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Politische Bewegungen : Eine Verteidigung des Populismus

„Wir sind das Volk“ ist eine Aussage, die richtig, aber immer vorläufig ist. Bild: AFP

Ja, es ist viel zu einfach, auf „das Establishment“ oder „die da oben“ zu schimpfen. Es muss aber manchmal sein, wenn der Wille zur Veränderung sich artikulieren soll.

          Wenn die Dinge zu einfach klingen, wird es richtig kompliziert, und kaum etwas hört sich so simpel an wie die Töne, die seit Monaten die etablierte Politik verstören. Von den Rändern Europas, aus Griechenland und Spanien, sind sie inzwischen bis nach Großbritannien vorgedrungen, und nun, da langsam die Lautsprecher des amerikanischen Wahlkampfs aufgedreht werden, hört man sie sogar aus der Mitte der mächtigsten Demokratie.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sie wettern gegen das politische „Establishment“ und gegen intellektuelle Eliten, gegen Europas Bürokraten und die Banker der Wall Street, gegen das Kapital und die Massenmedien, und wenn es allzu laut wird, dann versteht man in all dem Geschrei nur noch die Floskeln, die man nicht mehr hören kann: Parolen gegen „die da oben“, von denen man nie weiß, aus welcher Ecke sie gerade kommen.

          Mindestens ebenso laut, und auch nicht unbedingt origineller, waren aber schon von Anfang an die Warnungen vor diesen Tönen, die onkelhaften Belehrungen, welche jede Kritik am herrschenden Wahnsinn als irrational und demagogisch hinstellten.

          Wobei es sich die Kritiker der angeblich so gefährlichen Vereinfacher selbst sicherheitshalber nicht zu schwermachen, indem sie etwa die politische Programmatik unterscheiden, die jeweils hinter den Parolen steckt.

          Es ist leicht, Populist zu sein

          Die analytische Leistung vieler politischer Kommentare beschränkt sich in der Regel darauf, die Wut auf das Establishment als entscheidende Gemeinsamkeit von Positionen zu identifizieren, die so unterschiedlich sind wie die von Donald Trump und Bernie Sanders oder von Podemos und Pegida. „Populismus“ lautet der Begriff, auf den die Zurückweisung dieser Methoden hinausläuft, ein Kampfbegriff aus dem Vokabular des Kalten Krieges, der heute als Zombie erst so richtig lebendig wird.

          Noch nie war es so leicht, ein Populist zu sein: Es reicht, wie Giannis Varoufakis, sein Hemd aus der Hose hängen zu lassen und die Demokratisierung der Europäischen Union zu fordern; es reicht, wie Bernie Sanders, auf Milliardenspenden zu verzichten und über kostenlose Hochschulausbildung nachzudenken; es reicht, wie Pablo Iglesias, von den Königsmördern aus „Game of Thrones“ zu reden und die 35-Stunden-Woche zu propagieren.

          Sogar der sanfte Justin Trudeau, der neue kanadische Premierminister, der in der ersten Rede nach seiner Wahl versöhnlich die politischen Kontrahenten zur Zusammenarbeit aufrief, wurde als Populist dargestellt, weil er die Steuern für die Superreichen etwas anheben wollte.

          Es sind, mit anderen Worten, eher die Forderungen, die man einmal von der Sozialdemokratie kannte, welche einen Politiker heute zum Populisten machen – und genau deshalb fragt man sich aber nicht nur, ob die Kritiker dieser neuen Linken mal ihre Kriterien hinterfragen müssten. Sondern auch, warum sowohl die jungen Chefideologen der neuen Protestparteien als auch die alten Sozialisten Bernie Sanders und Jeremy Corbyn ihr moderates Programm mit einer derart revolutionären Rhetorik verkleiden.

          Der Kolumnist Owen Jones, der als junge Stimme von Corbyns Kampagne zum Popstar der britischen Linken wurde, hat im vergangenen Jahr ein ganzes Buch gegen das, so der Titel, „Establishment“ veröffentlicht. Sanders dagegen wettert gerne persönlich gegen die Waltons, die Besitzer von Walmart, die reichste Familie der Welt.

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          Nur die Rhetorik ist revolutionär

          Seine größten Youtube-Hits aber erzielt er regelmäßig dadurch, dass er in seinen Reden die Frage stellt „Are you ready for a radical idea?“, an die er dann die niedlichsten Vorschläge anschließt: die Reichen besteuern, den Mindestlohn anheben, Obamas Krankenversicherung nicht abschaffen.

          Wozu also, um Himmels willen, braucht man all diese Wortungeheuer, den billigen Antagonismus von „uns“ und „euch“, die Fratzen korrupter Herrscher, die Beschwörungen eines konkreten Feindes, dessen Beseitigung alle Probleme löst? Warum holt man, wenn es doch nur um eher sanfte Reformen geht, die Parolen des Klassenkampfs aus dem Keller, das Geschrei von der „herrschenden Klasse“ (Sanders) oder der „feudalen Elite“ (Podemos), dem „Regime“, dem „einen Prozent“?

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