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Veröffentlicht: 10.04.2015, 11:28 Uhr

Gespräch mit Emel Zeynelabidin Musliminnen müssen sich nicht verhüllen

Dreißig Jahre lang trug Emel Zeynelabidin Kopftuch, dann legte sie es ab: Diese Freiheit sollten alle Frauen haben, meint sie. Ein Gespräch über einen Schritt, dem viele vorausgegangen sind.

von
© Max Kesberger Gegen die Pflicht zur Verhüllung: die Autorin Emel Zeynelabidin

Frau Zeynelabidin, Sie entstammen einer Familie, für die der Islam und das Befolgen muslimischer Glaubensregeln eine wichtige Rolle spielten. Ihr Vater gründete die deutsche Sektion von Milli Görüs, Sie engagierten sich als Vorsitzende eines muslimischen Frauenvereins und gründeten in Berlin islamische Kindergärten und eine Grundschule. Dreißig Jahre lang haben Sie Kopftuch getragen, vor zehn Jahren legten Sie es ab. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Ursula Scheer Folgen:

Dem letzten Schritt, das Tuch abzunehmen, sind viele vorausgegangen. Am Anfang stand der Wunsch nach mehr Individualität. Ich wollte nicht mehr dieses Kopftuch tragen, das Musliminnen uniformiert und alle gleichmacht. Also ging ich zu einer Hutmacherin in Berlin und entwarf mit ihr zusammen Kopfschmuckmodelle: Kreationen aus Hut und Tuch, die Haare, Hals und Ohren bedecken. Diese Modelle trug ich ein Jahr und sagte anderen Frauen: Schaut her, man kann sich auch so verhüllen. Ich wollte vermitteln und schrieb dem damaligen Innensenator Erhart Körting einen Brief, in dem ich meine Kopfschmuckmodelle vorstellte.

Einige Ihrer Hutmodelle sind heute im Bonner Haus der Geschichte zu sehen. Wie reagierte Ihr damaliges Umfeld auf den Wandel?

 Belustigt. Wissen Sie, solange man sich noch verhüllt, egal wie, gehört man zur Gruppe. Das änderte sich erst, als ich die Verhüllung aufgab. Das war der Schritt heraus. Aber schon mit den Hutmodellen auf dem Kopf reagierten Menschen auf der Straße, in Geschäften und im Alltag anders auf mich.

Wie?

Zugewandter, aufgeschlossener, kommunikativer. Das hat mir gefallen. Und ich habe es für meine Arbeit als Vereinsvorsitzende genutzt. Ich war die Muslimin mit dem Hut.

Doch die wollten Sie nicht bleiben.

Nein, weil bei mir ein Denkprozess in Gang gekommen war. Ich beschäftigte mich mit den Grundlagen des Verhüllungsgebots und stellte fest: Die Argumente für die Verhüllung der Frau sind unlogisch.

Als Muslimin argumentieren Sie aus Ihrem Glauben heraus gegen das islamische Verhüllungsgebot.

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Es heißt, das Kopftuch sei göttlicher Wille und schütze Frauen vor Übergriffen der Männer. Diese Auslegung stützt sich auf nur zwei Koranverse - zwei von mehr als 6000 -, beide sprechen nicht von Kopftüchern und stehen in einem gesellschaftlichen Kontext, den es heute nicht mehr gibt. Ein Vers weist die gläubigen Frauen an, die Enden ihrer Tücher - damals trugen Mann und Frau Tücher auf dem Kopf, als Teil ihrer Wüstenbekleidung - vor den Hals zu schlagen. Offenbart wurde dieser Vers dem Propheten, weil ein Mann sich die Nase verletzte, der sich vom Dekolleté einer Frau hatte ablenken lassen. Der andere Vers schreibt vor, die Frauen der Gläubigen sollten ihre Gewänder reichlich über sich schlagen, damit man sie erkenne, also nicht für Sklavinnen halte. Es gibt aber die Sklavinnen von damals nicht mehr. Und viele Nichtmuslime leben uns vor, dass alles auch ohne Kopftuch geht.

Sie haben als Kind schon Kopftuch getragen, weil es der Tradition entsprach. Können Sie nachvollziehen, wenn erwachsene Frauen es als Akt der Emanzipation bezeichnen, sich zu verhüllen?

Darin steckt ein innerer Widerspruch. Ich kann es mir nur so erklären, dass der Glaube an Belohnung im Jenseits so stark ist, dass er alle rationalen Erwägungen überdeckt. Zu diesem Glauben gehört die Furcht vor göttlicher Strafe. Konvertitinnen, die zum Tuch greifen, schlüpfen in eine neue Rolle. Vom religiösen Aspekt abgesehen, hat das Tuch viel mit Zugehörigkeit zu tun.

Auch mit Abgrenzung?

Auch das ist ein Problem. Als ich mein Kopftuch abgenommen habe, wurde ich nicht mehr zuerst als „die Muslimin“ gesehen und habe mein Gegenüber nicht mehr zuerst als den „Nichtmuslim“ betrachtet. Die Verhüllung verändert die Wahrnehmung des anderen - und die Selbstwahrnehmung. Eine Frau mit Kopftuch ist eine Muslimin, die den Vorschriften folgt, und empfindet sich so.

Sie bezeichnen sich als gläubig, aber nicht mehr regelgläubig. Was sagte Ihre Familie zu Ihrer Veränderung? Sie waren verheiratet und haben sechs Kinder.

