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Einwanderungsland Rußland Unbegrenzt versucht

06.10.2005 ·  Auswandern nach Rußland - das ist ein Projekt für Resistente. Denn Moskau ist die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten und Versuchungen. Und dafür braucht es Charakterstärke.

Von Kerstin Holm, Moskau
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In Rußland muß man immer auf das Schlimmste gefaßt sein, befindet der Geschichtswissenschaftler Bernd Bonwetsch, der im kommenden Monat das Moskauer „Deutsche Historische Institut“ eröffnen wird. Bonwetsch, der über Jahre in Sibirien ein ganzes Universitätsnetzwerk für deutsche Geschichte mit Zentrum in Kemerowo aufgebaut hat, bezeichnet sich selbst als eher ängstlichen Typ - folglich suche er das Abenteuer.

Beim Moskauer Institut, dem jährlich eine Million Euro von der Zeit- und der Krupp-Stiftung zur Verfügung stehen, fanden weitere zwei deutsche Historiker eine Anstellung zu den großzügigen Tarifbedingungen ihrer Heimat. Gemeinsam mit ihren zwei russischen Wissenschaftlerkollegen müssen sie sich vor allem in der Anschubphase auch praktisch bewähren, etwa für die Bibliothek passende Regale organisieren, dabei die Statik des Gebäudes berücksichtigen oder mit den Beamten von der Feuersicherheit verhandeln. Die Verwaltung besorgt eine ostdeutsche Politologin mit Rußland-Erfahrung, die zu Hause Abwicklungsopfer wurde. Für manche Historiker, die in Deutschland keine Stelle finden, kann ein westliches Stipendium in Rußland zeitweiliger Ersatz werden, weiß Bonwetsch. Die nächste Stufe ist die asketische Wissenschaftler-Existenz zu rein russischen Bedingungen. Erprobt wird sie schon von einem ehemaligen Humboldt-Dozenten aus Berlin, der seine Vorlesungen heute in der südrussischen Universitätsstadt Woronesch hält.

Putin wird eine Neigung für deutsche Partner nachgesagt

Sehr viele deutsche Geschäftsleute leben in Moskau, der Megastadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Manchmal glaubt man sogar, zwischen Rußland und Deutschland sei die goldene Zeit des 18. Jahrhunderts wiedergekehrt. Als Präsident Putin unlängst in seiner Petersburger Residenz deutsche Wirtschaftsvertreter empfing, sangen ihm diese hingebungsvolle Lobeshymnen angesichts wachsender Exportströme gen Osten. Dem russischen Staatsoberhaupt, als Agent in der DDR selbst teilweise deutsch sozialisiert, wird eine besondere Neigung für deutsche Partner nachgesagt wegen deren zähen Engagements und Verständnis für innenpolitische Probleme. Es ist, als wolle er die Traditionen Peters des Großen und Katharinas fortsetzen, die deutsche Fachleute und Siedler ins Land holten.

Die Vertreter des „Präsidialen Programms zur Fortbildung russischer Führungskräfte“, das Praktika und Geschäftskontakte im westlichen Ausland anbahnt, loben eine spezifisch deutsche und für Rußland besonders wertvolle Fähigkeit im interkulturellen Dialog. Gemeinsam mit einem noch lebendigen Vertrauensvorschuß für deutsche Wertarbeit zahlt sich auch die deutsche politische Nachkriegsdemut in einem Sonderkredit aus.

Die Geschäftspartner konnten sich fühlen wie auf einer Insel

In der Kreml-Administration arbeitet man gern mit deutschen Firmen und Fachleuten, welche die neuen Bundesländer durch eine neue kommunale Infrastruktur modernisiert haben. Deren Erfahrungen seien für Rußland, das heute praktisch die gleiche Aufgabe landesweit in Angriff nehmen muß, unschätzbar, versichert der stellvertretende Leiter der Präsidentenkommission, Michail Tjagunow. Die deutschen Juristen von der Moskauer Anwaltskanzlei Clifford Chance bestätigen Tjagunows Beobachtung. Zu den regelmäßig von ihnen betreuten Aufträgen gehören große Projektfinanzierungen von Infrastruktur in Moskau durch deutsche Firmen.

