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Einwanderungsland Schweden Klangfarbe des Nordens

09.11.2005 ·  Mehr Raum, viel Natur, Einwohner, die nicht geschwätzig sind, aber auch hohe Sozialausgaben: Was erwartet den Deutschen, der seine Heimat verlassen möchte, in Schweden?

Von Robert von Lucius, Stockholm
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Albert Schweitzer, Elfriede Jelinek, Harald Schmidt: die Liste von Orgelspielern ist ebenso erlesen wie breit. Ob das daran liegt, daß die Orgel ein distanziertes Instrument ist, ebenso weit weg vom Spieler wie vom Zuhörer?

Michael Dierks hat in Detmold, Stuttgart, Bremen und Frankfurt Orgel und Kirchenmusik studiert und gespielt, insgesamt fast neun Jahre. Er gehörte schon in jungen Jahren zu den Geachteten seines Fachs. In Deutschland bleiben aber wollte er nicht, auch wenn er Deutschland als ein „gutes Land“ empfindet, zu seiner Familie und Freunden Kontakt hält und dort gelegentlich bei Konzerten auftritt. Zur Auswanderung trug zum einen bei, daß er daheim zumindest auf längere Zeit in eine „durchschnittliche“ und mühsame berufliche Umgebung ohne breite Entfaltungsmöglichkeit eingebunden gewesen wäre, wie er sagt. Zudem trieb ihn stets Fernweh.

Weg von Europa

So entschloß sich Dierks vor gut vier Jahren zum Weggang aus Deutschland, auch wenn er das nicht als Flucht empfand. Er will langfristig im Ausland bleiben, nicht zwingend aber stets in Schweden - dazu sind sein Wandertrieb und seine Suche nach Herausforderungen zu groß. Daß er in Stockholm landete, war nicht vorgegeben, zumal es ihn zunächst weg von Europa trieb und für ihn bis dahin die nördlichste gedankliche Grenze Kopenhagen war.

Die Stelle, auf die er bei hartem Wettbewerb gelangte, war aber einfach zu reizvoll: Als Kirchenmusiker - seine Berufsbezeichnungen und Tätigkeiten sind dabei breit und seinen vielfältigen Talenten gemäß Organist, Kantor, Chorleiter - begann er an der Deutschen Kirche in Stockholm. Sie ist die älteste deutsche Auslandsgemeinde und kunsthistorisch so bedeutsam, daß sie neben dem Dom und der Begräbniskirche der Könige Ziel vieler Besucher der historischen Altstadt ist.

Gefragter Gesprächspartner

Dort eröffneten sich dem sechsunddreißig Jahre alten Michael Dierks Entfaltungsmöglichkeiten, von denen ein junger und wacher Mensch nur träumen kann und die ihn rasch zum gefragten Gesprächspartner schwedischer Zeitungen und Rundfunkprogramme machten. Er begleitete und beeinflußte in der St.-Gertruds-Kirche die Rekonstruktion einer Barockorgel, die einst eine der wichtigsten Nordeuropas, wenn nicht Europas war. Die 1609 von einem Spandauer gebaute, ständig fortentwickelte und ausgeschmückte Orgel mit 36 Registern (Klangfarben) und drei Manualen war 1779 verkauft und in eine Gemeinde in Nordschweden verlagert worden.

Auf der Düben-Orgel gibt Dierks, der selber Kirchenmusik komponiert, bei Gottesdiensten und im Rahmen von Festspielen Konzerte. Beim Stockholm-Festival für mittelalterliche Musik ist die im Mai vorigen Jahres eingeweihte Orgel Mittelpunkt, da nur dort die Klangwelt des siebzehnten Jahrhunderts voll nachempfunden werden kann. Auf ihr waren einige Werke Dietrich Buxtehudes uraufgeführt worden; da die Partituren in Lübeck verbrannten, wurden sie nur dank der Stockholmer Abschriften erhalten.

