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Mittwoch, 08. Februar 2012
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Eine Wissenschaftlerin antwortet Schrotts Homer - ein kühner historischer Roman?

03.01.2008 ·  Raoul Schrott will mit seiner Idee von Homers „Ilias“ als Synthese orientalischer und griechischer Einflüsse eine Diskussion entfachen. Die Wissenschaft, obwohl angetan von den Thesen, kann diese denn auch nicht unwidersprochen hinnehmen. Eine Stellungnahme.

Von Barbara Patzek
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Die homerischen Epen waren seit ihrer Entdeckung für die europäische Moderne Gegenstand öffentlich ausgetragener Kontroversen. Die Geschichte begann im Paris Ludwigs XIV., wo man sich darüber echauffierte, ob Homer überhaupt noch zeitgemäß sei und man die alten Epen nicht besser in der Versenkung verschwinden lassen solle. Resultat war eine erste komplette Übersetzung und ein stetig steigender Ruhm Homers, der ganz Europa erfasste.

Die Rezeption der alten Dichtung führte dann auch immer deutlicher zu historischem Lernen, denn zunehmend konnte die Antiquiertheit der Epen durch das Verstehen alternativer kultureller Horizonte erklärt werden. Das führte zur Etablierung einer historisch-kritischen Wissenschaft - und damit auch zu den bekanntlich oft miteinander im Streit liegenden Standpunkten der wissenschaftlichen und der öffentlichen historischen Rezeption. Letztere sucht bis heute nach anschaulicher Historie und einer Freiheit der historischen Phantasie, die anscheinend von den zunehmend komplizierter werdenden Bestrebungen der historisch-kritischen Wissenschaft blockiert wird. Diese wiederum muss ihre Befunde durch sorgfältige Analyse und systematische Einordnung absichern und sie zu diesem Zweck vor jener freien Phantasie schützen.

Der Stich ins Wespennest

Auch die homerische Wissenschaftsgeschichte zeitigte nicht nur Fortschritte, sondern mit zunehmender Spezialisierung auch kontroverse Ansätze. Um zu verstehen, in welches Wespennest Raoul Schrott mit seinen Thesen zur Person Homers und der Entstehung der „Ilias“ (siehe auch: Ilias: Homers Geheimnis ist gelüftet) gestochen hat, gilt es zunächst, die unterschiedlichen Auffassungen und Herangehensweisen zu berücksichtigen.

Der heutige Stand der Forschung ist in grober Vereinfachung folgender: Die angloamerikanische Oral-Poetry-Forschung geht von einem fließenden Text ohne konkreten Dichter aus und von verschiedenen Phasen der späten Verschriftlichung einer genuin mündlichen Literatur. Grundlage der deutschen Forschung ist dagegen ein hermeneutischer Ansatz, der aus der erzählerischen Struktur und Einheit der „Ilias“ einen genuinen Autor ermittelt sowie die Sinnbildungen, die der epische Dichter seinem zeitgenössischen Publikum durch die Erzählung vermitteln wollte.

Außerordentlich fortschrittliche Erzählkultur

In der Diskussion stehen heute die Frage nach dem zeitgenössischen Horizont und dem Datum der Verschriftlichung des Textes sowie die Frage nach der Historizität der Troia-Sage. Letztere gibt für die einen in leicht verschlüsselter Form die Geschichte des mykenischen Griechenland und des benachbarten Kleinasien wieder, stellt für die anderen aber einen Sagenkreis dar, der, im frühen ersten Jahrtausend geschaffen, die griechischen Mythen, die nicht nur und nicht in erster Linie verschlüsselte Historie darstellen, in einem zentralen Motiv zusammenfasst. Aus diesem und anderen Sagenkreisen wäre dann mit den Großepen und jeweils neuen Episodenbildungen die typisch homerische, außerordentlich fortschrittliche Erzählkultur entstanden.