Bei dieser Art von Exportförderung für deutsche Technologie übernehmen klassischerweise deutsche Kreditinstitute die Finanzierung und Moskau refinanziert, erklärt Marc Bartholomy, der seit mehr als zehn Jahren in Rußland arbeitet. Als Anwalt in einer deutschen Kanzlei in Moskau waren Bartholomys Klienten Mitte bis Ende der neunziger Jahre ganz überwiegend deutsche Unternehmen. Die Geschäftspartner konnten sich fühlen wie auf einer deutschen Insel. Zumal man mit einer deutschen Juristenausbildung das Rüstzeug des kodifizierten kontinentalen Rechts mitbringt, dem das russische Rechtssystem in vieler Hinsicht entspricht. Im Fall des Wettbewerbsrechts ist es sogar direkt ans deutsche Vorbild angelehnt. Nur daß die russische Praxis kaum Kommentare kennt, am Wortlaut hängt und, wie im 19. Jahrhundert, politische Macht gern durch erdrückende juristische Wortfluten unter Beweis stellt.

In Zukunft werden noch mehr deutsche Fachkräfte gebraucht

Doch der spezifisch deutsche Ansatz rückt immer öfter in den Hintergrund. An die Stelle national verwurzelter Firmen treten zunehmend internationale Konglomerate, die für ganze Geschäftsbereiche denjenigen Vertragsplatz wählen, der ihren Interessen entgegenkommt. Vor fünf Jahren wurde das deutsche Büro, in dem Bartholomy tätig war, in die britisch geleitete, weltweit operierende Kanzlei Clifford Chance integriert, die mit multinationalen Unternehmen zusammenarbeitet, von Bertelsmann-Sony über Siemens bis zu Heinz Ketchup. Von den zwanzig Juristen des ursprünglich deutschen Büros sind heute acht übrig. Wer in Moskau mit unbegrenzten Möglichkeiten und Versuchungen zurechtkommen will, benötigt, der Erfahrung des deutschen Moskau-Veteranen zufolge, neben Kompetenz und Energie auch viel Charakterfestigkeit.

Die Strategen von der russischen Präsidentenkommission glauben, daß durch die internationalen Wirtschaftsverflechtungen in Zukunft noch mehr deutsche Fachkräfte gebraucht werden, vor allem in den Regionen und ganz besonders in der Gas-Industrie. Gleichwohl ist eine „green card“, mit der um ausländische Spezialisten geworben werden könnte, nicht in Sicht, räumt Tjagunow ein. Der Beamte erklärt dies damit, daß Rußland derzeit nicht als attraktiver Ort zum Arbeiten gilt.

Die stimulierende Wirkung von Haßliebe

Wie zum Beweis hat die Bundesmigrationsbehörde soeben eine Anordnung getroffen, wonach Ausländer, die eine Arbeitserlaubnis beantragen, sich an einer russischen Staatsklinik auf sechs verschiedene Krankheiten überprüfen lassen müssen, darunter Aids, Tuberkulose, Lepra und Syphilis. Die westliche Geschäftswelt in Moskau schäumte, so verprelle man nur Investoren, und erreichte immerhin, daß der Arbeitskandidat den Arzt frei wählen darf.

Wer nach Rußland kommt, sollte die stimulierende Wirkung von Haßliebe zu schätzen wissen, bekennt ein deutscher Junior-Kollege von Bartholomy, der offensichtlich diese Anforderung erfüllt. Freilich, auch die größten Rußland-Enthusiasten legen Wert auf die Rückversicherung durch ihren deutschen Paß. Den würden sie um nichts in der Welt gegen eine russische Staatsbürgerschaft eintauschen.

Quelle: F.A.Z., 06.10.2005, Nr. 232 / Seite 38
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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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