09.06.2008 · Wunschgetreu flunkern durften auch die Friedwilligen: Erwin Strittmatter, Doyen der DDR-Literatur, hat sein Leben lang die Zugehörigkeit zu einem SS-Regiment verschwiegen. Jetzt spaltet er das Urteil von Kollegen und Freunden.
Von Oliver JungenIn seinem berühmten Bauern-Roman „Ole Bienkopp“ hat Erwin Strittmatter eine Märtyrerfigur geschaffen, die an selbstsüchtigen Funktionären der Partei zerbricht, obwohl diese Oles Bauerngenossenschaftspläne schließlich selbst umsetzen. Der Eigensinn, die unbedingte Offenheit des Helden steht der schon namentlich ausgedrückten Verschlagenheit seiner Gegner gegenüber: Förster Flunker oder Kreisparteisekretär Wunschgetreu.
Wunschgetreu, so scheint es jetzt, hat aber auch Erwin Strittmatter, der aufrechte Streiter für einen undogmatischen Sozialismus, die eigene Vergangenheit zurechtgeflunkert und zeit seines Lebens die Zugehörigkeit zum „SS-Polizei Gebirgsjäger Regiment 18“ verschwiegen. Dies geht aus einem in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ publizierten, aufwendig recherchierten Artikel hervor (siehe Werner Liersch: Erwin Strittmatters unbekannter Krieg), in welchem der militärische Lebensweg des Schriftstellers rekonstruiert wird.
Lebenslauf manipuliert
Dass Strittmatter mehrere Jahre der Wehrmacht angehörte, ist bekannt. Doch habe der Schriftsteller seinen Lesern nur mitgeteilt, so Liersch, „was konfliktfrei war“. Etwas auskunftsfreudiger gab er sich gegenüber dem Sekretariat des ZK der SED; doch auch hier habe er seinen Lebenslauf an einer zentralen Stelle manipuliert, indem er angab, zur „Schutzpolizei“ einberufen worden zu sein. Tatsächlich aber sei er im April 1941 zur „Ordnungspolizei“ einberufen worden. Seine Formation ging im Februar 1943 als III. Bataillon in dem drei Bataillone umfassenden „SS-Polizei Gebirgsjäger Regiment 18“ auf.
Dieses für den Kaukasus-Einsatz zusammengestellte Regiment unter SS-Obersturmbannführer Franz kam zunächst in Slowenien zum Einsatz, von Dezember 1942 an in Finnland und beteiligte sich in Griechenland an der Bekämpfung von „Partisanen“ und der „Entwaffnung“ der elften italienischen Armee. Wiederholt kam es zu Massakern und Geiselerschießungen, die Strittmatter, so Lierschs Schlussfolgerung, als Bataillonsschreiber miterlebt und vermutlich notiert haben muss. Alle Kriegstagebücher wurden allerdings am Ende des Krieges gezielt vernichtet. Eine Beteiligung Strittmatters an den Gewalttaten unterstellt Liersch nicht. Aber Strittmatter, der zuletzt Mitarbeiter der Film- und Bildstelle der „OrPo“ war, müsse doch „Kenntnisse dieses Krieges von einem ungewöhnlichen Radius“ besessen haben. Gleichwohl inszenierte er sich als apolitischen, pazifistischen Menschen.
