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Entfremdung und Erniedrigung : Die Russen verlieren den Bezug zur Realität

  • -Aktualisiert am

Aufstand der Imagination gegen die Wirklichkeit – dieses Bild haben wir dem Buch „high hopes“ von Vitus Saloshanka entnommen Bild: Vitus Saloshanka / Anzenberger

Wie man mit dem Hammer moralisiert: Russlands Gesellschaft ist drauf und dran, eine Sklavenmoral zu entwickeln. Sie ist geprägt von Ressentiment und Erschöpfung.

          Die gegenwärtige Metamorphose der russischen Gesellschaft wirft viele Fragen auf. Der explosive Anstieg von Aggressivität bei gleichzeitiger Abkehr von der Wirklichkeit, die in kürzester Zeit unter ideologischen Fiktionen begraben wurde - dieses Phänomen ist nicht leicht zu ergründen. Oft wird es auf die beispiellose Manipulation der Massen durch die Fernsehpropaganda zurückgeführt. Das erklärt vieles, aber längst nicht alles. Nicht jede Gesellschaft lässt sich so schnell und in diesem Ausmaß propagandistisch indoktrinieren. Um wirksam zu sein, muss die Propaganda den unbewussten Bedürfnissen der Bevölkerung entgegenkommen.

          Für die Analyse des Massenbewusstseins sind Nietzsches Betrachtungen zum Ressentiment nützlich. Nietzsche bezeichnet das Ressentiment als Merkmal der Moral von Sklaven, die infolge ihrer Lebenssituation die Welt in keiner Weise verändern können. Es ist ein Aufstand der Imagination gegen die Wirklichkeit, der durchaus Ähnlichkeit hat mit einem schöpferischen Akt: „Der Sklavenaufstand in der Moral beginnt damit, dass das Ressentiment selbst schöpferisch wird und Werte gebiert: das Ressentiment solcher Wesen, denen die eigentliche Reaktion, die der Tat, versagt ist, die sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten. Während alle vornehme Moral aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selbst herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein Nein zu einem ,Außerhalb‘, zu einem ,Anders‘, zu einem ,Nicht-selbst‘: und dies Nein ist ihre schöpferische Tat. Diese Umkehrung des werte-setzenden Blicks - diese notwendige Richtung nach außen statt zurück auf sich selbst - gehört eben zum Ressentiment: die Sklaven-Moral bedarf, um zu entstehen, immer zuerst einer Gegen- und Außenwelt, sie bedarf, physiologisch gesprochen, äußerer Reize, um überhaupt zu agieren - ihre Aktion ist von Grund aus Reaktion.“ („Zur Genealogie der Moral“, 1, 10)

          Ressentiment schafft Ressentiment

          Da die Welt sich jeder Einwirkung entzieht, vernichten die Sklaven sie in der Imagination, radikal verneinen sie ihre Existenz. Nietzsche verweist auf die Verbindung von Ressentiment und Sklavenreligion, also dem Christentum, das, anders als das Heidentum, in Kategorien wie Jenseits, Apokalypse, Paradies oder Utopie denkt. Die kommunistische Utopie passt durchaus zur Strategie des Ressentiments mit seiner inhärenten Verneinung der Realität.

