27.09.2005 · Noch vor zehn Jahren war das Management der deutschen Firmenniederlassungen in der Türkei fast nur mit Deutschen besetzt, und an den Universitäten konnte man die Deutschen an einer Hand abzählen. Beides hat sich geändert.
Von Rainer Hermann, IstanbulHartnäckig hält sich in einigen mitteleuropäischen Köpfen das Vorurteil, daß es die unentrinnbare Vorherbestimmung Anatoliens und der Türkei überhaupt sei, als Armenhaus vor den Toren Europas herumzulungern. Das Vorurteil ist nicht auszurotten, obwohl es bereits die Zusammensetzung der Deutschen in der Türkei Lügen straft. Noch vor einem Jahrzehnt war das Management der deutschen Firmenniederlassungen nahezu ausschließlich mit Deutschen besetzt, und an den türkischen Universitäten konnte man die Deutschen an den Fingern einer Hand abzählen.
Heute stehen indes bei neunzig Prozent der deutschen Tochtergesellschaften und Repräsentanzen Türken an der Spitze. Zudem lassen sich Deutsche als die „anderen Gastarbeiter“ als Existenzgründer in Istanbul und an der türkischen Mittelmeerküste nieder, und an türkischen Universitäten finden sich zunehmend deutsche Wissenschaftler, die nicht über die Türkei forschen und lehren. Ihnen ist gemeinsam, daß sie in einer Türkei, die eine Aufbruchsstimmung erfaßt hat, einen Platz für sich und Entfaltungsmöglichkeiten für ihren Pioniergeist finden, die ihnen das stagnierende Deutschland immer weniger bieten kann.
Wie einst Ernst Hirsch, Fritz Neumark und Ernst Reuter
Deutsche Wissenschaftler hatten bereits von 1933 bis 1945 in Istanbul und Ankara Zuflucht vor der Nazi-Diktatur gefunden. Persönlichkeiten wie der Jurist Ernst Hirsch und der Ökonom Fritz Neumark, wie der Politikwissenschaftler Ernst Reuter und der Mediziner Rudolf Nissen waren heimatlos geworden. Atatürk holte sie in die Türkei, um den Türken etwas beizubringen und ein modernes Hochschulwesen aufzubauen. „Heute aber“, sagt Christoph Neumann, „arbeiten die ausländischen Wissenschaftler auf der gleichen Höhe wie ihre türkischen Kollegen.“
Er muß es wissen, denn seit sieben Jahren arbeitet der an der Universität München promovierte Osmanist und Historiker an türkischen Hochschulen. Nachdem die Türkei das Verfahren des „Docentlik“ aufgehoben hat, rechnet er mit einer weiteren Zunahme der Zahl ausländischer Wissenschaftler. Das Verfahren ist als Hürde der deutschen Habilitation vergleichbar. Diskriminierend war, daß es seit 1984 Ausländer ausschloß und ihnen damit den Aufstieg innerhalb des türkischen Universitätswesens verbaute. Nun ist die Hürde weg, und die besten Universitäten lassen ihre Dozenten, deren Zusammensetzung immer internationaler wird, auf englisch lehren.
Unbürokratischer Umgang mit geringen Mitteln
Neumann hatte nach der Promotion zunächst dreieinhalb Jahre am Orient-Institut der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft gearbeitet. Es folgten zwei Jahre unauffällige Arbeit an einem Handschriftenkatalog der Nationalbibliothek in Prag. Von dort berief die renommierte Technische Universität Istanbul den jungen Wissenschaftler, damit dieser mit anderen eine interdisziplinäre Abteilung für Geistes- und Sozialwissenschaften aufbaue. An ihr erhalten seither Studenten der Technik und Ingenieurwissenschaften einen Einblick in die Welt jenseits ihrer Zahlen und Modelle. „So ein Angebot wie damals wäre in Deutschland nie an einen jungen ausländischen Wissenschaftler gekommen“, sagt Neumann.
