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Eine Antwort auf Sascha Lobo : Das Internet ist nicht kaputt

Unser oberster Datenschützer sind immer noch wir selbst Bild: dpa

„Das Internet ist kaputt“, hat Sascha Lobo in der F.A.S. geschrieben, weil die Spähaffäre alles verändert habe. Aber das ist falsch. Weil das Internet noch nie heil war. 

          „Das Internet ist kaputt“, hat der Blogger und Netzjournalist Sascha Lobo vor kurzem in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung geschrieben, in dem er seine bodenlose Enttäuschung über die vermeintliche Entzauberung eines messianischen Mediums schilderte. Das Internet sei nicht das, wofür er es lange gehalten habe, so Lobo, das „perfekte Medium der Demokratie, der Emanzipation, der Selbstbefreiung“. „Die Spähaffäre und der Kontrollwahn der Konzerne haben alles geändert“, schrieb der Blogger, um schließlich zur apokalyptischen Schlussfolgerung zu gelangen: Dass das Internet, das so viele für ein Instrument der Freiheit gehalten hätten, „aufs Effektivste für das Gegenteil genutzt“ werde, sei die „vierte, digitale Kränkung der Menschheit“.

          Doch dieses Urteil geht an der Realität vorbei. Weil es das grundlegende Missverständnis belegt, dem viele in der Blogosphäre bis hin zu ihren politischen Vertretern bis heute aufsitzen: der naiven Vorstellung vom Internet als einem Garten Eden des Wissens und der Intellektualität, in dem die Bösen außen vor sind, während die Guten einander neckend mit Wissen füttern, auf dass ein jeder für sich klüger und weiser werde.

          Nicht das Vertrauen ins Netz ist gestört, sondern in seine Nutzer

          Machen wir uns nichts vor: Die Spähapparate haben die digitale Sphäre in der Tat „fast vollständig durchdrungen“, in diesem Punkt hat Lobo Recht. Und es stimmt auch, dass die Enthüllungen Edward Snowdens unser aller Vertrauen grundlegend erschüttert haben. Aber, und darin liegt der Denkfehler: Es geht nicht um das Vertrauen in das Netz, sondern in jene, die sich seiner bedienen - zuallererst auch uns selbst. Das ist ein himmelweiter Unterschied.

          Man kann, nein, man muss sogar erschüttert darüber sein, dass Geheimdienste und private Konzerne die Bevölkerung offenbar in fast beliebiger Tiefe durchleuchten können, ohne dass die Politik dagegen eine wirkliche Handhabe fände (einmal vorausgesetzt, sie wollte das überhaupt). Für die Politik stimmt das Wort der „Kränkung“ deshalb - aber auch nur vordergründig. Denn es setzt voraus, dass die Politik (wie viele Netz-Optimisten es tun) einmal selbst dem irrigen Glauben anhing, sie könne Spionage und das Ausspähen von Daten quasi per Gesetz verbieten und alle würden sich daran halten.

          Doch so naiv dürfte selbst die Politik noch nie gewesen sein, die Spionage seit Jahrtausenden als selbstverständlich begreifen muss. Nicht erst Konrad Adenauer berichtete gelegentlich von einem Knacksen in seinem Telefonhörer und war darüber nicht verwundert. Warum sollten heutige Politiker es sein, nur weil die technischen Möglichkeiten des Ausspähens selbstverständlich mit der technischen Entwicklung Schritt gehalten haben? Wieso sollte Angela Merkel es für ausgeschlossen gehalten haben, dass auch ihr (nicht abhörsicheres) Handy von den Amerikanern abgehört wird, wenn diese es bei Millionen Bürgern weltweit tun, deren Gespräche um Längen uninteressanter sind? Es ist keine „Kränkung der Politik“, die stattfindet, sondern eine „Entzauberung der Politik“, die im Angesicht des Offensichtlichen immer größere Mühe hat, den Schein ihres Primats zu wahren. Dabei weiß auch die Bundesregierung nur zu gut, dass sie das Ausspähen nicht wird verhindern können - das groß angekündigte „No-Spy-Abkommen“ unter „Freunden“ scheitert an der Weigerung der Amerikaner, noch bevor Deutschland die Forderung zu Ende gesprochen hat. Die Reise des damaligen Innenministers Hans-Peter Friedrich nach Washington war deshalb ebenso ein Placebo für die unaufgeregte Öffentlichkeit wie die Behauptung des früheren Kanzleramtsministers Ronald Pofalla, die Affäre sei nach ein paar harschen Worten in Washington ein für allemal beendet.

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