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Montag, 13. Februar 2012
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Erziehung Dr. Bueb ist kein Lackaffe

18.01.2007 ·  Mit seinem „Lob der Disziplin“ steht Bernhard Bueb, ehemaliger Leiter des Internats Schloss Salem, seit Wochen in den Bestsellerlisten. Nun antwortet ein Schüler seinem ehemaligen Lehrer - und wirft ihm vor, die Intelligenz der Jugend zu unterschätzen. Von Dustin Klinger.

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Was mussten wir nicht alles erleiden! Unser langjähriger Schulleiter bei Johannes B. Kerner, bei Sabine Christiansen, gekürt zum strengsten Lehrer der Nation auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung. Aber Bernhard Bueb ist kein Lackaffe. Buebs christlich-humanistisches Menschenbild ist heutzutage kaum noch jemandem geläufig, am allerwenigsten den zu Erziehenden. Genau darin steckt die stärkste Wahrheit seines Buchs.

Es sei, schreibt Bueb, an uns, die Achtundsechziger zu überwinden. Sex sells: Bueb provoziert ungemein mit seinem Buch. Würde ich auch so machen. Wer hört denn sonst zu? Thomas Manns Gleichnis vom Schiffer, der die Schwankungen des Kahns austariert, indem er sich in die jeweils entgegengesetzte Richtung neigt, liegt Buebs Buch zugrunde. Aus Erfahrung wissen wir, dass Revolutionen dazu neigen, Verhältnisse vom einen Extrem ins andere zu kehren, was allein keinen Fortschritt mit sich bringt. Erst die darauffolgende Mäßigung der Verhältnisse bringt den Erfolg. In Frankreich war der Weg zur Republik lang, nachdem das grausame Ancién Regime von der ebenso grausamen Herrschaft des Pöbels abgelöst worden war. Der Kahn muss nach dem Abdriften zur antiautoritären Erziehung der Achtundsechziger, die eine Folge des krassen nationalsozialistischen Ausschlages zur autoritären Erziehung war, wieder auf gesunden Kurs gebracht werden - so erklärt Bueb den Ruf nach Disziplin in der Pädagogik. Das Buch hat sein Ziel schon längst erreicht: Die Debatte um Erziehung in Deutschland ist angestoßen.

„After Bueb“: Was machen wir jetzt? Den Bildungsnotstand leugnet keiner; wenn Buebs Kausalitäten stimmen, wird auch keiner den Erziehungsnotstand leugnen. In deutschen Familien wird zu wenig oder falsch erzogen. Wir fragen uns, wie wir etwas ändern können, ob neue Ideen wirklich retrospektiv seien dürfen. Pädagogik stammt in der Tat vom griechischen pais und ago, was im Deutschen der Kunst des „Kinderführens“ entspricht. Es bleibt die Frage, was das bedeutet. Nach der Lektüre des Buches musste ich mich fragen: Bin ich denn gar so missraten?

Ich aß Erde, so viel ich wollte

Ich stamme aus einem einfachen Elternhaus, Mutter Akademikerin, Vater nicht; der Vater Jahrgang 1953, die Mutter 1968. Erziehung war immer ein Thema zu Hause, weil ich „anders“ erzogen wurde. Meine Mutter ließ mich Erde essen, so viel ich wollte, so hoch auf Bäume klettern, wie ich wollte, was zur Folge hatte, dass sie sich bei allen Müttern für ihre Unverantwortlichkeit rechtfertigen musste. Mit drei Jahren wollte ich unbedingt alleine zum Bäcker laufen, um Brötchen zu holen. Obwohl der Weg zwei stark befahrene Straßen kreuzte und ich noch nicht wissen konnte, wie man in einem Geschäft bezahlt, geschweige denn über die Theke gucken konnte, schickte mein Vater mich los.

