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Veröffentlicht: 23.05.2000, 10:20 Uhr

Jaron Lanier Der Vordenker

Eine Zeitreise: Im Mai 2000 erschien der erste Artikel in der F.A.Z. über Jaron Lanier - es war damals eine Begegnung mit einem Intellektuellen, dessen digitale Visionen gerade Wirklichkeit werden.

von , New York
© vanz „Europa hat aufgehört zu denken; aber es hat die Software geliefert“: Jaron Lanier

Man reibt sich die Augen: Fast wöchentlich werden wir von technologischen und wissenschaftlichen Innovationen überrascht wie kaum eine Generation zuvor, und Europa schweigt. Craig Venter decodiert das menschliche Genom, und es ist in der Öffentlichkeit allenfalls ein Fall für das Patentamt. Die immer weitreichendere Abhängigkeit von der Datenvernetzung wird erst ein Thema, wenn der Liebesvirus für einen Tag die Systeme lahm legt. Der amerikanische Theoretiker und Computerexperte Ray Kurzweil verkündet unter dem Beifall des amerikanischen Publikums, dass Computer noch zu unseren Lebzeiten den menschlichen Verstand übersteigen werden, und in Deutschland kennt man noch nicht einmal seinen Namen - vielleicht auch deshalb, weil sein Beststeller „The Age of Spiritual Machines“ im letzten Jahr unter dem fast schon parodistisch altbackenen Titel „Homo S@piens“ in Deutsch erschien.

Die Geschichte des europäischen Intellektuellen im neuen Jahrhundert beginnt mit seinem störrischen oder linkischen Drumherumschweigen. Man sieht ihn förmlich vor sich, wie er mit seinem neuen Textverarbeitungsprogramm hantiert - dieses genervte und wütende Nichtzurechtkommen, dieser angeblich fehlende „technische Verstand“, dieser Überdruss, der sich - oft ja zu Recht - schon beim Einstecken der Kabel anmeldet: Dies alles kennzeichnet auch die Geisteshaltung dem revolutionären Paradigmenwechsel selbst gegenüber. Die neue Welt kam nicht als Gedanke über uns Europäer, sondern als Nachschulung: von der Schreibmaschine auf den Computer, vom Computer aufs Internet.

„Europa hat aufgehört zu denken“

Vielleicht deshalb denken viele europäische Intellektuelle, es handele sich gegenwärtig um eine jener technologischen Adaptionen, die unsere Vorfahren mit der Erfindung des Automobils oder des Kühlschranks auch schon gemacht haben. Das ist sicher ein Irrtum. Es könnte ja sein, dass Ray Kurzweil Unrecht hat mit seiner Prognose, wir würden in den nächsten zwanzig Jahren durch Bio-, Nano- und Computertechnologie mehr Veränderungen unserer Lebenswelt erfahren als im ganzen zwanzigsten Jahrhundert - aber es wäre doch angezeigt, insbesondere in Zeiten einer technologiebewussten „grünen“ Regierungsbeteiligung, darüber zu reden. Aber wir wuseln mit unseren Kabeln und Steckern und Anschlüssen herum, während anderswo das Programm unserer Zukunft geschrieben wird.

 „Europa hat aufgehört zu denken“, sagt Jaron Lanier. „Aber es hat die Software geliefert.“ All die Fragen, die sich die abendländischen Philosophen gestellt hätten, all die Fragen nach Sein, Schein und Bewusstsein, würden sich nun bald auch die Computer zu stellen beginnen. „Sie können dann auf die Software bei Kant und bei Heidegger zurückgreifen.“

Die technologische Elite und das Vorvergangene

Jaron Lanier ist einer der Cyber-Gurus Amerikas und Protagonist jener neuen Intellektuellenszene, von der Europa noch kaum eine Ahnung hat und doch endlich eine haben müsste, um aus dem Schlaf des alten Jahrhunderts aufzuwachen. Vor Jahren hat Lanier den Begriff „virtual reality“ erfunden und wurde durch spektakuläre Softwareprogramme berühmt. Jetzt rekonstruiert er altägyptische Musik. „Wir werden etwas hörbar machen, was einst bei den Pharaonen so gehört wurde - wenn man so will: der klassische Anwendungsfall von ,reverse engineering’.“ Lanier ist überzeugt, dass die technische Evolution im Begriff ist, künstliche Intelligenz hervorzubringen. Doch wird sie immer wieder an ihren Softwarefehlern verzweifeln. Kant, Schopenhauer, Nietzsche sind auch nur fehlerhafte Versionsnummern des Selbstbewusstseins. „Die Philosophen haben die Menschen einem ständigen Beta-Testing ihrer Software unterworfen.“

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