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Ein Gespräch mit amerikanischen Historikern Obama war sehr streng mit Amerika

22.01.2009 ·  Wie epochal war die Rede Barack Obamas zu seiner Amtseinführung? Wir haben die „Inaugural Address“ mit vier amerikanischen Historikern angehört und sie danach um ihre Einschätzungen gebeten.

Von Jordan Mejias
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Wie epochal war die Rede Barack Obamas zu seiner Amtseinführung? Wir haben die „Inaugural Address“ mit vier amerikanischen Historikern angehört und sie danach um ihre Einschätzungen gebeten.

Amerika und die Welt wollten nichts weniger als eine epochale Rede von Barack Obama hören. Hat der neue Präsident sich dazu aufgeschwungen?

John Stauffer: Ganz bestimmt. Es war eine brillante, elegante, eloquente Rede, die ich so zusammenfassen würde: Selfmademan gelobt, die Nation zu erneuern. Obama hat Washington und Martin Luther King paraphrasiert, hat bei F.D.R. Anleihen gemacht und sogar bei Reagan, vor allem aber forderte er die Amerikaner auf, Verantwortung zu übernehmen, und borgte da von John F. Kennedy.

William E. Leuchtenburg: Wir haben es hier mit einer Situation zu tun, in der das Ereignis die Rede überwältigt. Es ist einfach unfassbar, einen afroamerikanischen Präsidenten in einer Hauptstadt zu sehen, die zum Teil von Sklaven gebaut wurde, ANTWORT: das Weiße Haus inbegriffen. Obamas Worte standen so etwas im Schatten, und ich will angesichts dieser Umstände nicht wie ein Filmkritiker urteilen, der zwei oder drei Sterne vergibt. Ich glaube aber, dass es nicht viele Redewendungen gab, wie sie in den Inaugural Addresses von Roosevelt im Jahr 1933, von Lincoln 1865 und Kennedy 1961 zu finden sind. Die Rede war in ihrem Inhalt wichtiger als in ihrer Rhetorik.

Douglas Wilson: Er hat vielleicht nicht die Rede gehalten, die sich viele Leute erhofft haben, also eine Rede, bei der sie aufgesprungen wären und geschrien hätten. Er redete ernst und sagte, was er sagen wollte, direkt und zielsicher, ohne auf Beifall aus zu sein. Wie der zu ernten wäre, weiß er genau. Es wollte aber wohl zeigen, dass er ernsthaft entschlossen ist, die Probleme des Landes anzugehen.

Rodney Davis: Die Rede hatte keine denkwürdigen Sätze, wie wir sie von der Amtseinführung Kennedys im Ohr haben. Sie war direkt, handwerklich gut gearbeitet, außerordentlich prägnant, aber ohne rhetorische Highlights.

Obama hat ein neues Zeitalter der Verantwortlichkeit ausgerufen und seine Landsleute aufgefordert, Sinn nicht nur in sich selbst, sondern in etwas Größerem zu suchen. Er ließ aber keine Zweifel an der glänzenden Zukunft der Nation aufkommen. Blieb er damit im Rahmen des Üblichen einer Inaugural Address?

Stauffer: Er hat von früheren Ansprachen das Beste übernommen. Ich hatte gehofft, dass es eine solch ernste Rede wird. Die erste Version von Lincolns erster Inaugural Address, bevor er sie versöhnlicher formulierte, ähnelt im Ton dem, was wir von Obama gehört haben. Lincoln war kraftvoll, er war streng, er war sehr klar, und genauso war Obama heute.

Leuchtenburg: Zu den Traditionen einer Inaugural Address gehört es zu sagen, dass wir über gegenwärtige Schwierigkeiten triumphieren werden und froh in die Zukunft blicken können, auch wenn wir die Vergangenheit vergeudet haben. Sehr unüblich war allerdings die Strenge, im Vortrag wie in manchen Gedanken.

Davis: Er hat die Gepflogenheiten der Inaugural Address hinter sich gelassen. Üblicherweise geht es vor allem um Innenpolitik, durchaus im prosaischen Ton, aber prosaisch war Obama nicht. Er hat die Amerikaner aufgefordert, über den Tellerrand hinauszuschauen.

Wilson: Solche Reden neigen zur Selbstbeweihräucherung. Obama hat das nicht ganz vermieden, aber nur ein einziges Mal von sich selbst erzählt, von seinem Vater, dem es vor sechzig Jahren nicht erlaubt wurde, in einem Washingtoner Restaurant ein zu bestellen.

Obama zitiert jetzt auch George Washington, der auch in den trübsten Tagen der Revolution nie die Hoffnung fahrenließ. Hat Sie das überrascht?

Leuchtenburg: Und wie! Zumal der Präsident nie wörtlich Lincoln oder Roosevelt oder Martin Luther King zitiert hat. Es klang etwas nach der Arbeit eines Redenschreibers und weniger nach dem Obama, wie wir ihn aus dem Wahlkampf kennen.