Schon früh durfte ich länger draußen bleiben als andere Kinder. Ich hatte so gut wie nie mit disziplinarischen Maßnahmen zu rechnen; ich erinnere mich an einen einzigen Nachmittag Hausarrest, weil ich Passanten an unserer Gartentür etwas Rüpelhaftes hinterhergeschrieen hatte. Meine Mutter ist an diesem Nachmittag mit mir ins Kino gegangen. In einer einzigen Sache war meine Mutter allerdings strikt: Geige üben. Aber auch für die Geige hatte ich mich freiwillig entschieden. Meine Eltern wollten nur nicht zulassen, dass ich das Geigespielen aufgäbe. Ansonsten war die Devise meiner Eltern stets: Möglichkeiten anbieten, Verantwortung übertragen, Entscheidungen überlassen; einen Nährboden schaffen, auf dem das Kind seine Qualitäten entfalten kann - wenn man so will: das antiautoritäre Erziehungsbild des Gärtners, von dem Bueb spricht.

Kein Respekt vor meinen Eltern

Als zehnjähriger Junge, der sich gerade in eigener Verantwortung für die Lateinklasse eines Münchner Gymnasiums entschieden hatte, musste ich mit der Trennung meiner Eltern und anderen Schicksalsschlägen fertig werden. In meiner Pubertät hatte ich nichts von dem, was Bueb als Voraussetzungen für gelingende Erziehung beschreibt: keine intakte Familie, keinen geordneten Tagesablauf, keine Rituale, keine verordneten Kulturveranstaltungen. Äußere Umstände zwangen mich, früher erwachsen zu werden. Ich hatte noch nicht einmal Respekt vor meinen Eltern, weil sie den in meinen Augen für ihr Verhalten nicht verdient hatten.

Aber wie sollte ich erwachsen werden? Ich fing an, jede Woche aus freien Stücken in die Bayerische Staatsoper, in die Philharmonie oder in die Pinakothek zu gehen. Stets als ein zwar chaotischer, aber guter Schüler verfolgte ich meine musischen und sportlichen Interessen außerhalb des Unterrichts. Durch zahlreiche Auseinandersetzungen mit meinen Eltern lernte ich den Respekt wieder. Mein Vater erzählte mir vom Internat Salem. Wieder aus eigenem Antrieb bewarb ich mich um ein Stipendium und wurde angenommen. Es fiel mir schwer, von zu Hause fortzugehen, weil ich trotz allem schon immer ein inniges Verhältnis zu meinen Eltern hatte.

Ich unterwarf mich gerne

In Salem war alles anders. Auf einmal gab es feste und verpflichtende Essenszeiten, vorgeschriebene Arbeits- und Schlafenszeiten, Morgenlauf; ein undurchsichtiges Geflecht von Regeln, Gesetzen und Konventionen. Ich hatte sichtlich Probleme, mich an Zwischenmeldezeiten und Ordnungsdurchgänge zu gewöhnen. Aber um Freiheiten wissend, unterwarf ich mich gerne. Es war sogar bequem. Salem fordert Disziplin, zum Beispiel, wenn man sich um halb sieben aus den Federn quälen muss, um in Eiseskälte einmal die Schlossmauern zu umrunden. Danach ist man aber wach. Salem ist konsequent, auf ein Verstoß gegen die Alkoholregel folgt ein Alkoholverbot, Strafwerkarbeitsstunden beim Hausmeister oder, wenn man Pech hat, bei der Hausdame und je nach Promillewert ein Vermerk auf dem Punktekonto. Ist dieses voll, verlässt man die Schule. Als Schüler weiß man, womit man es zu tun hat. Deshalb kann man auch spekulieren.

