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Ehrendoktorwürde für Merkel Ein historischer Moment

In Berlin wurde der Bundeskanzlerin die Ehrendoktorwürde der New Yorker Exiluniversität verliehen. Fritz Stern nutzte seine Laudatio für einen Deutungsversuch der jüngst als unentschlossen kritisierten Kanzlerschaft Angela Merkels.

© AP Vergrößern Der Laudator spricht von „forcierter Passivität”: Fritz Stern (l.) und Robert Kerrey schütteln sich vor der Bundeskanzlerin die Hände

Die Bundeskanzlerin möge nun zu ihm ans Podium treten, bittet der Gast aus Amerika. Sie stellt sich neben ihn, faltet die Hände vor dem Bauch, dann hebt der Gast feierlich an: „Angela Dorothea Merkel . . .“ Man ergänzt im Geiste: Möchtest du den hier Anwesenden . . .? Sie soll natürlich nicht heiraten, aber der Moment hat es in sich. In Sichtweite der Wannsee-Villa empfängt die deutsche Kanzlerin eine Ehrendoktorwürde jener Universität, die durch ihre Aufnahme damals in Europa bedrohter Gelehrter in die Weltgeschichte eingegangen ist, der University in Exile an der New School in New York.

Nils Minkmar Folgen:  

Anfang der dreißiger Jahre hatte es sich der Sozialwissenschaftler Alvin Johnson angesichts der Verfolgung jüdischer und linksgerichteter Gelehrter im Deutschen Reich zur Aufgabe gemacht, private Sponsoren zusammenzubringen, um dem aus Europa entweichenden Geist eine neue Heimstatt in New York zu geben. Nun sind die Vertreter dieser Einrichtung nach Berlin zurückgekehrt, an die American Academy, um Angela Merkel zu ehren.

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„Fritz, du bist doch nicht auch noch deutscher Bundeskanzler?“

Bevor Fritz Stern die Laudatio vortrug, gab es einen Ehrendoktorwirrwar: Präsident der New School ist der frühere demokratische Senator Bob Kerrey. Die notorisch unruhige Fakultät hat ihm unlängst das Misstrauen ausgesprochen; er wird erleichtert gewesen sein, da mal wegzukommen, ab in die Höhen der transatlantischen Diplomatie. Jedenfalls freut sich Kerrey so sehr, dass er sich in den Manuskriptblättern verheddert: Er dichtet Fritz Stern in seiner Vorstellung des Laudators noch die diversen Ehrendoktorwürden Angela Merkels an, was natürlich nicht geht. Aber er fängt es auf, wie es eigentlich nur Amerikaner können: „Fritz, du bist doch nicht auch noch deutscher Bundeskanzler?“

Stern rutscht vergnügt auf seinem Stuhl hin und her, bevor er sich an die Arbeit macht. Er hat die Laudatio auf die Kanzlerin zu halten, was in diesen Zeiten notwendigerweise eine besondere Deutungsaufgabe ist. Wie Helmut Schmidt gehört Stern zu den Alten, auf die die Deutschen heute besonders achten, weil sie viel erlebt und sich doch ein Gespür für die Brisanz der Aktualität bewahrt haben. Und weil sie den hohen Bogen der Geschichte in klaren, starken Worten so schlagen können, dass es jeder versteht.

Die Kanzlerschaft Angela Merkels deuten

Stern erinnert sich an einen Tag in seinem langen Leben: Sommer in Berlin, er, achtundzwanzigjährig, steht im Bendlerblock und wohnt der ersten Gedenkveranstaltung für die Männer des 20. Juli bei. Theodor Heuss spricht, das Jahr ist 1954. In jenen Tagen kam Angela Merkel in Hamburg zur Welt.

Stern hat sich diese Laudatio genau überlegt. Er geht an allen schon offenen Türen vorbei und sucht eigene Wege, um etwas Unerhörtes zu versuchen: die unwahrscheinliche, in diesen Tagen als unentschlossen kritisierte Kanzlerschaft Angela Merkels zu deuten, und zwar, indem er sie für die von ihm selbst verkörperte politisch-philosophische Richtung der alteuropäischen, humanistisch fundierten Aufklärung adoptiert.

Symbol der Freiheit und der geglückten Wiedervereinigung

Merkel sei, wie er, ein Außenseiter gewesen in Deutschland, stellt er fest, wobei er das NS-System nicht mit der DDR vergleicht; er vergleicht bloß die Sicht, die bestimmte Kinder auf eine zunehmend unheimliche Welt haben können: Merkel war, wie er, anders als die anderen Deutschen. Er beschreibt die damit zusammenhängende intellektuelle Operation des Rückzugs in Bücher: Emotionen habe Angela Merkel bei Dostojewski, die Gefahren der Technik bei George Orwell studieren können.

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