie dient. Primärtugenden wie Ehrlichkeit und Gerechtigkeit besitzen ihren Wert in sich selbst. Die Idee oder die höhere Ordnung, in deren Dienst sich Menschen stellen, verleiht der Tugend des Gehorsams ihren Rang. Unter den Nationalsozialisten hat sich das deutsche Volk in den Dienst einer menschenverachtenden Idee gestellt, den Gehorsam selbst zum Ziel der Erziehung erklärt und die Tugend des Gehorsams des Adels beraubt, den ihr die Autoritäten unserer Kultur von Sokrates über Jesus Christus bis zu Dietrich Bonhoeffer verliehen haben.

Gehorsam verlor in den letzten vierzig Jahren jedes Ansehen in der Pädagogik, aber nicht in der Armee, nicht in den Rettungsdiensten und nicht im Sport. Eine Feuerwehr wird ihre Aufgabe nicht erfüllen können, wenn ihre Mitglieder nicht den Befehlen des Einsatzleiters gehorchen. Selbst in den Blütezeiten der antiautoritären Erziehung habe ich nie erlebt, daß Schüler in der schuleigenen Feuerwehr auch nur einen Augenblick an der Notwendigkeit von Autorität und Gehorsam zweifelten. Außerhalb der Feuerwehr verhielten sie sich wie andere Jugendliche. Dasselbe gilt für die Autorität des Schiedsrichters und den Gehorsam, den die Mannschaft ihm schuldet. Der Verfall der Moral im Sport beginnt immer dann, wenn Mannschaftsmitglieder die Entscheidungen des Schiedsrichters in Frage stellen, ihn beschimpfen und damit seine Amtsautorität untergraben. Es gibt in jeder Demokratie vereinbarte Bereiche, in denen Gehorsam legitim ist. Darunter zählen auch Einrichtungen der Bildung und Erziehung. Alle Einrichtungen der Bildung und Erziehung, auch die Familie soll hier als eine solche Einrichtung gelten, beruhen auf dem Prinzip der Unterordnung unter eine Autorität.

Der Begriff der antiautoritären Erziehung war schon deswegen absurd, weil Erziehung ohne Autorität keine Erziehung ist. Die Autorität legitimiert sich in der Familie durch die von Natur aus bestehende Fürsorge der Eltern für ihre Kinder und deren Hilflosigkeit und Unfähigkeit zum selbständigen Überleben. ...

Quelle: F.A.Z., 14.09.2006, Nr. 214 / Seite 35
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