Nach vier Jahren wechselte Neumann als Assistenzprofessor für Neue und Neuere Geschichte an die erst 1997 gegründete private Bilgi-Universität. An ihr lehren auch führende liberale türkische Intellektuelle wie der Historiker Mete Tuncay und der Literaturwissenschaftler Murat Belge. Es fasziniert Neumann, wie dort mit den geringen Mitteln unbürokratisch umgegangen wird. Vor allem reizt den deutschen Wissenschaftler aber, daß er bei seiner Arbeit nicht bloß eine Nische abdeckt, für die sich nur einige wenige interessieren. Seine Arbeitsgebiete sind vielmehr Themen, die in der türkischen Öffentlichkeit prominent und kontrovers diskutiert werden. An diesen Debatten beteiligt er sich intensiv. Die Fernsehsender laden ihn als Experten zu Talk-Shows ein, er war für eine Radiosendung zu historischen Themen verantwortlich, und nun ist er einer der zwölf Herausgeber der von einem Jahr neu begründeten Fachzeitschrift „Tarih ve Toplum“ (Geschichte und Gesellschaft).
Weite Horizonte für Pioniergeist
Das geistige Leben an den meist privaten und jungen Eliteuniversitäten ist lebendig, und es spiegelt die Aufbruchsstimmung des Landes wider. Die türkischen Universitäten wachsen, anders als die deutschen, und sie rechnen auch damit, daß sie weiter wachsen. Denn die Bevölkerung ist jung und lechzt nach Bildung, zudem boomt die Wirtschaft mit Wachstumsraten von fünf bis acht Prozent. Das eröffnet dem Pioniergeist weite Horizonte.
Auch für die wachsende Zahl rüstiger deutscher Rentner ist die Türkei attraktiv geworden. Sie lassen sich zunehmend an der sonnigen Mittelmeerküste um Antalya und Alanya nieder, nachdem ihnen Spanien zu teuer geworden ist. Istanbul mit seinem schnellen Leben ist kein Platz für die wachsende Rentnerfraktion. Nach Istanbul kommt, wer etwas unternehmen und gestalten will. Existenzgründer und Wissenschaftler, zunehmend auch Künstler. Die Biennale zieht in diesen Wochen wieder Künstler aus aller Welt an. Auch in der türkischen Musikszene finden ausländische Musiker einen Platz, wie der jüngste Film von Fatih Akin zeigt. Das gleiche gilt für Kunstfachleute. Allein im vergangenen Jahr sind in Istanbul zwei bedeutende private Museen gegründet worden, Istanbul Modern und das Pera Museum.
Verbesserungen des Ausländerrechts gewünscht
Istanbul findet zu seiner alten, vorrepublikanischen Rolle zurück und wirkt wie ein Magnet. Verschieden sind die Beweggründe derer, die sich hier niederlassen. „Wer den Amtsweg gehen will, der hat es in Deutschland leichter“, sagt Neumann. „Wer lieber über menschliche Beziehungen handelt, der ist in der Türkei besser aufgehoben.“ Geringer sind am Bosporus und jenseits davon der Rechnungs- und der Rechtfertigungsdruck, und die junge Gesellschaft will sich nicht mit Modellen abplagen, wie ihr Land in zwanzig Jahren aussehen wird.
Die Aufbruchsstimmung hat sogar die türkische Bürokratie ergriffen. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Ausländerbehörde die Fremden als inferiore Bittsteller behandelte. Aus dem orientalisch-demütigenden Apparat ist eine sachlich-professionelle Behörde geworden. Noch immer aber sind Verbesserungen des Ausländerrechts möglich - und auch wünschenswert. Die meisten sind überzeugt, daß dies eine Frage der Zeit und der weiteren Annäherung an die EU ist. Denn noch immer müssen viele Berufsgruppen nach zwölf Monaten ihre Arbeitsgenehmigung neu beantragen und damit auch ihre Aufenthaltsgenehmigung. Solange das so ist, nutzen nicht wenige die Bestimmung, daß man im Land bis zu drei Monate ohne Aufenthaltsgenehmigung leben kann. Nach den drei Monaten reisen sie kurz aus, nur um dann gleich wieder für neue drei Monate zurückzukehren.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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