Hier wird das Epos vor dem aktuellen Hintergrund der frühen griechischen Archaik erzählt; die Datierung der Abfassung verschiebt sich wegen neu ermittelter aktueller Bezüge auf die Zeit der frühen Verfassungsgeschichte der griechischen Poleis, also der sogenannten orientalisierenden Epoche der griechischen Kunst, in das frühe bis mittlere siebte Jahrhundert vor Christus.

Auf der Suche nach dem unbekannten Wesen

Abseits von den letzten Forschungskämpfen um Troia haben sich in jüngster Zeit einzelne wissenschaftliche Ansätze zu neuen weiterführenden Einsichten verbunden. Dank der intensiven Nachforschungen von Walter Burkert und Martin West zu den homerischen Parallelen in neuassyrischen Quellen wird immer deutlicher, dass sich die homerische Erzählkunst, besonders deren literarische Bildgestaltung und epische Motivkunst, mit der jüngeren literarischen Kultur des Vorderen Orients vergleichen und verbinden lässt.

Diese Erkenntnis ist bisher kaum nach außen gedrungen - wie überhaupt die Fortschritte der internationalen Assyriologie, die diese Vergleiche erst ermöglichen, von der interessierten Öffentlichkeit selten wahrgenommen werden. So kommt es, dass Raoul Schrott seinen Homer ihr gegenüber in ein ziemlich grelles neues Licht stellen kann.

Schrott bedient als Schriftsteller das öffentliche Interesse an einer anregenden und den gegenwärtigen Horizont erweiternden historischen Phantasie. Seine Thesen (und das diese Ideen im Detail vorstellende, im März erscheinende Buch) sind, wie er sagt, aus einer immer länger geratenen Einleitung zu seiner „Ilias“-Übersetzung entstanden. Aufgeschreckt durch die drängende Frage nach der Identität seines antiken Gegenübers, machte Raoul Schrott sich auf die Suche nach dem unbekannten Wesen, über dessen Leben es nur dürftige und fragwürdige spätere Legenden gibt.

Im Duktus des modernen Entdeckers und Entzifferers

Er tauchte ein in immer tiefere Schichten der Forschung, archäologische, sagengeschichtliche, philologische, nicht nur der Gräzistik, sondern der gesamten Altorientalistik sowie der alttestamentlichen Philologie. Herausgekommen ist eine grandiose detailreiche Rekonstruktion eines orientalischen Homer, die einem historischen Roman alle Ehre macht. Sie ist das Ergebnis einer einjährigen Reise sowie einer imponierenden Lesearbeit durch „ganze Festmeter“ von Fachliteratur, bei der die vielen zwischen den Zeilen zu verortenden Forscherzweifel kaum aufgenommen oder berücksichtigt werden konnten.

Schrott schreibt im Duktus des modernen Entdeckers und Entzifferers von letzten historischen Geheimnissen mit vielen sprachlichen Anklängen an Heinrich Schliemann und bleibt damit seiner bekannten literarischen Persona treu. Ich fasse Raoul Schrotts Text als schriftstellerisch gekonnte Darstellung einer persönlichen Entdeckungsreise auf, die mit auktorialer Sicherheit Realien zu einem neuen Homerbild sucht und findet.

Geniale historische Horizontverschiebungen

Dabei profitiert Schrott zum einen von den kontroversen Ansätzen innerhalb der Homerforschung, zum anderen von den teils noch hypothetischen Ansätzen der durch den neuen Streit um Troia initiierten archäologischen, sprachgeschichtlichen und etymologischen Forschung. Als überblickschaffendem Komparatisten schließlich kommt ihm eine gewisse Sprachlosigkeit zwischen den einzelnen Philologien mit ihren jeweils an der eigenen Literaturkultur gewachsenen, spezialisierten Begriffsapparaten zugute.

