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Russland-Kritik : Nietzsche hilft nicht weiter

  • -Aktualisiert am

Was heißt Nationalismus in der heutigen Ukraine? Jahresfeier der Maidan-Revolution Bild: dpa

Der Historiker Michael Jampolsky hat kürzlich hier behauptet, die Russen hätten alle eine „Sklavenmoral“. Der Autor scheint auch in Bezug auf die Ukraine blind zu sein. Eine Entgegnung.

          Michail Jampolskys Artikel „Die Russen verlieren den Bezug zur Realität“ ist ein besonders frappierendes Beispiel für die Absurdität der herrschenden Ukraine-Russland-Debatte. Mit Verwunderung stellt man fest, dass all das, was darin „den Russen“ - eine derart überzogene Generalisierung galt übrigens bis vor kurzem als unfein, ist das ein Paradigmenwechsel im „postmodernen Denken“? - vorgeworfen wird, charakteristisch für Stil und Denkweise Jampolskys selbst ist. Diese Form der Selbstbezüglichkeit ist in der Tat frappierend.

          Typisch für „die Russen“ sei eine „Abkehr von der Wirklichkeit“, die „unter ideologischen Fiktionen“ begraben wurde. Die russische Gesellschaft habe Halluzinationen, sie sehe in der Ukraine „imaginäre Faschisten“. Seltsam, auch wir Deutschen haben Faschisten in der Ukraine gesehen - kann man sie von New York aus nicht erkennen? Da war der Rechte Sektor, ohne dessen Tatkraft Janukowitsch nicht hätte gestürzt werden können, wie deutsche (!) Zeitungen damals bescheinigten; da waren die Swoboda-Minister in der Übergangsregierung; da waren Nazi-Freiwilligenbataillone, die mit ihren Nazi-Symbolen - und mit seltsamen Kommentaren deutscher Journalisten - im ZDF gezeigt wurden und denen Golineh Atai (ARD) freundliche Wünsche hinterherschickte, als sie in den Kampf gegen ihre renitenten ostukrainischen Landsleute zogen.

          Später tauchten sie auf den Listen von Arseni Jazenjuks und Petro Poroschenkos Wahlblöcken auf. Jetzt ist einer von ihnen, Wadim Trojan, Vizekommandeur der rechtsextremen Asow-Miliz und Mitglied der „Volksfront“ von Regierungschef Jazenjuk, zum Polizeichef der Region Kiew ernannt worden.

          Von Anfang an sah und hörte man faschistische Losungen auf dem Majdan: „Ruhm der Ukraine“, „Den Helden Ruhm“, „Ukraine über alles“ - das sind aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges stammende Losungen der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die erwiesenermaßen eine faschistische Organisation war, vom regelrechten Bandera-Kult in der Westukraine ganz zu schweigen.

          Nationalismus als Phantom und als Realität

          Es ist also schwierig, die faschistischen Kräfte auf der Seite des Euromajdan und in der Kiewer Übergangsregierung sowie ihre maßgebliche Beteiligung an der „Anti-Terror-Operation“ zu übersehen. Wenn Jampolsky sie aber für „imaginär“ erklärt - ist das keine „Realitätsleugnung“? Aber es kommt noch besser. Bei Jampolsky gibt es in der Ukraine nicht nur imaginäre Faschisten, sondern auch imaginäre Russen. Damit meint er aber nicht die russischen Phantompanzer und -truppen, welche Kiew immer wieder „sieht“, sondern die Krim-Bewohner.

          Nun dürfte allgemein bekannt sein, dass in der Ukraine unter anderem sowohl ethnische Russen als auch russischsprachige Menschen verschiedenster gemischter oder ihnen selbst unklarer Nationalität leben. (Es gibt sogar „gemischtsprachige“ Menschen: Surschyk-Sprecher.)

