Die Bundeskanzlerin möge nun zu ihm ans Podium treten, bittet der Gast aus Amerika. Sie stellt sich neben ihn, faltet die Hände vor dem Bauch, dann hebt der Gast feierlich an: „Angela Dorothea Merkel . . .“ Man ergänzt im Geiste: Möchtest du den hier Anwesenden . . .? Sie soll natürlich nicht heiraten, aber der Moment hat es in sich. In Sichtweite der Wannsee-Villa empfängt die deutsche Kanzlerin eine Ehrendoktorwürde jener Universität, die durch ihre Aufnahme damals in Europa bedrohter Gelehrter in die Weltgeschichte eingegangen ist, der University in Exile an der New School in New York.
Anfang der dreißiger Jahre hatte es sich der Sozialwissenschaftler Alvin Johnson angesichts der Verfolgung jüdischer und linksgerichteter Gelehrter im Deutschen Reich zur Aufgabe gemacht, private Sponsoren zusammenzubringen, um dem aus Europa entweichenden Geist eine neue Heimstatt in New York zu geben. Nun sind die Vertreter dieser Einrichtung nach Berlin zurückgekehrt, an die American Academy, um Angela Merkel zu ehren.
„Fritz, du bist doch nicht auch noch deutscher Bundeskanzler?“
Bevor Fritz Stern die Laudatio vortrug, gab es einen Ehrendoktorwirrwar: Präsident der New School ist der frühere demokratische Senator Bob Kerrey. Die notorisch unruhige Fakultät hat ihm unlängst das Misstrauen ausgesprochen; er wird erleichtert gewesen sein, da mal wegzukommen, ab in die Höhen der transatlantischen Diplomatie. Jedenfalls freut sich Kerrey so sehr, dass er sich in den Manuskriptblättern verheddert: Er dichtet Fritz Stern in seiner Vorstellung des Laudators noch die diversen Ehrendoktorwürden Angela Merkels an, was natürlich nicht geht. Aber er fängt es auf, wie es eigentlich nur Amerikaner können: „Fritz, du bist doch nicht auch noch deutscher Bundeskanzler?“
Stern rutscht vergnügt auf seinem Stuhl hin und her, bevor er sich an die Arbeit macht. Er hat die Laudatio auf die Kanzlerin zu halten, was in diesen Zeiten notwendigerweise eine besondere Deutungsaufgabe ist. Wie Helmut Schmidt gehört Stern zu den Alten, auf die die Deutschen heute besonders achten, weil sie viel erlebt und sich doch ein Gespür für die Brisanz der Aktualität bewahrt haben. Und weil sie den hohen Bogen der Geschichte in klaren, starken Worten so schlagen können, dass es jeder versteht.
Die Kanzlerschaft Angela Merkels deuten
Stern erinnert sich an einen Tag in seinem langen Leben: Sommer in Berlin, er, achtundzwanzigjährig, steht im Bendlerblock und wohnt der ersten Gedenkveranstaltung für die Männer des 20. Juli bei. Theodor Heuss spricht, das Jahr ist 1954. In jenen Tagen kam Angela Merkel in Hamburg zur Welt.
Stern hat sich diese Laudatio genau überlegt. Er geht an allen schon offenen Türen vorbei und sucht eigene Wege, um etwas Unerhörtes zu versuchen: die unwahrscheinliche, in diesen Tagen als unentschlossen kritisierte Kanzlerschaft Angela Merkels zu deuten, und zwar, indem er sie für die von ihm selbst verkörperte politisch-philosophische Richtung der alteuropäischen, humanistisch fundierten Aufklärung adoptiert.
Symbol der Freiheit und der geglückten Wiedervereinigung
Merkel sei, wie er, ein Außenseiter gewesen in Deutschland, stellt er fest, wobei er das NS-System nicht mit der DDR vergleicht; er vergleicht bloß die Sicht, die bestimmte Kinder auf eine zunehmend unheimliche Welt haben können: Merkel war, wie er, anders als die anderen Deutschen. Er beschreibt die damit zusammenhängende intellektuelle Operation des Rückzugs in Bücher: Emotionen habe Angela Merkel bei Dostojewski, die Gefahren der Technik bei George Orwell studieren können.