Ein „egoistischer Parteigänger“
Die Reaktionen von Kollegen und Freunden Strittmatters fallen unterschiedlich aus. Wenn Strittmatter in diesem Bataillon gewesen sei, so erklärt der in der DDR ebenfalls hochgeschätzte Schriftsteller Erich Loest im Gespräch mit dieser Zeitung, dann habe er, der „immer der gute Proletarier“ zu sein vorgab, „es verdient“, dass dies öffentlich werde. Strittmatter sei in der DDR ein „egoistischer Parteigänger“ gewesen, der sich nie für andere eingesetzt habe. Allerdings sei dessen Entscheidung, nicht über die Vergangenheit zu reden, eine rein private Angelegenheit. Persönlich enttäuscht sei er von Strittmatter daher nicht: „Es haben doch so viele nicht alles zugegeben.“
Hermann Kant, der als Schriftsteller-Funktionär noch deutlicher die Nähe zur SED gesucht hatte als Strittmatter und viele Jahre lang Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR gewesen war, teilte dieser Zeitung mit, zur Sache selbst nichts sagen zu können: „Obwohl wir Hunderte Stunden miteinander geredet haben, kamen unsere Militärkarrieren nicht vor. Das ist bei Autoren keineswegs ungewöhnlich, zumal bei den friedwilligen nicht.“ Gefragt, ob die Enthüllungen sein Strittmatter-Bild veränderten, antwortete Kant: „Allenfalls insofern, als sich über meine Erinnerung an den wunderbaren Freund hinaus die Vermutungen von Werner Liersch melden werden. Schlimm genug, aber ich denke, damit werden Erwin und ich schon fertig.“
Ungesichtete Tagebuch-Aufzeichnungen
Die Witwe des im Jahre 1994 verstorbenen Schriftstellers, Eva Strittmatter, äußerte dieser Zeitung gegenüber, ihr sei „das alles unbekannt“. Natürlich habe sie gewusst, dass ihr Mann in den erwähnten Ländern war und auch, dass der Griechenland-Aufenthalt eine „prägende Erfahrung“ für ihn darstellte; aber von der exponierten Rolle seines Regiments habe sie keine Kenntnis gehabt. Für eine persönliche Beteiligung ihres Mannes an verbrecherischen Taten möchte sie aber Beweise sehen. Was sie allerdings am meisten verwundere, sei, dass der ihr gut bekannte Germanist Werner Liersch, mit dem sie viele Jahre in der Redaktion der Zeitschrift „ndl“ zusammengearbeitet hat, sie mit seinen Enthüllungen dermaßen überfalle.
Ähnlich argumentiert auch der von Liersch direkt angegriffene ehemalige Lektor Strittmatters, Günther Drommel, dessen im Jahre 2000 im Aufbau-Verlag erschienene Biographie des Schriftstellers nach Ansicht Lierschs Legenden fortspinne. Er habe sich bei seinem Buch lediglich auf Aussagen und Material der Strittmatters stützen können, räumt Drommel im Gespräch ein. Und natürlich müssten die Verbrechen des nationalsozialistischen Systems aufgearbeitet werden. In einer ausgearbeiteten Stellungnahme heißt es dann: „Im Schulzenhofer Strittmatter-Archiv befinden sich größere Mengen bisher ungesichteter Tagebuch-Aufzeichnungen des Dichters. Die als erste zu lesen hat sich die Witwe bisher aus persönlichen Gründen vorbehalten. Hätte Liersch vor seiner Veröffentlichung ein Wort mit uns gewechselt, wäre es gut möglich gewesen, dort konkret nach aufhellendem Material zu suchen.“ Auf die Frage, ob dies nun geschehe, gibt es bislang keine Antwort.
Rechtlich nicht zu belangen
Drommel betont, es sei Strittmatters Privatsache, ob er sein gesamtes Leben literarisch verarbeite oder nicht. Auch findet sich in seiner Stellungnahme die recht steile Annahme, die SED, die vielleicht doch mehr gewusst habe, als in den Akten vermerkt sei, könnte „ihrem Autor Strittmatter verboten“ haben, darüber zu schreiben. Sie habe ihn womöglich „durch ihr Insider-Wissen erpressen“ wollen. Liersch wiederum gehe es darum, einen bestimmten Autortypus - „endlich einer aus dem Osten und dem sogenannten Traditionshause ,Aufbau'“ - durch einen lediglich „vermutbaren Verdacht“ zu diskreditieren. Rechtlich sei Strittmatter nicht zu belangen.
Das hat Liersch auch nicht behauptet. Drommel scheint jedoch zu unterschätzen, dass in diesem Fall die moralische Beurteilung großes Gewicht besitzt, weil der in der DDR als Deserteur und Pazifist gefeierte Schriftsteller bis heute als moralische Instanz gilt. Mit einem Wort: Es handelt sich bei dieser Vergangenheitsbehandlung nicht um eine „Privatsache“, weil Erwin Strittmatters Vergangenheit keine private ist.
Mitten in der Krise des Aufbau-Verlags scheint damit nun auch noch eine von dessen Galionsfiguren ins Wanken zu geraten. Vielleicht spielt das für den Verlag aber nicht einmal mehr eine große Rolle - für pazifistisch-sozialistisches Renommee lässt sich heute nur wenig kaufen. Dass junge Menschen durch die jetzige Enthüllung davon abgehalten werden, Strittmatters realsozialistische Romane zu lesen, wäre wohl nur die wunschgetreue Überblendung der Tatsache, dass Strittmatters literarisches Schicksal längst besiegelt ist.