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Ein Brief an Europa : Du wirst nicht mehr entführt, sondern deportiert

  • -Aktualisiert am

Europa, in der Mythologie eine Prinzessin aus dem Nahen Osten, klopft an die Türen des Hauses, das ihren Namen trägt. Statt sie wie einen Gast zu empfangen, steckt man sie in ein Lager. Ein Gastbeitrag.

          Werte Europa, liebes Europa,

          neulich bin ich Dir wieder begegnet. Diesmal in Medellín, dieser pulsierenden, subtropischen, vom modernen Verkehr verschmutzten Stadt in Kolumbien. Du saßest aufrecht und sehr feierlich auf Deinem Stier, ja, vielleicht sogar ein wenig kokett, die eine Hand am Hinterkopf, als ob Du vor dem Frisiertisch säßest und Dich im Spiegel bewundertest. Die andere Hand ruhte auf dem runden Hintern des Tiers, als streicheltest Du ein unterwürfiges Haustier. So wie Du da saßest, in Bronze, direkt vor dem Museum, zwischen den laut rufenden Straßenhändlern und den spielenden Kindern, machtest Du auf mich durchweg den Eindruck einer bestimmenden Matrone.

          Der Grund dafür ist natürlich, dass Deine Statue in Medellín von der Hand des berühmtesten kolumbianischen Künstlers stammt: Fernando Botero. Jeder weiß, dass Boteros Skulpturen, na ja, etwas feist und wohlgenährt aussehen. Eine bloße Hausmaus hätte bei ihm die Proportionen eines Elefanten.

          Im Grunde aus dem Libanon

          So kolossal und pompös kannte ich Dich vom griechischen Mythos, der Deine Geschichte erzählt, nicht. Dort bist Du ein schönes junges Mädchen, das vom griechischen Obergott Zeus in Gestalt eines Stiers entführt wird. Früher hat jedes europäische Kind diese Geschichte in der Schule gelernt, heute erhält man solche Informationen im Unterricht eher selten, was schade ist, denn von Urgeschichten aus der eigenen Kultur kann man eine Menge lernen.

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          Demnach bist Du eine phönizische Prinzessin, und Phönizien lag früher da, wo heute der Nahe Osten beginnt. Das heißt, Du stammst im Grunde aus dem Libanon. Also hat ein Stier aus Griechenland Dich, die orientalische Prinzessin mit dem Namen Europa, ins westlich gelegene Kreta entführt und Dich dort vergewaltigt – wonach Deinem Schoß wohl die minoische Kultur entsprang. Dein Name verbreitete sich zuerst im Norden Griechenlands, bevor er im ganzen Kontinent bekannt wurde; damit gabst Du, die orientalische Prinzessin, jenem Kontinent den Namen, der sich selbst als der Westen versteht.

          Nicht mehr Opfer eines übelwollenden griechischen Gottes

          Diese Geschichte gibt einem zu denken, liebe Europa. Vor allem heute, da so viele Menschen aus dem Osten und aus dem Süden an unsere Grenzen kommen und um Obdach flehen, um Hilfe, um Zuflucht, und einige Länder Europas sich rundweg weigern, Dich, die Du heißt wie ihr Kontinent, aufzunehmen, und Dich stattdessen hinter Stacheldraht wegsperren oder in jenem Meer absaufen lassen, das wir alle gemeinsam haben. Dein vielgeplagtes, zerrissenes Heimatland Libanon beherbergt im Moment mehr Flüchtlinge als jedes Land Europas.

          Heute ist es auch nicht ein weißer Stier, der die exotischen Mädchen in den Westen trägt, sondern es sind morsche Wracks von Booten oder leckgeschlagene, überladene Nussschalen. Auch werden sie nicht Opfer eines übelwollenden griechischen Gottes, sondern von übelwollenden Menschenschmugglern, die sich für Götter halten.

          Gastfreundschaft – wohl schon immer Auslegungssache

          Dabei ist die Geschichte von Fremden, die an eine Tür klopfen und um Obdach bitten, genau so alt wie die tragische Geschichte von Dir, Europa. Viele europäische Volkssagen erzählen von einer fremden Person, die unvermutet irgendwo auftaucht. Am Abend steht sie plötzlich unter den zwei Linden vor dem einsamen Haus und bittet, sichtlich erschöpft, darum, in der Scheune übernachten zu dürfen, oder um ein Stück Brot, einen Schluck Wasser. Keiner hat sie erwartet, alle sind überrascht; die Bauern auf dem Hof, die Bürger im Haus versammeln sich um den merkwürdigen Gast; zuerst etwas misstrauisch, doch als sie merken, dass von der fremden Person keine Gefahr ausgeht, bieten sie ihr Unterkunft, zu essen und zu trinken an. Gastfreundschaft ist eine uralte Menschenpflicht; und meist zeigt dann die Geschichte, die die fremde Person beim Wein erzählt, dass sie ein außergewöhnliches Leben führt oder ein tragisches Ereignis überlebt hat: Es ist fast immer eine Geschichte, über die die Einheimischen noch lange nachdenken.

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