Englands Gesellschaft im Dauerstreit über Europa
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England im Dauerstreit : Brexit und Schlangenöl – das passt zusammen!

Als Wachsfiguren bei Madame Tussaud`s trennt Boris Johnson und Theresa May nicht einmal ein Stück Stoff. In der Realität sieht das ganz anders aus. Bild: EPA

Mit dem sprichwörtlichen britischen Understatement ist es seit der Brexit-Abstimmung vorbei. Die Gesellschaft ist bis in die Familien hinein gespalten. Auf Dinnerpartys gilt: „Don’t mention the Brexit“.

          Dinnerpartys seien wieder „in“, verkündet „Tatler“. Die Hochglanzzeitschrift, die sich gern als Stilbibel der besseren Kreise oder jener dorthin Strebenden stilisiert, nahm den vermeintlichen Trend zum Anlass, um zwölf Gebote für Gastgeber zu veröffentlichen, darunter die Empfehlung, dass eine ideale Runde aus Freunden, Fremden, Alleinstehenden und Paaren zu bestehen habe. Kinder dürften allenfalls fünf Minuten dabei sein, um die Gäste zu begrüßen. Auf Veganer und andere pingelige Esser müsse bei der Zusammenstellung des Menüs keine Rücksicht genommen werden.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Diese sollten vorher essen und ihre Nahrungsbedürfnisse nicht weiter erwähnen. Um den Abend nicht zu beinträchtigen, legt „Tatler“ Gastgebern nahe, davon abzusehen, Raucher nach draußen zu verbannen und Frauen zu bitten, ihre Stöckelschuhe auszuziehen, damit der Teppich verschont bleibe. Darüber hinaus sei der Brexit zum Tabu-Thema zu erklären. Bis jetzt sei es zwar unannehmbar gewesen, die Unterhaltung mit einem Veto zu belegen, belehrt das Gesellschaftsmagazin. In diesen unruhigen Zeiten, sei es jedoch ratsam, ein Brexit-Moratorium zu verhängen. Jedes andere Thema sei erlaubt.

          Empfehlungen sind freilich ironisch gehalten

          Die Empfehlungen sind freilich ironisch gehalten. Aber sie sind symptomatisch für die sich zuspitzende Polarisierung zwischen Gegnern und Anhängern des Brexits, auf die „Tatler“ bereits vor einigen Monaten in einem ähnlich frotzelnden Beitrag über die Auswirkungen der Volksabstimmung auf das Sexualleben Bezug nahm. Bis etwa 4.39 Uhr am Morgen des 24. Juni 2016 hätten Männer und Frauen, die sich interessiert in Augenschein nahmen, auf gepflegte Fingernägel, den Beruf, Humor, eine Präferenz für Katzen oder Hunde und saubere Unterwäsche geachtet. Nun sei keine Frage bei der Partnersuche wichtiger als die, wie jemand zum Brexit stehe. Die Behauptung wurde durch eine Statistik belegt, wonach für 88 Prozent der Nutzer einer App namens „Hater“, die Menschen nach ihren Abneigungen zusammenführt, die gemeinsame Einstellung zur Europa-Frage bestimmend gewesen sei. Eine Beratungsstelle meldete, dass ein Fünftel ihrer Betreuer mit Kunden zu tun habe, die sich über den Brexit stritten. Das Thema wird in Umfragen denn auch immer wieder als zusätzlicher Belastungsfaktor in kriselnden Ehen genannt.

          Im persönlichen Umfeld spiegeln sich die Spannungen in der politischen Arena. Sie verleihen dem öffentlichen Diskurs in Britannien eine Gehässigkeit, die selbst jene tiefen Affekte übertreffen, die Margaret Thatcher geweckt hat. Im vergangenen Jahr hat die Regierung einer Forschungsstelle, die mit dem Brexit verbundene Hassverbrechen in den sozialen Netzwerken registriert, einen Zuschuss in Höhe von 250 000 Pfund bewilligt. Der Leiter des Pojektes an der Universität Cardiff stellte fest, dass Hassverbrechen in der Folge von sogenannten Auslösemomenten wie dem Referendum über Britanniens Zukunft in der Europäischen Union tendenziell zunähmen. Nach seiner Einschätzung habe der Volksentscheid bestimmte Vorurteile unter Minderheiten wachgerüttelt, die der Hasskriminalität Vorschub leisteten.

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