Die jeweils affirmative Auslegung der wissenschaftlichen Leerstellen öffnet Schrott den Raum für geniale historische Horizontverschiebungen. Sein erster Angriff gilt dem griechischen Dichter, den die Homerlegende zeichnet. Dieser entpuppt sich als Pappkamerad; die Legende führte noch nie zu einem historischen Homer. Die dürren Grundzüge der aus der römischen Kaiserzeit überlieferten Biographie gehen auf eine Gilde von Rhapsoden im ionischen Chios zurück, welche die epischen Gesänge professionell vortrugen, sich Homeriden nannten und als Nachfahren Homers begriffen.

Der Dichter der „Ilias“ lässt sich damit nicht bestimmen oder gar beim Namen nennen: Allerdings weist das Umfeld auf die mündlich performative Rolle der epischen Dichtung und auf die stilistische Bedeutung hin, die der öffentliche Vortrag als Medium der griechischen Literaturkultur innehatte - selbst als die Vortragstexte schriftlich konzipiert wurden.

Den mündlichen Homer beseitigt?

Mit einer Kritik an der Oral-Poetry-Forschung meint Schrott diesen mündlichen Homer, um den es ihm eigentlich geht, beseitigt zu haben. Dasselbe gilt für die griechische Archaik, also die orientalisierende Epoche der griechischen Kulturgeschichte, die in seiner Rekonstruktion keinen Stellenwert besitzt, aber eigentlich die griechische Kontrastfolie zur Vorstellung eines „orientalischen“ Homer hätte darstellen müssen.

Der Begriff ist ungefähr hundert Jahre alt und speist sich heute nicht mehr nur aus ein paar orientalischen Ornamenten auf griechischen Vasen, sondern weist auf die vielen orientalischen Fundstücke im archaischen Griechenland hin. Die orientalische Handwerkskunst, die sich in den Schatzhäusern der zentralen Heiligtümer, etwa dem Heraion auf Samos, findet, bietet bedeutende Indizien, aus denen sich die Vermittlung von Anschauungen orientalischen Kunsthandwerks erschließen lässt, das sich zuhauf in den homerischen Epen wiederfindet.

Zweiter Angriffspunkt: Troia und die „kilikische These“

Auch mit Homers Helden räumt Schrott auf: Sie sind ihm keine Abbilder der Lebensweise und Ethik der archaischen griechischen Aristokratie, sondern sollen marodierende Söldner und fahrende griechische Händler im fernen Kilikien darstellen. Ihre Ebenbilder seien die „Ionier“ genannten griechischen Seefahrer an der phönizischen Küste, von denen die assyrischen Könige berichten, sowie die griechischen Söldner in assyrischen Diensten und die Siedler, die sich als Händler in der Levante niedergelassen hatten.

Damit sind wir bei Schrotts zweitem Angriffspunkt: Troia und seiner „kilikischen These“. Warum Kilikien? Nordsyrien gilt heute in der Forschung als einer der Orte, an denen man sich eine Übersetzung zwischen dem Griechischen und orientalischen Sprachen wie dem Aramäischen und Assyrischen vorstellen kann. Hier plaziert mancher auch hypothetisch die Übertragung vom phönizischen zum griechischen Alphabet. In jüngster Zeit wurde deutlich, dass man die Orientalia in den homerischen Epen nicht rein antiquarisch und als pure Bildbeschreibungen orientalischen Handwerks auffassen kann. Literarische und mythologische Motive, aber auch Szenen, Metaphern und Gleichnisse zeigen, dass sie zum Teil direkte östliche Vorbilder haben müssen, die nur durch Übersetzungen vermittelt worden sein können. Dies könnte im Umkreis Nordsyriens geschehen sein.

