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Einheitsschulen Versuchsobjekt Kind

31.10.2006 ·  Das Land Berlin wird, weil die Linkspartei dies wünscht, ein in Deutschland oft gescheitertes Projekt finanzieren: die Einheitsschule. Ein Etikettenschwindel, der sozialen Ausgleich verspricht, aber Forschung wie Bildungstraditionen ignoriert.

Von Regina Mönch
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Albert Camus hatte einen Lehrer, der sein ganzes Leben entscheidend bestimmte: Louis Germain, den Camus in seinem autobiographischen Roman „Der erste Mensch“ (Rowohlt Verlag 1995) Monsieur Bernard nennt. Ein Volksschullehrer aus einem Armenviertel von Algier, dem wir, die Leser, einiges verdanken. Die Familie zog 1914, der Vater war in der Marneschlacht gefallen, nach Algier zur Großmutter. „Er ist intelligent“, sagt die Mutter oft über ihren jüngsten Sohn Albert. Sie war Analphabetin, zudem fast taub, und auch die Großmutter würde man heute als „bildungsfern“ bezeichnen.

Als der Lehrer bei ihnen zu Hause auftaucht, dieser wunderbare Monsieur Germain, um der (im tatsächlichen, lebensbedrohenden Sinn) bitterarmen Familie vorzuschlagen, das Kind aufs Lycée, die höhere Schule, zu schicken, stößt er zuerst auf Ablehnung. Die sechs Jahre bis zur Reifeprüfung werden in karge, aber überlebensnotwendige Wochenlöhne umgerechnet, doch schließlich hat der Lehrer die beiden Frauen überzeugt. Mit Camus erteilt er noch drei anderen, ebenfalls armen Schülern Nachhilfestunden, sie bestehen die Aufnahmeprüfung, sie bestehen alle Prüfungen. Er hat ihnen die Türen zur Welt geöffnet. Als Camus 1957 den Nobelpreis bekommt, schreibt er dem Lehrer - den er siezte, während dieser ihn lebenslang mit „mein lieber Kleiner“ ansprach -, um ihm zu „versichern, daß Ihre Mühen, die Arbeit und die Großzügigkeit, die Sie eingesetzt haben, immer lebendig sind bei einem Ihrer kleinen Zöglinge, der trotz seines Alters nicht aufgehört hat, Ihr dankbarer Schüler zu sein“.

Lehrer unterschätzen ihre Schüler

Ein Bildungsroman aus dem wirklichen Leben, den man vergleichen möge mit all den peinlichen Debatten um Unterschichten, Schulstrukturen, soziale Benachteiligung, ungenügende Chancen zum Aufstieg und zuwenig Geld für dies und das. So weit entfernt auch Algier und die Zeit sind, in der Camus ein Kind war - fast ein Jahrhundert später, unter vergleichsweise komfortablen Umständen belegen Bildungsstudien, darunter einige mit weltweiten Vergleichen, daß gerade hierzulande viele Lehrer diese, ihre Rolle nicht mehr erkennen. Daß sie viele ihrer Schüler unterschätzen, vor allem wenn sie nicht dem traditionellen Milieu fürs Abitur entstammen. Es sind jene Kapitel der zum Teil hysterisch diskutierten Studien, ob sie nun Pisa oder Iglu oder TIMSS hießen, die wenig öffentliche Beachtung fanden, erst recht nicht bei Politikern; genausowenig wie die unmißverständlichen Warnungen der Bildungsforscher von Rang, an Schulstrukturen und damit Bildungstraditionen herumzubasteln, bringe nichts.

Berliner Landespolitiker, in der Produktion unübersichtlicher Verhältnisse, die Bürger teuer zu stehen kommen, recht begabt, haben nun einen neuen Bildungspakt geschlossen, der all diese Warnungen und Einsichten in den Wind schlägt. Wieder einmal. Phantasie verrät er nicht, weckt er auch nicht, nur schlechte Erinnerungen. Um dem kleinen, eigentlich weggewählten Koalitionspartner Linkspartei (PDS) entgegenzukommen, hat die SPD den Lieblingsplan der Linken abgesegnet: die Einheitsschule, nunmehr Gemeinschaftsschule genannt.