Er beschreibt damit auch sich selbst im aufziehenden NS-Staat, in der doppelten Zurückgezogenheit des Juden wie des Intellektuellen, den man in dem Kind, das Stern im Deutschen Reich war, schon ahnen konnte. Er erinnert an sein Wort von der DDR als eines Gefängnisses mit einer Aussicht. Er betont, dass Angela Merkel keine Frau der Bürgerrechtsbewegung war und auch nie versucht hat, sich dazu zu stilisieren. Vielmehr ist es diese erzwungene Verharren, das ihn interessiert, diese Phase der Latenz, die sich ja auch noch in der Wahl des Studienfachs auszudrücken scheint: theoretische Physik - was gibt es Entfernteres vom sogenannten wirklichen Leben? Stern prägt die Formel von der „forcierten Passivität“, die Merkel in der DDR erlitten habe, und die interessiert ihn, weil er darin, wie eine Federmechanik, die aufgezogen ruht, eine Vorstufe dieser ihn verblüffenden persönlichen und politischen Dynamik Merkels sieht: In diesen wenigen Jahren, vom Pfarrhaus über die Physik in die große Politik - das beschreibt er mit einer herzlichen Begeisterung für den gelungenen Aufstieg. Als Symbol der Freiheit und der geglückten Wiedervereinigung sieht er Angela Merkel, Symbol jenes Jahres 1989, das er, wie nur Fritz Stern es kann, zum „glücklichsten des zwanzigsten Jahrhunderts“ ernennt.
Kennen all ihre Parteifreunde diese Gleichberechtigung?
In Sterns Laudatio wird auch klar: Im Parteiengefüge der Vereinigten Staaten würde man eine intellektuelle, in Menschen- und Bürgerrechten sowie in Umweltfragen engagierte Politikerin eher auf der linksliberalen Seite der Demokraten finden. Und Sterns Herz schlägt links. Er lobt Merkel darum hintersinnig für ihre Äußerung, das „Liberale und das Konservative“ seien im Wesen der CDU gleichberechtigt, wobei er nachfragt, ob das auch all ihren Parteifreunden bekannt sei? Stern findet abschließend noch Worte zur Krise, zur großen Bedrohung, die das „Vertrauen in Führung zutiefst erschüttert“ hat. Die Traditionen der New School beschwörend, bemerkt er dazu, dass Politik „erklärte Vernunft“ sein muss. Es reicht nicht, für sich zu denken, die Schrift und die Rede sind für demokratische Politik und Führung unerlässlich. Und wie inspiriert und beschwingt von dieser hintersinnigen, ambitionierten Laudatio, die ihre Adressatin durch Lob zu verwandeln suchte, klang Angela Merkel an diesem Morgen anders als in ihren manchmal ziemlich verschwommenen Auftritten der vergangenen Monate. Sie sprach, als wäre sie unter den vielen, nun hochbetagten, gewesenen Außenseitern ganz bei sich.
Ohne Umschweife kam sie zu den aktuellen Bedrohungen der Freiheit durch die internationale Wirtschaftskrise. Es dürfe nicht sein, dass Systeme, in denen das Recht des Einzelnen nichts gelte und die Gesellschaften prinzipiell geschlossen seien, von der Schwäche der freien Gesellschaften profitierten. In mehr als einer Hinsicht schien sie eine Parallele zu den Wiederaufbauaufgaben nach 1945 zu sehen. Damals wurden die Vereinten Nationen gegründet, der Entwicklung noch weit vorgreifend. Heute sei der Zeitpunkt gekommen, mit ähnlicher Ambition der vielbeschworenen technologischen und ökonomischen Globalisierung eine politische Dimension zu verleihen.
Die Exiluniversität als Merkels neue Heimat
Es war eine visionäre Rede: die Forderung nach dem, was Willy Brandt einmal Weltinnenpolitik genannt hat. Dass es schwer wird, weiß sie ganz genau, und sie sagt es, aber sie reflektiert auch über die Hindernisse, die die Gründer der UN oder eben auch der „University in Exile“ überwunden haben. Nicht geringer werde ihr Einsatz für eine „Charta des nachhaltigen Wirtschaftens“, in der die ökonomische Freiheit und die soziale Verantwortung als dialektische Elemente des Fundaments einer offenen Gesellschaft festgeschrieben werden.
Zum Schluss bedankt sie sich. Im Applaus und der sich lösenden Anspannung geht fast unter, wofür: Sie nennt die „neue Heimat“ und die „neuen Wurzeln“, die ihr durch diese Ehrendoktorwürde „gewachsen sind“. Heimat ist kein Wort, das man leichtfertig gebraucht. Dass eine deutsche Kanzlerin eine Exiluniversität in New York, die flüchtige Republik verträumter Intellektueller und Staatenloser, die nur dem freien Geist verantwortlich ist, ihre Heimat nennt, ist ein historischer Moment. Keinen Augenblick zu früh. Die Zeiten sind danach.
--boden-nah
(Wetterwitz)
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