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Entführung Der Fall Osthoff

23.01.2006 ·  Hat Susanne Osthoff gelogen? Daß angeblich ein Teil des Lösegeldes bei ihr gefunden wurde, wirft neue Fragen auf. Eine alte ist auf jeden Fall beantwortet: Vor ihrem umstrittenen Interview im ZDF gab es - anders als von Osthoff behauptet - ein Vorgespräch mit dem Sender. Wir dokumentieren es.

Von Michael Hanfeld
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Die Geschichte von „Focus“ ist eine Bombe - wenn sie stimmt. Wenn es tatsächlich zutrifft, daß Susanne Osthoff einen Teil des Lösegeldes bei sich hatte, das die Bundesrepublik für ihre Freilassung offiziell gar nicht bezahlt hat, wirft das eine Menge Fragen auf - an Susanne Osthoff, an das Auswärtige Amt und an die Bundesregierung.

Doch selbst wenn es nicht zuträfe, hätte die gesamte Branche der Journalisten in Deutschland Grund, sich selbst zu befragen. Insbesondere für Medienkritiker verbindet sich mit diesem Fall die Frage, wie sie mit der Wirklichkeit umgehen. „Bild am Sonntag“ hat gestern insofern die richtige Frage aufgeworfen: Neben der Schlagzeile „Osthoff mit Lösegeld erwischt“ hieß es: „Hat sie uns alle belogen?“

Mit Gummibändern gebündelte Scheine

Hat sie oder hat sie nicht? Folgt man den Recherchen des Magazins „Focus“, das seine Geschichte über mehrere Quellen, „die absolut zuverlässig sind“, abgesichert haben will, wird man die Frage vielleicht mit Ja beantworten wollen. Demnach hat Susanne Osthoff unmittelbar nach ihrer Freilassung Geldscheine bei sich gehabt, die zu dem für sie gezahlten Lösegeld zählten. Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Bagdad hätten mehrere tausend Dollar - mit Gummibändern gebündelte Scheine - in Osthoffs Kleidern entdeckt, als die Archäologin die Dusche der diplomatischen Vertretung benutzte. Bei einer Überprüfung der Seriennummern der Scheine hätten Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) eine Übereinstimmung mit dem von der Bundesregierung gezahlten Lösegeld festgestellt. Die Botschaft habe umgehend den Krisenstab des Auswärtigen Amtes in Berlin über die Geldbündel informiert. Dort habe Außenminister Frank-Walter Steinmeier „absolute Geheimhaltung“ angeordnet.

Susanne Osthoff, schreibt „Focus“ weiter, sei für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen gewesen. Doch wollten auch das Auswärtige Amt und das Bundeskriminalamt die Sache nicht kommentieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Steinmeier hatten zuvor erklärt, Deutschland sei nicht erpreßbar und die Zahlung von Lösegeld werde grundsätzlich abgelehnt. Susanne Osthoff war am 25. November 2005 im Irak verschleppt und am 18. Dezember von ihren Entführern wieder freigelassen worden. Nach Informationen verschiedener Medien wurden rund fünf Millionen Dollar Lösegeld gezahlt. Nun fordern Politiker Aufklärung. Die Geschichte sei „voller Ungereimtheiten“, sagte der Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) in der „Welt“. Es geht um Informationen darüber, „was man nach der Entdeckung des Geldes veranlaßt hat“. Insbesondere interessiere ihn, „ob man Frau Osthoff befragt hat oder ob sie das Geld behalten durfte“.

Giftige Darstellung

Beobachtern war seit dem Beginn der Geschichte die, um es vorsichtig zu sagen, zurückhaltende, aber andeutungsweise giftige Darstellung des Auswärtigen Amtes aufgefallen. Daß Susanne Osthoff von der Gruppe des Terroristen Al Zarqawi entführt wurde, steht ebenso in Zweifel wie ihre Verbindungen zur deutschen Botschaft in Bagdad und wie ihre möglichen Kontakte zum Bundesnachrichtendienst. Warum hat man überhaupt ihre Kleidung durchsucht, während sie duschte? Macht man so etwas, wenn man nicht vorher schon Verdacht geschöpft hat? Und woher kommt das angeblich gefundene Geld - von den Entführern oder direkt von anderen? Diese Fragen stehen im Raum und geben der Politik vielleicht Anlaß, lieber zu diesem Fall einen Untersuchungsausschuß einzurichten als zu der Frage, ob der BND durch zwei Agenten in Bagdad während des Irak-Kriegs den Amerikanern Informationen zukommen ließ.

Nun ist es allerdings so, daß nicht nur die Bundesregierung Rätsel aufgibt, sondern auch Susanne Osthoff selbst. Und diese Rätsel sind mit jedem Interview größer geworden, angefangen bei ihrem Auftritt im „heute journal“ des ZDF über „Beckmann“ in der ARD bis zu ihren Zitaten in Zeitschriften. Und dies ist nicht auf Susanne Osthoff, sondern auf die sie befragenden Journalisten zurückgefallen. Besonders die verwirrenden Einlassungen im ZDF (die man hier nachlesen kann: das Interview, wie es auf heute.de dokumentiert ist) haben einen Eindruck hervorgerufen, dem der Chefredakteur des Senders, Nikolaus Brender, mit einigem Recht entgegentritt.