Salem bietet Möglichkeiten zur Charakterbildung. Es gibt dann zwei Sorten von Schülern: Die eine lässt sich auf das Erziehungsideal Salems ein, die andere nicht. Mut, Verantwortung und Wahrheitsliebe heißt die Trias von Tugenden, die über Salem steht, wobei Verantwortung heute auch als Gemeinsinn verstanden wird. Derjenige Schüler, der es begriffen hat, meldet sich freiwillig beim Leitungsrat, wenn er etwas verbrochen hat, obwohl er auf der Liste vergessen wurde. Salem ist keine Kadettenanstalt. Zur Selbstdisziplin habe ich nicht durch aufoktroyierte Fremddisziplin gefunden. Ich habe Werte verinnerlicht und gelernt, nach Möglichkeit diese durch Handlungen zu leben; das macht einen Salemer aus. Ich habe vor einigen Wochen eine Rede über Ethos an die Schulversammlung gerichtet. Wir brauchen eine Selbstverständlichkeit, die genannten Werte zu leben und auch einzufordern. Ein solches Ethos braucht auch Deutschland.

Die Entdeckung der Selbstdisziplin

In Salem angekommen, tauchte ich Hals über Kopf in das reiche Angebot ein: Hockey, Schwimmen, Volleyball, Tanzkurs, Geige, Orchester, Politik und so fort. Schnell merkte ich, dass ich ein Zeitmanagement brauchte, um diese Dinge unter einen Hut mit Freunden und mit der Schule zu bringen. So habe ich die Selbstdisziplin entdeckt. Durch Angebote, die ich selbst wählen konnte, die mich letztendlich überfordert haben, habe ich Buebs höchste Sekundärtugend erlernt. Selbstdisziplin entsteht nicht notwendigerweise durch eingeforderte Disziplin. Salem ist auch gar nicht so streng, wie die „Bild“-Zeitung sagt.

In den Naturwissenschaften genügt ein Gegenbeweis, um eine These zu widerlegen. In der Pädagogik ist das nicht ganz so leicht. Bueb muss irgendetwas vergessen haben. Das Ziel von Erziehung soll Freiheit sein. Freiheit ist nicht Unabhängigkeit, sondern, so Bueb, „sie bezeichnet den Willen und die Fähigkeit, sich selbst ein Ziel zu setzen, dieses Ziel an moralischen Werten auszurichten, mit dem eigenen Leben in Übereinstimmung zu bringen und konsequent verfolgen zu können“. Diese Freiheit könne man nur durch „unendliche Stadien der Selbstüberwindung“ und durch die „Umwandlung von Disziplin in Selbstdisziplin“ erreichen.

Ich bin kein Rotzbengel

Nun haben meine Eltern diesen Irrtum begangen und mir diese Unabhängigkeit gewährt, damit ich selbst zu dieser Freiheit fände. Es ist nicht fehlgeschlagen; ich traue mich, von mir selbst zu behaupten, kein Rotzbengel zu sein und mich auf gutem Wege zu dieser Freiheit zu befinden, wenn mir auch noch nicht ganz klar ist, wer ich eigentlich bin und welches mein Weg ist. Dafür weiß ich ein bisschen, was der Sinn und Zweck meines Lebens ist. Wenn ich überlege, was bei meiner Erziehung entscheidend gewirkt hat, ist es der Glaube, den meine Eltern stets in mich hatten, und das hohe Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und mir. Sie verstanden es, die großen Feinde der Erziehung (wie das Fernsehen) für mich uninteressant zu machen, indem sie mir Alternativen anboten. Bis zur zweiten Klasse dachte ich, im Fernsehen liefe nichts anderes als die „Sendung mit der Maus“. Als Erwachsener muss man mit Jugendlichen auf einer Ebene umgehen, auch wenn diese stets das Recht auf Jugendlichkeit behalten müssen.