Abstimmung mit den Füßen

Sie war in den zwanziger Jahren nicht durchzusetzen, als Einheitsschulreformer gerade in den Armenvierteln der Stadt am heftigsten attackiert wurden von den Befürwortern preußischer Bildungstradition - Eltern wie Lehrern. 1948 sollte die Einheitsschule doch, auf amerikanisches und sowjetisches Drängen, mit einem Gesetz durchgesetzt werden. Zwei Jahre später stiegen die drei Westsektoren aus dem Bildungspakt aus und kehrten zur traditionellen Schulstruktur zurück. Das letzte Mal wurde die Einheitsschule 1991 Geschichte. Innerhalb weniger Monate entschieden Ost-Berlins Eltern sich - nach vier Jahrzehnten verordneter Einheitsschule - für das dreigliedrige System. Es war eine Abstimmung mit den Füßen und gegen die ursprünglichen Intentionen der damals rot-grünen Stadtregierung.

Das Land Berlin wird für diesen neuen Versuch, ein in Deutschland immer wieder gescheitertes Projekt noch einmal zu testen, zwischen 22 und 29 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Aber nicht nur das viele Geld, das hier aus einem eigentlich leeren Füllhorn ausgeschüttet werden soll, irritiert. Es ist ein Versuch mit jungen Menschen, und da es kaum denkbar ist, daß sich allzu viele Eltern in stabilen, bürgerlichen Vierteln dazu überreden lassen, zielt er wohl auf die Problemviertel. Auf Kinder aus Familien, die jede Hilfe brauchen und jede Menge Lehrer, die denken wie Monsieur Germain. Deren Sprachnöte, Unkenntnis einfachster Rechenformeln und andere Defizite auf das dreigliedrige Schulsystem zurückzuführen, ist grotesk. Die PDS tut es dennoch. Sie bedient sich, nicht einmal sonderlich geschickt, der gerade üblichen Reizworte - Hauptschule, Finnland!, Armut - und darf sicher sein, daß niemand allzugenau nachfragen wird.

Grob fahrlässige Vereinfachung

Mit Kindern, deren arme Eltern sich das Gymnasium nicht leisten könnten, argumentiert die Sprecherin der Linkspartei-Fraktion, Kathi Seefeld. Wie eine Gemeinschaftsschule den Sinneswandel herbeiführen soll, läßt sie unbeantwortet. Der soziale Zusammenhalt werde jedenfalls gewährleistet durch dieses Modell, weil die Kinder ja zusammenblieben bis zum Schulabschluß. Eine grob fahrlässige Vereinfachung, denn auch wenn man die Hauptschule einfach abschaffte, wird es immer noch diesen Abschluß geben, der heutzutage kaum mehr akzeptiert wird. Auch die Flucht vieler Familien, die schwierige Viertel verlassen, weil sie nicht glauben, daß eine Schule soziale Mißstände auszugleichen vermag, spielt keine Rolle in diesen anmaßenden Überlegungen.

Der PDS-Plan ignoriert zudem all die bekannten Mißerfolgsstudien über Gesamtschulen - die Haupt- und Realschüler und manchmal auch Gymnasiasten unter einem Dach unterrichten - aus dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Gesamtschulen mögen trotzdem auch in Berlin etabliert sein, wie Berlins Schulsenator Böger vorsichtig erinnert, doch können nur die wenigsten die Versprechen halten, die sie Eltern und Schülern geben. Sie sind nicht die Aufstiegsmotoren für die Bildung, zu der sie Ideologen immer noch gern umdeuten wollen. Wer als Hauptschüler in einer Gesamtschule beginnt, verläßt sie nur in seltenen Ausnahmefällen mit dem Abitur.

Die bereits existierenden vier Berliner Einheitsschulen, darunter eine deutsch-amerikanische Eliteschule (Kennedy High School), die Staatliche Ballettschule und eine internationale Schule, können an diesem Befund nichts ändern. Sie sind Ausnahmen, so wie es fabelhafte Haupt- und Realschulen gibt und Gymnasien, auch in schwierigen Vierteln, deren Lehrerkollegien - und nicht die Schulstruktur - es sich als Erfolg zurechnen dürfen, bessere Ergebnisse zu erzielen als der beunruhigend erfolglose Durchschnitt.

Quelle: F.A.Z., 31.10.2006, Nr. 253 / Seite 41
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Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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