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Veröffentlicht: 18.01.2007, 12:47 Uhr

Erziehung Dr. Bueb ist kein Lackaffe

Mit seinem „Lob der Disziplin“ steht Bernhard Bueb, ehemaliger Leiter des Internats Schloss Salem, seit Wochen in den Bestsellerlisten. Nun antwortet ein Schüler seinem ehemaligen Lehrer - und wirft ihm vor, die Intelligenz der Jugend zu unterschätzen. Von Dustin Klinger.

© F.A.Z.-Helmut Fricke „Keine Kadettenanstalt”: Schloss Salem

Was mussten wir nicht alles erleiden! Unser langjähriger Schulleiter bei Johannes B. Kerner, bei Sabine Christiansen, gekürt zum strengsten Lehrer der Nation auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung. Aber Bernhard Bueb ist kein Lackaffe. Buebs christlich-humanistisches Menschenbild ist heutzutage kaum noch jemandem geläufig, am allerwenigsten den zu Erziehenden. Genau darin steckt die stärkste Wahrheit seines Buchs.

Es sei, schreibt Bueb, an uns, die Achtundsechziger zu überwinden. Sex sells: Bueb provoziert ungemein mit seinem Buch. Würde ich auch so machen. Wer hört denn sonst zu? Thomas Manns Gleichnis vom Schiffer, der die Schwankungen des Kahns austariert, indem er sich in die jeweils entgegengesetzte Richtung neigt, liegt Buebs Buch zugrunde. Aus Erfahrung wissen wir, dass Revolutionen dazu neigen, Verhältnisse vom einen Extrem ins andere zu kehren, was allein keinen Fortschritt mit sich bringt. Erst die darauffolgende Mäßigung der Verhältnisse bringt den Erfolg. In Frankreich war der Weg zur Republik lang, nachdem das grausame Ancién Regime von der ebenso grausamen Herrschaft des Pöbels abgelöst worden war. Der Kahn muss nach dem Abdriften zur antiautoritären Erziehung der Achtundsechziger, die eine Folge des krassen nationalsozialistischen Ausschlages zur autoritären Erziehung war, wieder auf gesunden Kurs gebracht werden - so erklärt Bueb den Ruf nach Disziplin in der Pädagogik. Das Buch hat sein Ziel schon längst erreicht: Die Debatte um Erziehung in Deutschland ist angestoßen.

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„After Bueb“: Was machen wir jetzt? Den Bildungsnotstand leugnet keiner; wenn Buebs Kausalitäten stimmen, wird auch keiner den Erziehungsnotstand leugnen. In deutschen Familien wird zu wenig oder falsch erzogen. Wir fragen uns, wie wir etwas ändern können, ob neue Ideen wirklich retrospektiv seien dürfen. Pädagogik stammt in der Tat vom griechischen pais und ago, was im Deutschen der Kunst des „Kinderführens“ entspricht. Es bleibt die Frage, was das bedeutet. Nach der Lektüre des Buches musste ich mich fragen: Bin ich denn gar so missraten?

dustin klinger © Archiv Vergrößern „Wir brauchen Erziehung zur Demokratie”: Dustin Klinger

Ich aß Erde, so viel ich wollte

Ich stamme aus einem einfachen Elternhaus, Mutter Akademikerin, Vater nicht; der Vater Jahrgang 1953, die Mutter 1968. Erziehung war immer ein Thema zu Hause, weil ich „anders“ erzogen wurde. Meine Mutter ließ mich Erde essen, so viel ich wollte, so hoch auf Bäume klettern, wie ich wollte, was zur Folge hatte, dass sie sich bei allen Müttern für ihre Unverantwortlichkeit rechtfertigen musste. Mit drei Jahren wollte ich unbedingt alleine zum Bäcker laufen, um Brötchen zu holen. Obwohl der Weg zwei stark befahrene Straßen kreuzte und ich noch nicht wissen konnte, wie man in einem Geschäft bezahlt, geschweige denn über die Theke gucken konnte, schickte mein Vater mich los.

Schon früh durfte ich länger draußen bleiben als andere Kinder. Ich hatte so gut wie nie mit disziplinarischen Maßnahmen zu rechnen; ich erinnere mich an einen einzigen Nachmittag Hausarrest, weil ich Passanten an unserer Gartentür etwas Rüpelhaftes hinterhergeschrieen hatte. Meine Mutter ist an diesem Nachmittag mit mir ins Kino gegangen. In einer einzigen Sache war meine Mutter allerdings strikt: Geige üben. Aber auch für die Geige hatte ich mich freiwillig entschieden. Meine Eltern wollten nur nicht zulassen, dass ich das Geigespielen aufgäbe. Ansonsten war die Devise meiner Eltern stets: Möglichkeiten anbieten, Verantwortung übertragen, Entscheidungen überlassen; einen Nährboden schaffen, auf dem das Kind seine Qualitäten entfalten kann - wenn man so will: das antiautoritäre Erziehungsbild des Gärtners, von dem Bueb spricht.

Kein Respekt vor meinen Eltern

Als zehnjähriger Junge, der sich gerade in eigener Verantwortung für die Lateinklasse eines Münchner Gymnasiums entschieden hatte, musste ich mit der Trennung meiner Eltern und anderen Schicksalsschlägen fertig werden. In meiner Pubertät hatte ich nichts von dem, was Bueb als Voraussetzungen für gelingende Erziehung beschreibt: keine intakte Familie, keinen geordneten Tagesablauf, keine Rituale, keine verordneten Kulturveranstaltungen. Äußere Umstände zwangen mich, früher erwachsen zu werden. Ich hatte noch nicht einmal Respekt vor meinen Eltern, weil sie den in meinen Augen für ihr Verhalten nicht verdient hatten.

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