          Die Realitätsverweigerung im gegenwärtigen Russland steht meiner Ansicht nach in direktem Zusammenhang mit der Hilflosigkeit von Menschen, die unfähig sind, auch nur die kleinste Veränderung in ihrem Land oder wenigstens in ihrer Familie zu bewirken. Die Medien haben lediglich den Content für diese Explosion „sklavischer“ Negativität geliefert, die den Menschen hilft, Gefühle von Entfremdung und Erniedrigung zu bewältigen. Die gesamte russische Gesellschaft, von Putin bis zum letzten Straßenkehrer, ist gleichermaßen vom Ressentiment infiziert. Bei Putin liegt es daran, dass Russland und sein Präsident nicht als gleichberechtigte Akteure in der globalen Arena akzeptiert werden, für den Straßenkehrer an seiner Hilflosigkeit gegenüber Polizisten, Beamten, Richtern und Kriminellen. Ich glaube, die Ressentiment-Phantasien der Staatsmacht fanden in einem bestimmten Moment bei den Ressentiment-Phantasien der Bevölkerung ein eigentümliches Echo - woraufhin die Welt sich transformierte: Aus der Destabilisierung der Ukraine wurde ein ehrenhafter Krieg gegen imaginäre Faschisten; aus Russlands Isolation seine Selbstbehauptung als Großmacht; aus Wirtschaftskrise und verringerten Staatseinnahmen das Wachstum von Lebensstandard und Wohlbefinden. Und selbst Menschen, die die Phantasmen des Ressentiments nicht teilen, aber vom Sturm der Ereignisse, die sie nicht verhindern können, verstört sind, versuchen, die Realität des Geschehens zu leugnen oder wenigstens die Augen davor zu verschließen.

          Globaler Raum erzeugt nicht nur Reichtum

          Es ist frappierend: Obwohl die Regierung, wie Putin sie verkörpert, daran schuld ist, dass den Bürgern jede Form von Einflussnahme auf Ereignisse und Entscheidungen verwehrt ist, nützen die aktuellen psychischen Metamorphosen ihr, statt ihr zu schaden. Die Unmöglichkeit, die Wirklichkeit zu beeinflussen, beruht auf einer tiefen Krise der Institutionen. Für die Bevölkerung bedeutet das, dass die Rechtsschutzorgane und die Staatsmacht pervertiert handeln und das Gesundheits- und das Bildungssystem zerstören. Auf einer anderen Ebene zeigt sie sich im Absterben und der Sinnentleerung nationaler Souveränität.

          Diese Krise, die nicht nur in Russland, sondern in der ganzen Welt schwelt, hängt mit der Globalisierung der Wirtschaft zusammen. Zygmunt Bauman spricht von einem „Raum der Ströme“, der über nationale Territorien und souveräne Staaten hinausgeht. In diesem Raum bewegen sich Kapital, Waren, Ideen, Dienstleistungen. Der russische Wohlstand verdankt sich weitgehend der Teilhabe am Raum der Ströme. Der globale Raum erzeugt aber nicht nur Reichtum, sondern auch Probleme - ökologische, finanzielle, solche der Migration. Diese Probleme müssen aber von Politikern gelöst werden, deren Macht sich auf ein bestimmtes Territorium mit seiner Bevölkerung beschränkt, merkt Bauman an. Nationalstaatliche Institutionen, die schon innerhalb vieler Länder eher hilflos agieren, geraten dadurch unausweichlich in eine Systemkrise.

          „Staatlichkeit ohne Staat“

          Die russische Regierung mit ihrem übertriebenen Kult anachronistischer staatlicher Souveränität will einerseits aus dem globalen Raum der Ströme Nutzen ziehen, andererseits versucht sie weiterhin, globale Probleme mit Hilfe nationaler Institutionen zu lösen. Das wird besonders deutlich in den naiven Bemühungen, Wirtschaftssanktionen mit ineffektiven Gegenmaßnahmen zu beantworten, die das Land isolieren.