Ein langes Vorgespräch

Es hat zu diesem Interview nämlich ein langes Vorgespräch gegeben, das dokumentiert, wie schwierig es war, mit den Antworten von Susanne Osthoff umzugehen. Telefonisch habe man insgesamt fünf Vorgespräche mit Susanne Osthoff geführt, sagt Nikolaus Brender, es sei geklärt worden, wo, wann und wie das Gespräch stattfinden und welcher Fragenkreis angerissen werden sollte. Als das Interview geführt war, hatte die Redaktion jedoch den Eindruck, das man es besser nicht auf den Sender gäbe. Doch habe er entschieden, so Brender: „Nein, das ist ein Dokument für die deutsche Öffentlichkeit.“ Die ganze Republik habe sich wochenlang um Frau Osthoff gesorgt, der Staat sei in Aktion getreten, also überrage das Interesse an den Einlassungen Susanne Osthoffs etwaige Bedenken, daß man sie auch vor sich selber schützen müsse.

„Wir haben sehr sorgsam abgewogen und - so glaube ich - richtig entschieden“, sagte Brender. Die über den Sender danach hereingebrochene moralische Empörung könne er nicht teilen: „Hier dokumentiert sich eine abgekoppelte Moral, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.“ Und was die spätere Aussage Susanne Osthoffs in der ARD-Sendung „Beckmann“ über ihre Zusammenarbeit mit dem ZDF angehe, so stehe hier nicht, wie es in diesem Gespräch hieß, Aussage gegen Aussage, sondern „Tatsache gegen Aussage.“ Bei Beckmann hatte Susanne Osthoff gesagt, es habe kein Vorgespräch zwischen ihr und Marietta Slomka gegeben. Daß es eines gab, dokumentieren wir hier: .

Skepsis gegenüber der Interviewten

Die Reaktion der Zuschauer übrigens, fügt Brender noch an, unterscheide sich doch merklich von jener aus der Branche. Bei den Zuschauern nämlich habe doch die Skepsis gegenüber der Interviewten und nicht der sie befragenden Journalistin überwogen. Um so erstaunlicher - oder auch nicht - war, daß Susanne Osthoffs Auftritte im Fernsehen zur Nominierung des Grimme-Preises eingereicht wurden. Erstaunlich daran war, daß der Vorschlag von einem Mitarbeiter des „Tagesspiegels“ kam und der „Tagesspiegel“ dann auch die erste Zeitung war, die darüber berichtete. Normalerweise wird nicht bekannt, wer wen oder was für den Grimme-Preis vorschlägt - dies kann übrigens jeder tun. Nun aber war die Meldung ein Selbstläufer, bei dem sich aber die Frage stellt, ob die Zeitung nicht über ein Ereignis berichtete, das sie selber schuf.

Daß der Vorschlag aus dem „Tagesspiegel“ kam, wurde dieser Zeitung sowohl vom Grimme-Institut als auch aus der Zeitung auf Nachfrage bestätigt. Joachim Huber, der Medienredakteur des „Tagesspiegels“, betont aber, daß seine Redakion nicht zugleich Urheber und Berichterstatter war: „Ich habe die Meldung geschrieben, aber der Vorschlag stammt nicht aus der Medienredaktion des ,Tagesspiegel'. Wir wußten nur früher als andere, daß es diesen Vorschlag gibt.“

„Inszenierte Mediengeschichte“

Für manchen sah es dann zunächst so aus, als wolle das Grimme-Institut von der journalistischen Aufregung um den Entführungsfall Osthoff profitieren. Dabei ist das Gegenteil der Fall. „Es ist offensichtlich, daß es sich um eine inszenierte Mediengeschichte handelt“, sagte der Chef des Grimme-Instituts, Uwe Kammann, auf Anfrage. „Die Kombination Osthoff-Grimme ist so spektakulär, daß sie fast automatisch Aufmerksamkeit findet. Und das hat die Geschichte ja auch gezeigt: Fast alle sind darauf angesprungen.“

Ob die Nominierungskommission, die der Schlußjury die Vorschläge für die Preisfindung unterbreitet, darauf angesprungen ist, das will uns beim Grimme-Institut niemand verraten. Insofern darf man gespannt auf die Pressekonferenz am Donnerstag sein, bei der die Nominierten - noch nicht die Preisträger - bekanntgegeben werden. Wer etwas zwischen den Zeilen lesen kann, die die seither veröffentlichte Pressemitteilung berücksichtigt, in der eigens darauf hingewiesen wird, daß es sich hier erst um den Vorschlag zu einer möglichen Nominierung handelt, und dann auch noch zu hören bekommt, daß die Kommission sich in der letzten Woche mit diesem Vorschlag intensiv, aber auch nicht länger als mit all den anderen Einreichungen beschäftigt hat - der rechnet wohl kaum damit, daß bei Grimme am Ende ein Vorgang preiswürdig erscheint, hinter dem sehr viele Fragezeichen stehen - erst recht angesichts der jetzigen „Focus“-Geschichte. Grimme-Chef Kammann spricht vorsichtig davon, daß dies eine „exemplarische Medienerfahrung“ sei.

Als exemplarisch erscheint sie tatsächlich, möchte sich doch niemand vorstellen, daß es bei einem solchen Vorgang - einer Entführung mit möglicherweise tödlichem Ausgang, wie sie im Augenblick der amerikanischen Journalistin Jill Carroll droht - anders als in klaren Opfer-Täter-Kategorien zu urteilen gilt. Doch geht es möglicherweise genau darum und um nichts anderes.

Quelle: F.A.Z., 23.01.2006, Nr. 19 / Seite 38
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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