http://www.faz.net/-gqz-vyzc

Ein Nationalstaat zerfällt : Das Ende von Belgien

  • -Aktualisiert am

Zerreißprobe: Dieser Junge demonstrierte Mitte November für die Einheit Belgiens Bild: AFP

Flamen und Wallonen sind zerstrittener denn je. Ein Staat zerfällt. Dieses Szenario werden wir vielleicht bald noch häufiger erleben, bei den Schotten, den Kosovaren, auch den Südtirolern. Aber Nationalstaaten müssen auch nicht ewig halten.

          Seit einem halben Jahr hat Belgien keine gewählte Regierung. Nein: Das Land hat keineswegs keine funktionierende Regierung, sondern mindestens drei. Wenn es in Deutschland keine gesamtbelgische Tourismusbehörde mehr gibt, sondern stattdessen flämische und wallonische Fremdenverkehrsbüros öffnen; wenn Flandern einen Außenminister bekommt; wenn Erziehung, Wirtschaftsförderung, Raumplanung, Forschung komplett voneinander abgekoppelt werden - dann hat diese „Föderalisierung“ den Zentralstaat von innen so weit ausgehöhlt, bis nurmehr eine leere Hülle übrigblieb.

          Die Geschichte Belgiens war seit der Staatsgründung im Jahr 1830 von Spott und Ironie begleitet. Marx, im Brüsseler Exil, sah in der Auferstehung der katholisch-habsburgischen Niederlande die erste Staatsbildung durch kapitalistische Kräfte. In der Tat wuchs im Zusammenspiel der heute noch mächtigen Aktiengesellschaft „Société Génerale“, einiger frankophoner Industriekapitäne, der Kohlegruben des Hennegau, des Stahlreviers Lüttich und des Seehafens Antwerpen ein Musterland der industriellen Moderne heran. Der Name des Staates wurde von Cäsars „Gallischem Krieg“ entlehnt. Und den Monarchen bestellte man, damit das Land auf britischen Wunsch keine französische Dépendance werde, aus dem anglophilen Geschlecht der Sachsen-Coburg - wie aus dem Versandkatalog.

          Es war ein kleiner Kreis reicher Kulturfranzosen, die sich nach Napoleons Hegemonie nicht in den zentralistischen Niederlanden wiederfanden und Belgien als lukratives Kunstprodukt erschufen. Dass im Land die Bevölkerung mehrheitlich ein ländliches Niederländisch sprach, wurde in Industrie und Klerus, Militär und Schule als folkloristisches Element abgetan, das bald verschwinden würde. Brüssel, aber auch das Brabanter Umland oder westflämische Gebiete rund um Moescroen büßten so mit der Zeit ihre Sprache zugunsten des Normfranzösisch ein. Dass die restlichen Flamen sich dennoch kulturell behauptet haben, wurde der Schlüssel zur staatlichen Spaltung.

          Die Nation hat durchaus Freunde - diese beiden hier zum Beispiel

          Weil die Soldaten ihre Offiziere nicht verstanden

          Die einträgliche Scharnierstellung zwischen französischer und deutscher Großmacht, bereichert noch um die gewaltigen Profite aus dem blutigen Kolonialreich Kongo, hatte Belgien zwar gedeihen lassen, daran änderten auch die Verluste der beiden Weltkriege nichts, in denen die Deutschen den kleineren Nachbarn schwer verheerten. Weil im Ersten Weltkrieg flämische Bauernsoldaten aber die Befehle des rein frankophonen Offizierskorps nicht verstanden, kam es zur „Vlaamse Beweging“, die bei Veteranentreffen und Schulungen, mit Parteien und Vereinen das Recht auf Gerichtsbarkeit, höhere Schule und Parlament in niederländischer Sprache forderte. Anders als in Resteuropa geriet die Revolte von 1968 dabei zur beinahe gewaltsamen Auseinandersetzung gegen die Französisierung der Universität Löwen. Weil die Belgier jedoch ihre Dispute nicht mit Gewalt lösen wollten, kam es zur Sprachteilung: in Kasernen und Bibliotheken, Kindergärten und Fernsehsendern. Einzig das Königshaus und die Spitzenpolitiker wurden im Prinzip als zweisprachige Institutionen über die Grenze beibehalten.

          Brüssel, eine flämische Stadt mit französischer Sprachmehrheit und einer herrschenden Elite aus englischsprachigen Euro- und Natokraten, bekam einen Sonderstatus. Die Sprachgrenze entstand dabei erst spät; das heutige Flandern ist ein reines Verwaltungsprodukt, denn ursprünglich reichten die Kerngebiete Belgiens - Brabant, Hennegau, Limburg, das Bistum Lüttich, sogar die historische Grafschaft Flandern, von der Frankreich einen gehörigen Happen annektierte - über alle linguistischen Trennlinien hinweg. Nach der Krise von Stahl und Kohle und dem Wirtschaftsboom flämischer Kleinbetriebe alimentiert die flämische Mehrheit von knapp sechzig Prozent über die gemeinsamen Renten- und Sozialkassen eine frankophone Minderheit.

          Sire, Belgier gibt es nicht

          Die Flamen wollen ihren Wählern Geld sparen und auch Sozial- und Rentenkasse trennen; die Wallonen wollen weiter kassieren und verkaufen ihre Haut so teuer wie möglich, gerade weil ihre Region aus eigener Kraft gar nicht lebensfähig ist. Während wallonische Politiker kein ausreichendes Niederländisch sprechen und ihre flämischen Widerparte nicht mehr französisch parlieren mögen, muss man sich über die soundsovielste Staatsreform jetzt zuweilen gar auf Englisch unterhalten. Der sprichwörtliche Abgesang auf die nationale Gemeinsamkeit datiert aber bereits auf das Jahr 1912, da der wallonische Sozialist Jules Destrée seinem König die Worte „Sire, il n'y a pas des Belges!“ ins Stammbuch schrieb. Und es bleibt nur eine Frage der Zeit, bis es heißt: Il n'y pas de Belgique.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spaß macht es schon, wenn nur das Aber nicht wär.

          ADHS und Smartphones : Tippen und Klicken bis zum seelischen Umfallen?

          Das Smartphone immer im Anschlag, digital auf Dauerbetrieb. Doch wann ist es zu viel, wann macht die Seele schlapp? Mediziner haben jetzt Tausende Schüler im Zappeltest gehabt und finden Anhaltspunkte für eine digitale Überdosis.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.