          Was an ethnischen Russen oder Russischsprachigen „imaginär“ sein soll, erschließt sich nicht. Natürlich sind sie keine russischen Bürger. Die Ukraine war bis zum Majdan ein multiethnischer, multikultureller Staat. Zu diesem Staat bekannten sich auch die dort lebenden ethnischen Russen; sie verstanden sich als „Ukrainer“, als „Bürger der Ukraine“. Da nun infolge des Euromajdan ein aggressiver, betont antirussisch auftretender ukrainischer Nationalismus die Oberhand gewann (was von vielen Euromajdan-Aktivisten sicher nicht beabsichtigt war, aber die Ereignisse entglitten nun einmal ihrer Kontrolle), fühlten sich viele ethnische Russen und russischsprachige Ukrainer in ihrem Vaterland nicht mehr zu Hause, fühlten sich nicht mehr als „ukrainische Bürger“.

          Sie sind daher zurückgeworfen auf ihre Ethnizität und/oder ihre Sprache, auf ihr sprachliches oder ethnisches „Russischsein“. Manche von ihnen wollten Autonomie und gründeten eigene Volksrepubliken, die dann aufgrund ihrer Schwäche an Russland als Schutzmacht appellierten und von Polittechnologen zu einem „Novorossija“ uminterpretiert wurden.

          Anachronismus Nationalstaat?

          Das alles sind traurige Entwicklungen und Zerfallserscheinungen, die der Euromajdan in die Wege geleitet hat; aber inwiefern die darin involvierten ethnischen Russen „imaginär“ sein sollen, verstehe, wer will. In verschiedenen Wendungen spricht Jampolsky von der Unfähigkeit der russischen Regierung und Bevölkerung, die Wirklichkeit zu beeinflussen. Auch diese „den Russen“ bescheinigte Ohnmacht scheint in der Tat ein Wesenszug seines eigenen Weltverständnisses zu sein. So hält er das „Absterben und die Sinnentleerung nationaler Souveränität“ für einen global unumkehrbaren, schicksalhaften Prozess, dem die russischen Realitätsleugner einen „Kult anachronistischer staatlicher Souveränität“ entgegensetzen würden. Realistisch ist es seiner Meinung nach offenbar hingegen, sich den von ihm erwähnten „Strömen“ - hier können nur Kapitalströme gemeint sein -, die über nationale Territorien und souveräne Staaten hinwegfegen, nicht zu widersetzen; denn beeinflussen könne man sie ohnehin nicht.

          Ist nun auch der pompös und militant zelebrierte amerikanische Kult staatlicher Souveränität anachronistisch? Oder ist dieser Kult zeitgemäß? Darüber schweigt Jampolsky. Man kann seine Position daher nur so verstehen, dass die Kapitalströme und das State Department in seinen Augen Mächte des Schicksals sind, denen sich kein vernünftiger Mensch widersetzt. (Vermutlich hat auch Angela Merkel genau das gemeint, als sie im Frühjahr vermutete, Putin sei verrückt geworden.)

          Müder Nietzscheanismus

          Für Jampolsky, nicht für „die Russen“ „entzieht“ sich „die Welt jeder Einwirkung“ - bis zum „Sklavenaufstand“ hat er es also noch nicht einmal gebracht, und ein Repräsentant der „Herrenmoral“ ist er mit diesem Ohnmachtsbekenntnis auch nicht. Es gibt zwei Aspekte der Sklavenmoral: Es gibt den geduckten, schicksalsergebenen Sklaven, der sein Joch liebt; und es gibt den renitenten Sklaven, zunächst nur imaginär, im Christentum und in diversen Utopien, dann auch in Taten. Nietzsche bezeichnet die zweite Haltung verächtlich als „Ressentiment“ und stellt sie der Herrenmoral unvermittelt und als unvermittelbar gegenüber; Hegel sah das Herr-Knecht-Verhältnis bekanntlich etwas dialektischer.

          Jampolsky ordnet sich selbst den zufriedenen Sklaven zu, die ihr Joch lieben. Marie von Ebner-Eschenbachs Ausspruch „Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit“ würde ich ihm als Widmung ins Poesiealbum schreiben. „Ressentiment“ ist seine Sache nicht; eine gewisse „Erschöpfung“ spricht allerdings sehr wohl aus seinen nietzscheanischen Betrachtungen.

          Die Autorin ist Philosophin und Osteuropawissenschaftlerin, sie lehrt Übersetzung (Russisch-Deutsch) und Kulturwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

          Quelle: F.A.Z.

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