Leiter von zwei Chören

Neben dem bis ins Detail mit Leidenschaft und Kunde begleiteten Nachbau - Schweden gilt international als ein Zentrum historischen Orgelbaus - fand der Deutsche, der rasch Schwedisch lernte und sich in seine neue Umgebung auch dank seines Freimuts einband, andere Betätigungsfelder, etwa als Leiter von zwei Kirchenchören, einem deutschen und einem schwedischen, und im Glockenspiel der Kirche. Bald kam eine Fangemeinde Mittwoch nachmittags in das Zentrum der Altstadt, wenn er je nach Stimmung und Jahreszeit auf dem Glockenspiel in der Kirchturmspitze - das derzeit reparaturbedürftige älteste Glockenspiel Skandinaviens - mal Kirchenlieder, mal Kinderweisen, Louis Armstrong, Lili Marleen oder Poplieder spielte, die er zunächst fürs Glockenspiel transkribierte.

In Schweden erfährt der gebürtige Essener, der sich als Friese einstuft, bei seiner Arbeit Dinge, die er in der alten Heimat vermißte. In der lutherischen Kirche in Schweden tragen Liturgie und Musik den Gottesdienst, so ist er nicht nur Beiwerk. Schweden achten nicht nur die Kirchenmusik, sondern stellen für sie auch angemessene Geldmittel zur Verfügung und, was in Deutschland undenkbar war für einen Organisten oder Kantor, einen eigenen Arbeitsraum mit Dienstcomputer. Leistung werde stärker anerkannt als in Deutschland.

Schweden sind diskreter

Auch im privaten Leben fühlt er sich in Schweden wohl. Das Verhältnis zwischen Arbeit und Ruhe sei ausgeglichener, er erfahre weniger Stress. Schweden seien diskreter, nicht so geschwätzig wie Deutsche und gäben dem einzelnen Raum. Erst Schweden habe ihm die Natur nahegebracht: „Schweden ist Natur“, sagt der Musiker, der sich bei Paddeltouren und Fahrradfahrten erholt und Gedanken sammelt, während er früher ein Städter war.

Die Übersiedlung und Einwanderung verlief bei Dierks überaus unkompliziert, auch wenn er von anderen hörte, daß sie auf mehr Bürokratie und Hürden stießen als er. Seit dem Beitritt Schwedens zur Europäischen Union vor einem Jahrzehnt wurden viele Regeln angepaßt, andere aufgehoben. Zur relativ leichten Überleitung trug sicher der Arbeitgeber bei, der gleichsam eine Brücke ist zwischen beiden Ländern. Die Gemeinde half bei Sorgen, die Zuwanderer vor allem in Stockholm haben, etwa der ebenso schwierige wie teure Wohnungsmarkt.

Hohe Sozialausgaben

Dank seines festen und unverwechselbaren Arbeitsplatzes waren Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis rasch und glatt: wie es auch sein wird bei Anstellungen an der Universität oder bei deutschen Tochtergesellschaften. Etwas mühevoller haben es Selbständige, Handwerker, freie Künstler ohne äußeres Rahmenwerk. Was auch immer ein Einwanderer anstrebt: Als erstes muß er sich die zwölfstellige Personenkennziffer geben lassen, und das dauert einige Monate. Ohne diese Kennummer kann er weder ein Konto eröffnen noch freien Zugang zum öffentlichen Gesundheitswesen erhalten. Dann muß er sich mit dem Steuersystem vertraut machen; wer nichts riskieren will, meldet sich dort unmittelbar nach Ankunft an. Vieles von der Einwanderungsbehörde bis zum Sozialwesen ist auf Webseiten leicht zugänglich.

Wer im Lande bleiben will, muß sich an hohe Sozialausgaben gewöhnen - in der Abgabenlast liegt Schweden an der Spitze der EU. Das ist wohl ein Grund neben dem Klima - beim Wetter wie bei der trotz aller Freundlichkeit verschlossenen Wesensart -, weshalb es weit mehr Künstler, Träumer, Schöpfer nach Süden zieht denn in den hohen Norden. Und wenn, muß man bereit sein, sich eine kleine Wohnung zu teilen, um finanziell zu bestehen. Wer zumindest zu Beginn deutschen Anschluß sucht, vermag ihn bei einigen Institutionen zu finden, vom Goethe-Institut über die Deutsche Schule oder deutsch-schwedische Vereine und Stammtische - bis eben zum von Michael Dierks geleiteten Kirchenchor der deutschen Kirchengemeinde.

Quelle: F.A.Z., 10.11.2005, Nr. 262 / Seite 37
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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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