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Einheitsdenkmal in Berlin Eine symbolische Kampfzone

25.09.2008 ·  In Berlins soll ein deutsches Einheitsdenkmal seinen Platz finden, das kein Mahnmal ist. Bisher wurde die politische Brisanz, die ein solches Projekt birgt, kaum wahrgenommen. Dabei muss sich erst noch zeigen, ob sich nationales Symbol oder nationales Fettnäpfchen durchsetzt.

Von Andreas Kilb
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Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal vor dem Berliner Hohenzollernschloss war ein Trumm, wie man es keiner europäischen Großstadt wünschen kann. Eine klotzige Säulenhalle im ionischen Stil umgab das neun Meter hohe bronzene Reiterstandbild Wilhelms I., dessen Pferd ein Friedensgenius am Zügel führte. Vierzig weitere Götter- und Heldenfiguren sowie allerlei allegorisches Getier, darunter Ochsen, Schafe, Adler, Eulen und Fledermäuse, huldigten dem Kaiser. „Zoo von Wilhelm zwo“ hieß das Monument im Berliner Volksmund.

Geblieben ist von all dem ein steinerner Sockel, vierzig mal achtzig Meter groß, aus grauem schwedischem Granit. Wie eine barocke Bastion schiebt er sich in den Kupfergraben vor, der das Plastikplanen-Gespenst der Schinkelschen Bauakademie vom Phantomschloss des zukünftigen Humboldt-Forums trennt. In dem feuchtkalten, bunkerartigen Gewölbe haben bis vor kurzem Lichtkünstler ihre Werke gezeigt. Jetzt ist der Eingang versperrt. Vor der Südseite des Sockels, zu der man vom Werderschen Markt aus hinabsteigen kann, breitet sich Unrat aus. Es stinkt nach Müll und Moder.

Ein nationales Fettnäpfchen

An diesem Nicht-Ort mitten in Berlin soll im kommenden Jahr das „Denkmal der Freiheit und Einheit Deutschlands“ entstehen. So hat es der Bundestag im vergangenen November beschlossen. Im März stellte der Kulturstaatsminister sein Konzept für das Denkmal im Kulturausschuss vor, am 9. November 2009, zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls, will er den Grundstein legen. Dazwischen liegt, wie bei allen öffentlichen Bauten, ein Architektenwettbewerb.

Nun ist das Denkmalprojekt ins Stocken geraten. Die Abstimmung im Bundestag über die Wettbewerbsausschreibung, die am heutigen Donnerstag stattfinden sollte, wurde verschoben; die Fraktionen von CDU und SPD, heißt es, müssten sich über die Finanzierung des Bauwerks neu verständigen. Tatsächlich ist der Kostenrahmen schon jetzt nicht mehr zu halten. Die fünf Millionen Euro, die der Entwurf veranschlagt, reichen wohl nicht einmal für das Informationszentrum zur deutschen Geschichte, das Kulturstaatsminister Bernd Neumann dem Denkmal angliedern will. Der gesamte Bau könnte leicht das Dreifache der angesetzten Summe kosten.

Aber die Finanzplanung ist nicht das entscheidende Problem des Einheitsdenkmals. Schwerer wiegt, dass viele Beteiligte offenbar bis heute nicht richtig gemerkt haben, worauf sie sich mit dem Projekt eingelassen haben. Das „Denkmal der Freiheit und Einheit“ wäre einer der ganz wenigen deutschen Gedenkorte mit positivem Inhalt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs: ein Denkmal, das kein Mahnmal ist. Es solle „als nationales Symbol in der Mitte der deutschen Hauptstadt seinen Platz finden“, heißt es im Bundestagsbeschluss. Der Platz indessen, den das Parlament für dieses Vorhaben ausgewählt hat, spricht seine eigene Symbolsprache, nicht zuletzt durch seine Proportionen. Dreitausend Quadratmeter Granit zwischen Stadtschloss und Gendarmenmarkt sind kein Ort für beiläufige Formgebärden, sondern eine mit Prunk und Pathos aufgeladene symbolische Kampfzone, die sich im Handumdrehen in ein nationales Fettnäpfchen verwandeln kann.

Für kleinräumige Lösungen nicht die geeignete Kulisse

Glauben die Abgeordneten und der Kulturstaatsminister wirklich, dass man ein derartiges Projekt mit der linken Hand betreiben kann? Ein deutsches Nationaldenkmal vor der Westfassade des Stadtschlosses wird geschichtspolitisches Aufsehen erregen, in Deutschland ebenso wie im interessierten Ausland. Der Kulturstaatsminister will diese Debatten für das Bauwerk fruchtbar machen, indem er den Architektenwettbewerb in zwei Stufen teilt. Zuerst soll ein offener, frei zugänglicher Ideenwettbewerb stattfinden, danach folgt die interne Konkurrenz der Experten. Ein Probelauf unter Studenten deutscher Kunsthochschulen, deren Entwürfe Ende 2007 in der Berliner Nikolaikirche zu sehen waren, hat freilich wenig ermutigende Resultate erbracht. Ein zerbrochener Kettenring hier, ein Stelenbündel dort – der Sockel des Kaiserdenkmals würde solche steinernen Kleinigkeiten verschlucken wie Gargantua einen Kirschkern. Das Monumentale, als Gefährdung wie als Chance, ist die Herausforderung dieses Ortes, und es wird das bestimmende Thema des Architektenwettbewerbs sein.

Bevor er den Wettbewerb für das Einheitsdenkmal ausschreibt, sollte sich der Bundestag über die Dimensionen dieses Projekts Gedanken machen. Schon der „räumlich kleine“ Informationsort, der vergangenes Jahr beschlossen wurde, ist ein Irrweg: Für kleinräumige Lösungen bietet Berlin einfach nicht die geeignete Kulisse. Wer hier nicht großzügig denkt, produziert nur Provisorien. Der Architektenwettbewerb für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal endete übrigens mit einem Eklat: Nachdem Wilhelm II. seinen Favoriten Reinhold Begas durchgesetzt hatte, trat die Hälfte der Jury zurück. Das wird beim Einheitsdenkmal nicht passieren. Diesmal baut das Volk.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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