Natürlich gibt es keine repräsentativen Fallbeispiele in der Pädagogik. Regeln und Disziplin sind immer Krücken für die Schwächsten. Aber viele wissen gar nicht, wie man mit Krücken einen Berg hoch- läuft. Kinder müssen von Anfang an laufen lernen; wenn sie wissen, wozu die Krücke dient, können sie sie auch benutzen. Bueb geht von zu intellektuellen Erwachsenen und zu wenig intellektuellen Jugendlichen aus. Ich möchte mich nicht missverstanden wissen, ich bin beileibe kein Verächter von Disziplin und vor allem nicht von Verzicht; die Religion birgt in dieser Hinsicht viel Wertvolles. Aber in der Erziehung darf Disziplin nicht als Schlüssel gehandelt werden. Jedes Kind ist anders; deshalb kommt es auf das individuelle Verhältnis zwischen Erziehendem und Kind an. Allerdings wird in Deutschland in der Tat zu wenig Erziehungsarbeit geleistet. Die Erziehung, die ich erfahren habe, ist auf jeden Fall die zeitaufwendigere.

Ein runder Tisch mit Bueb

Heute bin ich Schulsprecher in der Kollegstufe der Schule Schloss Salem. Seit ich in Salem bin, beteilige ich mich aktiv an der Schulpolitik. In der Mittelstufe war ich Ratsvorsitzender, und dort habe ich angefangen, mich intensiv mit Demokratie zu beschäftigen. Salem hat eines der besten demokratischen Systeme, das ich von Internatsschulen kenne. Schülerverwaltung und Leitung sind miteinander verflochten. Bueb erklärt dieses System für gescheitert; er behauptet, Jugendliche wären nicht reif für den Umgang mit Demokratie. Das ist der Hauptstreitpunkt, den wir derzeit mit Herrn Bueb ausfechten. Dazu haben wir schon einen runden Tisch „Demokratie Denken“ veranstaltet, an dem auch Herr Dr. Bueb teilgenommen hat.

Der erwachsenen Generation ist es aufgetragen, junge Menschen zur Demokratie zu erziehen. Warum? Deutsches Querulantentum ist nicht abgeklärt genug, zu kurzsichtig vor allen Dingen. Wir bewegen uns in Zeiten, vor denen es bessere in der Geschichte kaum gab. Die Weltkriege und der folgende Kalte Krieg haben Spuren im Bewusstsein der Menschen hinterlassen. Hunger, Krankheit und Krieg sind präsent, aber wie nie in der Geschichte sind wir fähig, diesen Übeln zu begegnen. Gideon Rose, Managing Editor von „Foreign Affairs“, hat mir das im Dezember in Princeton erklärt.

Das Milieu, in dem wir Fortschritte wie Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit oder Mitbestimmung leben können, heißt Demokratie. Es ist empirisch legitim, einen Fortschrittsglauben der Menschheit zu vertreten. Oft frage ich mich, welche Aufgabe die Geschichte an unsere Generation stellt. Wir sind mit einer enormen Intensivierung der Lebensverhältnisse konfrontiert. Wir müssen uns deshalb mit der Demokratie beschäftigen. Die allgemeine Demokratieverdrossenheit lässt grüßen. Paul Kirchhof hat es gerade erst erklärt. Unsere Generation hat die Aufgabe, die Demokratie von morgen zu tragen und zu gestalten. Wir brauchen Erziehung zur Demokratie!

Der Zögling spricht

Der siebzehnjährige Dustin Klinger, Sprecher der Kollegstufe des Internats Schloss Salem, antwortet seinem Lehrer Bernhard Bueb.

Der ehemalige Leiter von Salem steht mit seinem Buch „Lob der Disziplin“ seit siebzehn Wochen auf der „Spiegel“-Bestsellerliste und hat damit eine Debatte über die richtigen Methoden der Erziehung ausgelöst (siehe: Rezension: Bernhard Bueb, Lob der Disziplin). Klinger kam im Sommer 2004 dank eines Stipendiums der Dornier-Stiftung nach Salem und besucht dort derzeit die zwölfte Klasse.

Quelle: F.A.Z., 18.01.2007, Nr. 15 / Seite 29
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Von Gerhard Stadelmaier

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