          In der Bevölkerung wie an der Staatsspitze werden Institutionen als enttäuschend und sinnlos erlebt, was hier wie dort dazu führt, institutionelle Normen und Prozeduren nicht einzuhalten. In letzter Konsequenz wird das Ressentiment, um einen Begriff des französischen Philosophen Étienne Balibar zu gebrauchen, zur „Antipolitik“. Klassische Manifestationen der Antipolitik sind der Krieg (obwohl Clausewitz den Krieg als „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ definierte) und eine Aversion gegen Gesetze und jegliche Form staatsbürgerlichen Handelns. In Russland gilt das für die Bevölkerung wie die Staatsführung gleichermaßen. Balibar zufolge fördert die Antipolitik Nationalismus und Populismus, leistet Diktaturen und dem Kult eines Führers Vorschub, dem sein Charisma gerade aus dem Bruch von Gesetz, Verfassung und internationalen Normen zuwächst. Das weckt die paradoxe Illusion, Nationalismus könne übernationale Probleme lösen, ein charismatischer Führer könne Probleme lösen, an denen die ineffizienten bürokratischen Demokratien scheitern. Der italienische Kultursoziologe Carlo Bordoni bemerkt richtig, Nationalismus und Populismus hätten heute etwas Operettenhaftes (man denke an die russischen Kosaken) und seien zum Problemelösen vollkommen ungeeignet. Vielmehr folgten sie der Logik der dem Ressentiment entspringenden Realitätsleugnung. Als gefährlichstes Produkt der Antipolitik bezeichnet Bordoni eine „Staatlichkeit ohne Staat“. Dabei regiert eine verwahrloste byzantinische Bürokratie, während der Staat als Institution praktisch nicht mehr existiert.

          Lüge als politisches Prinzip

          Ich teile Bordonis Ansicht, meine jedoch, dass die Antipolitik nicht nur aus einer Krise der Staatlichkeit resultiert, sondern auch aus dem Nietzscheschen Ressentiment, das der Unfähigkeit zum positiven Handeln entspringt. Nietzsche folgend, findet man überall die reine Negativität, bloße Reaktionen auf den Widerstand der Außenwelt. Dass Putin in einer Umfrage dieses Herbstes als höchste moralische Autorität des Landes ermittelt wurde, ist ein Ergebnis der Antipolitik. In dieser „Moral“ spricht sich eine institutionsfeindliche Haltung aus. Die Entscheidungen des politischen Führers gehorchen nicht Gesetzen und Verträgen, sondern seinem „moralischen“ Instinkt, in dem sich seine absolute Souveränität manifestiert. Er entscheidet nicht auf der Grundlage von Abkommen, die Russland unterzeichnet hat (wie etwa dem Vertrag über die Unverletzlichkeit der ukrainischen Staatsgrenzen), sondern seines Gerechtigkeitsgefühls: um imaginäre Russen vor ukrainischen Repressionen zu schützen, um Chruschtschows ungerechte Entscheidung von 1954 zu korrigieren. Eine derartige „moralische“ Politik ignoriert institutionelle Normen.

          Die Abkehr vom Realitätsprinzip (im Sinne Freuds) führt zur Affirmation der Lüge als politisches Prinzip. Wenn die Politik eines Staates auf die totale Lüge oder die Leugnung offensichtlicher Fakten gebaut wird, hat man es mit jener sehr spezifischen Art von Politik zu tun, die Hitler und Stalin erfolgreich praktizierten. 1975 fand in der Bundesrepublik Deutschland eine öffentliche Diskussion zur „Legitimität der Lüge in der Politik“ statt (am 27. Mai im Düsseldorfer Bildungsforum), an der auch Hannah Arendt teilnahm. Arendt führte aus, dass die Lüge im Katalog der Todsünden nie verzeichnet war und erst seit dem sechzehnten Jahrhundert, mit der Entstehung der modernen Wissenschaften und dem Anspruch auf objektive Erkenntnis, einen festen Platz im europäischen Bewusstsein einnimmt. In der Politik war nach Meinung der Diskussionsteilnehmer die Lüge jedoch unvermeidlich - im Sinne einer „okkasionellen“, der Gelegenheits- oder Notlüge.

          Die stärkste Macht der Welt

          Doch die Werbung, Propaganda und moderne Medien haben die Situation verändert. Dank ihnen ist es möglich, dass die Weltsicht den Phantasievorstellungen von Politikern folgt. Das läuft auf die Tilgung des Unterschieds zwischen Lüge und Realität hinaus. Diese Nichtunterscheidung, die heute in der russischen Gesellschaft mit Händen zu greifen ist, hält Arendt für extrem gefährlich. Im Massenbewusstsein vollzieht sich eine Verschiebung, die eine Entwirklichung (defactualization) zur Folge hat, wie Arendt es nennt: Die Fakten büßen ihre Realität ein. Selbst der Tod von Menschen bekommt etwas Scheinhaftes. Vielleicht haben sie gelebt, vielleicht auch nicht, vielleicht sind sie gestorben, vielleicht haben sie sich auch nur in Luft aufgelöst - alles lässt sich als bloße Lesart der Realität wahrnehmen, als Schein. Ein solches Bewusstsein führt zwangsläufig zu verringerter staatsbürgerlicher Aktivität, zu Lethargie und Gleichgültigkeit.