Einige in meiner Familie waren entsetzt und sehr besorgt. Ich musste sogar zu einem Teufelsaustreiber, aber er konnte nichts feststellen. Meine Mutter fand es schamlos, was ich tat. Mein Mann war traurig, weil er an die Strafen Gottes dachte, die auf mich warten würden. Dass ich mich später von ihm trennte, hatte aber nichts damit zu tun, dass ich das Kopftuch ablegte. Die meisten Menschen meiner früheren Gemeinde haben mit mir keinen Kontakt mehr. Das passiert, wenn man sich verändert.

Sie haben das Kopftuch abgelegt, doch über das Kopftuchverbot für Lehrerinnen an Schulen waren Sie nie glücklich.

Ich halte grundsätzlich nichts von Verboten, wenn es die Möglichkeit gibt, Konflikte im Gespräch zu lösen. Ich sage immer: Das Kopftuch ist eine Schande für den Islam, und das Kopftuchverbot ist eine Schande für die Demokratie. Das Tuch ist eine Schande für den Islam, weil der Islam mehr ist als ein Stück Stoff, das zu einem grotesken Politikum geworden ist. Das Verbot ist eine Schande für die Demokratie, weil es ein Berufsverbot ausspricht, ohne die sozialen und psychischen Umstände der Betroffenen zu würdigen. Eine muslimische Frau mag viele Gründe haben, ihr Kopftuch nicht abzulegen: Tradition, persönliches Körpergefühl, die Furcht, eine Sünde zu begehen, und die Angst, Zugehörigkeit zu verlieren oder verleumdet zu werden.

Begrüßen Sie die Aufhebung des Verbots durch das Bundesverfassungsgericht?

Nein. Weil es den traditionellen Kräften im Islam und den Muslimen, die schon immer auf das Kopftuch bestanden haben, den Eindruck vermittelt: Seht ihr, wir hatten also doch recht. Dabei dient dieses Urteil nicht der Bestätigung ihrer Haltungen. Doch es wirkt so.

Was läuft falsch in der Kopftuchdebatte?

Eigentlich hätte diese Frage gar nicht in die Hände eines Gerichts gehört. Der erste, grundlegende Fehler war, dass die afghanischstämmige Lehrerin Fereshta Ludin geklagt hat. Sie wurde leider auch von islamischen Verbänden darin bestärkt. Das war ein Weg der Konfrontation, auf dem ein Recht erstritten werden sollte. Es war nicht der Weg des Dialogs, in dem beide Seiten einander Fragen stellen und zu einem Konsens finden können. Es wurde auch innerhalb der muslimischen Gemeinschaften nicht über die haltlosen Gründe für das Kopftuch diskutiert. Nach zehn Jahren der Nichtdiskussion ist die Wirkung einer Lehrerin mit Kopftuch eine ganz andere als zuvor.

Der Spruch der Karlsruher Richter verlagert die Konsensbildung in die Schulen. Wenn der Schulfriede gestört ist, kann das Kopftuch im Einzelfall doch verboten werden. Was halten Sie davon?

Das Gespräch, das wir führen müssten, hat in Schulen nichts verloren. Es muss unter Erwachsenen stattfinden, die einander auf Augenhöhe begegnen. So, wie die Situation jetzt ist, ist sie nicht gut. Sie setzt Schüler ungeklärten Verhältnissen aus und erhöht umgekehrt den Druck auf Lehrerinnen mit Kopftuch enorm.

Welche Wirkung könnten verhüllte Lehrerinnen auf muslimische Schüler und Schülerinnen haben?

Verhüllte Lehrerinnen könnten ihren Schülern vermitteln, dass sie mit ihrer Bekleidung religiöse und moralische Werte verkörpern, die außer Frage stehen. Das aber spaltet die Gruppe der Schülerinnen in „gute“ und „schlechte“ Mädchen. Diese Werturteile setzen nicht verhüllte Mädchen unter Druck.

Wenn Sie einen Rat in der Sache geben könnten, welcher wäre das?

Die Schulleiter sollten sich diejenigen, die sie einstellen, sehr genau anschauen. Und sie sollten potentielle Lehrerinnen darauf aufmerksam machen, welche Konflikte auf sie zukommen können.

Was würden Sie von diesen Lehrerinnen fordern?

Sie müssten in der Lage sein - und jeder andere Muslim auch -, genau zu erklären, warum sie das Kopftuch als Teil ihrer Religionspraxis für unentbehrlich halten. Ein nichtmuslimisches Gegenüber kann mit Argumenten wie: „So steht es im Koran“ oder „So empfiehlt es der Prophet“ wenig anfangen. Die Lehrerinnen sollten eine Diskussion aushalten können, in der mögliche Irrtümer der eigenen Glaubensansichten Gegenstand sein dürfen. Eigentlich wünsche ich mir eine „Kopftuchkonferenz“, in der wir alle Fragen rund um das Kopftuch auf den Tisch bringen können.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft, wenn Sie auf die Situation der Musliminnen in Deutschland heute schauen?

Dass das Kopftuch in der nächsten oder übernächsten Generation von allein verschwunden ist.

Glosse

Unverhofftes Wiedersehen

Von Tilman Spreckelsen

Das durch den Klimawandel verursachte Gletscherschmelzen ist in vollem Gange. Zuweilen befördert das einst ewige Eis Erstaunliches ans Tageslicht: Zum Beispiel 75 Jahre verschollene Eltern einer alten Dame. Mehr 2

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