Troia wird in den Hintergrund befördert

Nun basiert Schrotts Maximalversuch, Homers Troia nach Kilikien zu transponieren und den Ort der realen Anschauung des Dichters in Karatepe zu finden, auf dem bekannten geographischen Realismus, der immer wieder bei archäologischen Sensationen herangezogen wird. Er setzt voraus, dass der antike Erzähler gerade so wie der Autor eines historischen Romans seinen Erzählraum an einer detailgenauen (modernen) Karte orientiere. Aber auch Schrott muss zugeben, dass ein „bisschen“ Troia in der homerischen Beschreibung hängengeblieben ist. Hierin steckt eine innere Widersprüchlichkeit von Schrotts Totalverwandlung des Epos in einen assyro-griechischen Schreiber-Text.

Troia und die Troiasage werden bei Schrott als historische Sedimente in den Hintergrund des Epos befördert. Homer der Schreiber ist ein Protohistoriker, ein Protogeograph und ein eklektischer literarischer Kompilator, der die ältere griechische Geschichte in Form des troianischen Sagenkreises sammelt und unter Zuhilfenahme der von ihm als „uraltes Erzählgut“ bewunderten zentralen altorientalischen Mythen neu zusammensetzt - und die „Ilias“ somit als einer orientalischen Bibliothek würdig gestaltet.

Im Vordergrund des Textes stehen als zeitgenössische Bezüge die geographische, bildkünstlerische und politische Anschauungswelt des Schreibers von Karatepe, die von den verschiedenen Aufständen in Kilikien gegen die assyrischen Eroberungen in der Zeit der neuassyrischen Herrscher geprägt ist.

Genug, möchte man Schrott hier zurufen!

Diese ganze Erlebniswelt soll nun Schrott zufolge in der „Ilias“verschlüsselt sein. Der Schreiber-Text ließe sich nur aus der historischen, politischen und der literarischen Anspielung umfassend verstehen und setzte einen hohen Bildungsgrad des Verfassers voraus. Genug, möchte man Schrott hier zurufen! Der Erzähler der „Ilias“ ist nur aus dem Text der überlieferten Erzählung erschließbar, und in dieser lassen sich die Ecken und Kanten des kompilierenden Schreibers nicht finden.

Schrott beweist mit seiner monumentalen Auslegung der Dichtung anhand von historischen Realien ungewollt, dass diese Realien nur als Sekundärquellen ihren Ort haben können, da sie sonst einen eigenen historischen Text produzieren. Damit wären wir wieder bei der alten methodischen Streitfrage um die Freiheit der historischen Phantasie, die stets aus der Zwischensphäre zwischen historischem Roman und historischer Forschung erwächst. Dies ist ein großes, wenngleich ungewolltes Verdienst von Schrotts Thesen und seinem neuen Buch. Gezielter angelegt scheint die Aufforderung an die Forschung zu sein, präzise Lösungsvorschläge zum Problem der orientalischen literarischen Bildung des „Ilias“-Dichters zu liefern. Gewinn bringen manche Umsetzungsversuche mit Hilfe der imaginären Gestaltung hierzu dann auch.

Die Vergleiche, die Schrott mit den neuassyrischen Annalen heranzieht, um den zeithistorischen Horizont der „Ilias“ zu ermitteln, zeigen in der Tat einige frappierende stilistische Ähnlichkeiten zwischen der assyrischen historischen Prosa, die in der Zeit der letzten großen Herrscher sehr innovativ gewesen ist, und der homerischen gegenständlichen Sprachkunst. Diese Vergleiche unterstreichen, dass die homerische Sprache in Teilen sehr eng an die zeitgenössische assyrische Literaturentwicklung anschließt. Das lässt sich nicht mehr durch einfache literarische Assimilation, durch Übersetzung sozusagen von Mund zu Ohr, erklären, sondern deutet auf den direkten Austausch von Fachleuten des literarischen Handwerks hin.

Zu guter Letzt: Ja, Schrotts Vergleiche ermöglichen, die einstmals von Voltaire als vollkommen antiquiert verspottete Bilderwelt Homers auf neue und anregende Weise zu verstehen und horizonterweiternd vor dem geistigen Auge Revue passieren zu lassen.

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