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Israels Linke kämpft : Wir werden ihnen die Scham ins Gesicht treiben

  • -Aktualisiert am

Dorit Rabinyan ist eine der prominentesten israelischen Schriftstellerinnen. Bild: Frank Röth

In Israel will man uns einreden, nur die politische Rechte könnte eine Mehrheit finden. Aber das Gegenteil ist wahr. Ein Gastbeitrag.

          Der Schrei, der von der Demonstration gegen die Schande der Korruption am Schabbat-Abend in Tel Aviv aufstieg, hallte nicht nur in den Ohren der Korrupten von rechts wider. Auch die Zyniker von links traf er unvorbereitet. Dank der Kraft Tausender von Demonstranten ist es (innerhalb von weniger als vierundzwanzig Stunden!) gelungen, die Ratifizierung eines Gesetzes zu verschieben, das die Polizei daran hindern sollte, ihre Ermittlungsergebnisse gegen Ministerpräsident Benjamin „Bibi“ Netanjahu bekanntzugeben.

          Netanjahu sah sich zu der Erklärung gezwungen, das Gesetz gelte nicht für ihn. Sein Koalitionspartner Moshe Kahalon von der Kulanu-Partei musste die bereits zugesagte Unterstützung zurücknehmen. Die Sprecher der Rechten, die uns schon seit Monaten versichern, die Ermittlungen gegen Netanjahu entbehrten jeder Grundlage und seien lediglich „eine Konspiration der Linken“ und die Öffentlichkeit sei nun einmal rechts und stehe treu zum Premierminister, gerieten vor den Kameras in Panik. Nicht weniger wichtig aber ist, dass die Demonstration denen unter uns wieder Mut gemacht hat, die vor der rechten Propagandamaschine schon zu kapitulieren drohten.

          Düstere Nachrufe und resignierte Klagen

          Wie oft haben wir von bekannten Kommentatoren hören müssen, dass Netanjahu von der Kritik gegen ihn nur profitiere und dass deshalb jeder Protest vergeblich sei? Wie oft haben wir enttäuscht beobachten müssen, dass die Opposition Auseinandersetzungen mit Netanjahu vermied, weil ihn das nur noch weiter stärke? Wie viele düstere Nachrufe auf die israelische Demokratie, wie viele resignierte Klagen über die Unmöglichkeit der Einflussnahme haben wir lesen müssen?

          Seit vierundfünfzig Wochen demonstrieren einige Getreue, die den Sumpf bei uns gründlich satt haben, vor dem Haus des Generalstaatsanwalts Avichai Mandelblit in Petach Tikwa. Monatelang haben unsere Hauptmeinungsmacher diesen Protest verächtlich ignoriert und höchstens kritisiert. Dennoch fanden sich an jedem Schabbat-Abend mehr und mehr Menschen ein. Man vergleiche diese Demonstrationen nur einmal mit der Räumung der illegalen Siedlung Amona. Amona stand wochenlang im Zentrum der Nachrichtensendungen und wurde rund um die Uhr mit aufgeblähter Berichterstattung bedacht. Als der Räumungsbefehl erging, fanden sich zum Kampf um Amona nicht mehr als tausend Leute ein, doch die Nachrichten posaunten immer wieder die gleichen Formeln aus: Tel Aviv ist elitär und abgehoben, Amona aber ist das Volk.

          Je wackliger Netanjahus Thron wird und je höher der Gestank der Korruption in den Himmel steigt, desto öfter betet man uns vor, das Volk sei eben rechts, die Öffentlichkeit nun einmal gleichgültig und der Versuch, Netanjahu abzulösen, sowieso aussichtslos. Man müsse in der Mitte zusammenrücken. Die Linke sitze nur in den Cafés herum und könne deswegen niemals siegen. Die Realität aber ist gar nicht so trostlos, wie die Abwiegler von rechts und die Mutlosen von links uns einreden wollen.

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