Home
http://www.faz.net/-gsf-7bek3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Ende des Patriarchats Der Feminismus hat sich verirrt

Ja, wir leben im Patriarchat. Aber es sind die Männer, die viel mehr und heftiger daran leiden als die Frauen. Ein Aufschrei und drei Forderungen.

© INTERFOTO Vergrößern Gewalt gegen Männer in einer Männerphantasie: Szene aus Russ Meyers Film „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ aus dem Jahr 1965

Gewalt hat keine Rasse, keine Klasse, keine Religion oder Nationalität, aber sie hat ein Geschlecht: Es ist ein bombastischer Satz, den die Autorin Antje Rávic Strubel seit ein paar Wochen vor sich herträgt. Gerne wüsste man, wie sie ihn begründet. Das letzte Buch der Extremfeministin Hanna Rosin kann sie nicht gelesen haben, denn darin wird voller Stolz eine Studie aus Großbritannien mit der Feststellung präsentiert, dass Frauen mittlerweile dreimal öfter wegen häuslicher Gewaltanwendung festgenommen werden als Männer. Genauere Zahlen findet man in Walter Hollsteins „Das missachtete Geschlecht“ oder in der sogenannten „Männerstudie“ der Evangelischen Kirche, die 2010 Furore machte. So sind etwa gleich viele Frauen und Männer in Familien handgreiflich, Frauen fangen aber öfter an und sind öfter bewaffnet als Männer.

Drei Viertel aller Opfer sind Männer. Gewalt von Frauen richtet sich am häufigsten gegen den eigenen Partner, ein Drittel der von Männern verübten Gewalttaten trifft Fremde. Frauen üben mehr psychische Gewalt aus als Männer. Der Mann als Opfer psychischer Gewalt ist noch krasser tabuisiert als jener, der physische Gewalt erlitten hat. Das gilt zwar nicht nur für Taten, die von Frauen begangen werden. Aber besonders deutlich wird das bei sexuellem Missbrauch von Jungen durch Frauen. Andreas Kloiber von der Tagesklinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Esslingen hat die einzige deutsche Studie durchgeführt, die sich speziell, differenziert und ausführlich mit sexuellem Missbrauch an Jungen befasst. Er geht von einem Täterinnenanteil von 20 bis 35 Prozent aus. Und Täterinnen wenden sehr sadistische Formen von Gewalt an, sagt Ursula Enders von der Fachberatungsstelle „Zartbitter“ in Köln. Insgesamt sind Jungs häufiger Opfer von Gewalt als Mädchen.

Frauen und Kinder

Antje Rávic Strubel wird auch weder Margaret Thatcher noch Lynndie England vor Augen haben, wenn sie mit ihrer Behauptung unterwegs ist. Sie bedenkt nicht, dass es mehr Frauen als Männer waren, die Hitler gewählt haben und in den ersten Kriegsjahren mehr Eroberungen forderten, natürlich von den Männern. Gewalt hat kein Geschlecht, kennt aber eines. Dass Männer Gewalt auszuhalten haben, ist ein konstituierendes Element des Patriarchats, denn das entstand einst als System zum Schutz von dauerschwangeren Frauen und deren Kindern durch Männer.

Obwohl das Patriarchat heute obsolet ist, weil Schutz vom Staat garantiert wird, Frauen nicht mehr dauerschwanger und hilflos sind und der Mann gerne vor allem als Begrenzer von Freiheit wahrgenommen wird, haben wir uns nicht von den Reflexen gelöst, die Strubel zu ihrer falschen, sexistischen Aussage führen. Im Gegenteil, eine neue Blindheit gegenüber der allgegenwärtigen Gewalt gegen Männer bei seismografischer Aufmerksamkeit für Benachteiligungen von Frauen legen nahe, dass wir in einem Patriarchat 2.0 leben. Während es bei dem aus der Zeit gefallenen Kompliment eines beleidigten Politikers eine kollektive Hysterie gibt, gehen Zeitungsmeldungen noch immer ganz selbstverständlich so: „Bei einem Bombenanschlag im Süden Afghanistans sind mindestens zehn Zivilisten getötet worden, darunter vier Frauen und drei Kinder.“ Der Tod der Männer wiegt nicht gleich, und diese Ungleichheit bildet die leichtfertige Gewaltbereitschaft gegen das Männliche ab, die als Sexismus-Indikator allerersten Ranges taugt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Häusliche Gewalt Sie blieben, obwohl man sie quälte

Manche suchten die Schuld bei sich selbst, andere glaubten an Besserung: Auf Twitter erzählen Opfer häuslicher Gewalt, warum sie ihren Peinigern nicht entflohen. Mehr

11.09.2014, 06:49 Uhr | Feuilleton
Rio kommt nicht zur Ruhe

Nach dem Tod und der Beerdigung eines jungen Brasilianers kommt es abermals zu Ausschreitungen in der brasilianischen Hauptstadt. Viele Anwohner machen die Polizei für den Tod des Mannes aus einem Armenviertel verantwortlich. Mehr

25.04.2014, 17:05 Uhr | Gesellschaft
Sexismus im Internet Geh doch zu Hause du alte Sch...

Politikerinnen werden im Internet sexistisch beleidigt. Mit steigendem Bekanntheitsgrad werden die Belästigungen schlimmer. Teilweise wird ihnen mit Mord gedroht. Sogar von verurteilten Gewalttätern.  Mehr

06.09.2014, 15:12 Uhr | Politik
Surfen statt Bandenkrieg

Die haiverseuchten Gewässer vor Kapstadt sind für eine Gruppe von Jugendlichen sicherer als ihr eigenes Stadtviertel. Mit Surfkursen holt eine Hilfs-Organisation die jungen Menschen aus ihrem von Bandenkriegen, Drogen und Gewalt geprägten Alltag. Mehr

20.08.2014, 17:11 Uhr | Gesellschaft
Gewaltexzesse von NFL-Spielern Verprügelte Frau, gezüchtigtes Kind

Nach den Exzessen aggressiver Football-Profis in Amerika wird der Rücktritt des Liga-Managers gefordert. Er hat sich selbst in die Position manövriert. Mehr

14.09.2014, 17:19 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 24.07.2013, 06:13 Uhr

Objektivitätszensur

Von Jürg Altwegg

Zur Dokumentation „Vol spécial“, über die Abschiebung unerwünschter Einwanderer, verhält sich die Schweiz bedenklich - das Land will kritische Filme einfach nicht mehr ins Ausland schicken. Mehr 3