Stauffer: Ich war ein bisschen überrascht, aber dann hat es mir völlig eingeleuchtet. Wenn ein Selfmademan versucht, eine Nation und eine Gesellschaft zu erneuern, braucht er emblematische Figuren vom Range eines Washington und Lincoln. Aber Obama wollte nicht wie Lincoln den Weg der Versöhnung gehen. Er will sich klar von der alten Regierung unterscheiden, und deshalb hat die Anleihe bei Washington perfekt funktioniert. Obama war kraftvoll, aber auch respektvoll, als er erklärte: Ich werde nicht die alten Positionen vertreten, ich werde mich nicht in die alten Debatten verwickeln lassen, die uns als Nation in Schwierigkeiten gebracht haben. Die versöhnlichen Gesten, mit denen er seit der Wahl für Aufsehen sorgte, haben ihm jetzt erlaubt, eine viel stärkere Rede zu halten, zu klären, welche Richtung er einschlagen will, und keine Konzessionen mehr gegenüber den Republikanern zu machen. Trotzdem hat er bisher die öffentliche Meinung hinter sich gebracht, und in diesem Sinne ist er sehr lincolnesk.

Wilson: Washington hat mich ein wenig überrascht, denn ich hatte mit lincolnesken Echos gerechnet. Dass es keine gab, mag ein Hinweis darauf sein, dass er sich etwas Eigenes vorgenommen hat.

Davis: Ich meine schon, einige Kadenzen Lincoln vernommen zu haben. Er hat sich auf dessen Reden bezogen, ohne direkt daraus zu zitieren, so etwa in der Passage, dass „alle die Chance verdienen, nach ihrem vollen Glück zu streben“. Das hat Anklänge an Lincolns erste Inaugural Address. Auch die Formulierung „Remaking America“ deutet darauf hin, dass er in letzter Zeit viel Lincoln gelesen hat.

Obgleich er Amerikas Ideale und Traditionen pries, hat Obama scharf mit der jüngsten Vergangenheit und der Regierungspolitik der letzten Jahre gebrochen. Gibt es dafür Vorbilder?

Leuchtenburg: Ja, damit hat er mich am stärksten an Roosevelt und Kennedy erinnert. Wie sie wies er darauf hin, dass die Vereinigten Staaten auf die falsche Bahn geraten waren, nicht die politische Führung hatten, die sie hätten haben sollen, und nun eine neue Richtung einschlagen müssen. Obama hat klar gesagt, dass es nun eine andere amerikanische Außenpolitik geben werde. Er hat mit Kritik nicht gespart, peilte aber keine leichten Zielscheiben an, so wie es Roosevelt tat, als er die „money changers“, die Banker, als Urheber allen Unheils angriff. Wir hatten es hier jetzt eher mit einem Aufruf zur moralischen Regeneration zu tun.

Stauffer: Es hat mich besonders gefreut, dass er nicht gleich versucht hat, sich mit Republikanern und allen, die gegen ihn gestimmt haben, zu versöhnen. Er hat klar ausgesprochen, dass es jetzt eine neue Debatte, ein neues Programm geben wird. Mit einem seiner Hauptthemen, die Nation zu erneuern, hat er sich von den Vorgaben anderer Reden abgewandt. Er war sich auch bewusst, dass die Welt zugeschaut und zugehört hat.

Wilson: Obama hat deutlich gesagt, dass wir zu viele Fehler gemacht haben und neue Wege finden müssen. Das ist nicht charakteristisch für eine Inaugural Address. Andererseits ist er voller Hoffnung.

Welche rhetorischen Wendungen und Anspielungen haben Sie aufhorchen lassen?

Leuchtenburg: Außer Washington zitiert der neue Präsident zwar keinen Vorgänger, bezieht sich aber immerzu auf die Geschichte der Nation. Er ruft die Vergangenheit an seine Seite und warnt so Kritiker und Gegner, dass sie auf der falschen Seite kämpfen. Das war für mich das Hauptthema der Rede.

Was wird in einem halben Jahrhundert noch aus Obamas „Inaugural Address“ zitiert werden?

Leuchtenberg: Nichts Prägnantes. Nichts wie Roosevelts Formel: „Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“

Stauffer: Obama ist einer der großen, großen Redner unserer Tage. Ich habe viele Echos von Martin Luther King gehört. Als Zitat wird wohl der Begriff „Remaking America“ überleben. Ich mag es auch sehr, wie er über „Preis und Versprechen der Bürgerschaft“ sprach, wie er die Idee der Bürgerschaft und das Gefühl, einer Demokratie zuzugehören, als Privileg und Verpflichtung erklärte.

Davis: Ich glaube nicht, dass ich etwas gehört habe, woran wir uns noch in einem halben Jahrhundert erinnern werden. Es war eine Rede, die weniger begeistern als überzeugen sollte.

Die Fragen stellte Jordan Mejias.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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