          Nicht lange vor der Düsseldorfer Diskussion veröffentlichte Arendt den Essay „Die Lüge in der Politik. Überlegungen zu den Pentagon-Papieren“ („Lying in Politics: Reflections on The Pentagon-Papers“, 1971), ihre umfassendste Betrachtung zu dem Thema. Es geht darin um 1971 veröffentlichte Geheimpapiere, die erkennen ließen, dass die Vereinigten Staten mit dem Krieg in Vietnam keinerlei materielle Ziele verfolgten - weder einen Zuwachs an Territorium noch ökonomische Vorteile, rein gar nichts. Der Krieg brachte die Vormachtstellung der Vereinigten Staaten sogar ins Wanken. Nach Arendt ging es ausschließlich um das Image Amerikas, um seine Bestätigung als stärkste Macht der Welt, als siegreicher Verfechter von Freiheit und Demokratie. Die vollständige Divergenz von Krieg und Realität führte bekanntlich dazu, dass die Armee eines rückständigen Agrarlandes der Supermacht eine Niederlage bereitete. Arendt argumentiert, Amerika habe mit der Anstrengung, die Image-Lüge zu füttern, nicht einmal versucht, seine internationale Bedeutung zu erhöhen. Anders als heute, da Russland an einem vergleichbaren Bluff interessiert wäre, bestritt damals niemand die Vormachtstellung Amerikas. Hinter dem Vietnam-Bluff standen keine realen Staatsinteressen.

          Panische Angst vor Schwäche

          Die totale Lüge erzeugt den Glauben an die eigenen Phantasmen. Die um sich greifende Illusion macht die Bürokratie, die die Verbindung zur Realität verliert, noch unfähiger, echte Probleme zu bewältigen. Was in der Ukraine geschieht, ist dem Vietnam-Krieg trotz aller Unterschiede auch ähnlich. Die Bürokratie unterminiert systematisch den wirtschaftlichen und politischen Status quo des eigenen Landes - um eines Bluffs willen. Russlands Entwirklichung ist ins Stadium der Selbstzerstörung von Staat und Gesellschaft getreten. Alle Opfer werden nur gebracht, um das Gesicht zu wahren und ein Bild ungebrochener Stärke vorzuführen.

          Doch gerade in dem paranoiden Wunsch, mit allen Mitteln Stärke zu demonstrieren, offenbart sich, wie sehr die russische Politik oder besser Antipolitik in Ressentiment, Schwäche und Kraftlosigkeit wurzelt. Die panische Angst der Staatsmacht vor ehrlichen Wahlen, vor jeglicher politischer oder staatsbürgerlicher Aktivität im Land verrät das Ausmaß ihrer Hilflosigkeit und Unsicherheit. Das Ressentiment - Affekt des Verängstigten, Hilflosen, der keinen Einfluss auf die Wirklichkeit hat - drückt sich stets in Phantasmen von Stärke und Unzerstörbarkeit aus („uns können die Sanktionen, ja, uns kann die ganze Welt nichts anhaben“). Die korrumpierten Medien tun alles, um mit solchen Phantasievorstellungen diejenigen, die sie herbeisehnen und erfinden, vollends zu hypnotisieren.

          Aus dem Russischen von Christiane Körner.

          Michail Jampolsky, 1949 in Moskau geboren, ist Kulturhistoriker und Zeichentheoretiker; er wohnt seit 1991 in den Vereinigten Staaten.

          Quelle: F.A.Z.

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