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Veröffentlicht: 24.08.2014, 11:28 Uhr

Eine Asperger-Autistin berichtet Inklusion hat mich gerettet

Ich bin Asperger-Autistin, habe das Abitur bestanden und ein Studium abgeschlossen. Warum wir uns Neurodiversität nicht bloß erlauben können, sondern sie brauchen, um vorwärtszukommen: Ein Plädoyer.

von Denise Linke
© Ben de Biel Denise Linke

Die Debatte um die Inklusion läuft immer wieder auf das gleiche Argument hinaus: Eine Schule, die lern- oder sonstig behinderte Kinder zusammen mit den sogenannten normalen unterrichte, betreibe gefährliche Gleichmacherei. Denkt man darüber bloß ein paar Sekündchen nach, offenbart sich, dass das kompletter Unsinn ist. Niemand behauptet, dass alle Schüler gleich seien. Selbst in Regelschulklassen sind alle Schüler unterschiedlich. Und viele Schulen tun sich schon bei „normalen“ Schülern schwer damit, niemanden hinten runterfallen zu lassen. Woraus besorgte Eltern aber den Schluss ziehen: Da ist nun wirklich kein Platz und keine Zeit für die blöden Kinder, die meinen Kindern das Lernen erschweren.

Stimmt: Kinder mit Behinderungen können, abhängig von der Art ihrer Behinderung, dafür sorgen, dass der Unterricht noch unbrauchbarer wird, als er es häufig eh schon ist. Deswegen will auch kein Mensch, der bei Verstand ist, einfach alle Behinderten in Regelschulen kippen und den Deckel zumachen. Die Schulen müssen barrierefrei werden, die Klassen kleiner, die Lehrer besser geschult. Das kostet ja so viel. Aber kostet es, über die Jahre gerechnet, wirklich mehr, als wenn man Menschen, die eigentlich in der Lage wären, einen Beruf zu erlernen und auszuüben, in Förderschulen schickt und damit dafür sorgt, dass der Staat bis zu ihrem Tod die finanzielle Unterstützung übernimmt?

Ist das wirklich billiger? Hat das mal jemand ausgerechnet?

Ich bin Asperger-Autistin. Nun ist es raus. Ich bin eine von denen, die man bei Lanz oder Jauch dafür loben würde, dass sie ihr Abitur geschafft hat und jeden Morgen allein ihre Zähne putzt. Man würde mich vermutlich sogar loben, wenn ich jemanden erschossen hätte. Weil ich es als Autistin geschafft hätte, mein Gefühl zu erkennen und mir auch noch eine Waffe zu besorgen, und das ist nun wirklich eine ganz tolle Sache - wenn man einer BeckmannSendung vom Januar dieses Jahres Glauben schenkt.

Nach vielen Autounfällen war das klar

Das Asperger-Syndrom ist eine Form von Autismus, um die, wie eigentlich um alle Formen von Autismus, viele Mythen kreisen. Das „Rain Man“-Phänomen. Ich bin aber weder Raymond Babbitt noch Dr. Dr. Sheldon Cooper oder Christopher Boone. Zur Überraschung nahezu aller Menschen, die mir seit meiner Diagnose Fragen gestellt haben, kann ich weder Streichhölzer noch Karten zählen, kann so gut wie gar nichts auswendig (am wenigsten Fahrpläne), schreie nie bei lauten Geräuschen (wie unsinnig, das wäre ja bloß ein weiteres lautes Geräusch), bin in der Lage, Empathie zu empfinden, und bin zu allem Übel auch noch eine Frau.

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Zum Asperger-Syndrom gehört, dass sich mir soziale Interaktionen nicht erschließen. Ich habe Gespräche, insbesondere Small Talk, gelernt, so wie andere Formeln oder Daten für eine Prüfung lernen. Mimik sagt mir gar nichts, deswegen sehe ich Menschen nicht von Natur aus in die Augen - ich muss mich zum Augenkontakt zwingen. Und ich bin nicht in der Lage, Reize zu filtern. Alles ist immer gleich laut, das Gespräch, das ich führe, das Gespräch, das neben mir geführt wird, die Kaffeemaschine, die Autos, die spielenden Kinder, der Wind in den Bäumen.

Es ist wohl wenig überraschend, dass es mir zuweilen sehr schwerfällt, mich zu konzentrieren. Die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas problemlos in mich aufzunehmen, besteht darin, es für mich interessant zu machen. Sobald etwas interessant ist, schaffe ich eine Art von Hyperfokus - und bekomme plötzlich gar nichts mehr mit. Ich habe viele Autounfälle gebraucht, um das festzustellen. Und um zu lernen, dass die anderen Verkehrsteilnehmer immer wichtiger sein müssen als der vorbeifliegende Vogel oder eine reflektierende Reklametafel.

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