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Veröffentlicht: 18.05.2017, 16:49 Uhr

Kommentar Dichter-Politiker

Frankreichs neuer Premierminister Edouard Philippe schreibt Erotik-Trash, Robert Habeck, Hoffnungsträger der Grünen, Krimis. Schade nur, dass er sich jetzt von der Literatur abgewandt hat.

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© dpa Hätte auch als Schriftsteller eine Zukunftsperspektive gehabt: Der Politiker Robert Habeck von den „Grünen“.

Es ist ein atemberaubender Aufstieg aus dem Land der Sch’tis ins Herz der Macht, der sich liest wie ein moderner Entwicklungsroman à la française. Und mehr noch: Frankreich ist entzückt, wieder einen Präsidenten zu haben, der die Künste liebt, das Theater, die Literatur. Nichts hatte das Pariser Bürgertum einst mehr gegen Nicolas Sarkozy aufgebracht als dessen abfällige Bemerkungen über den Romanklassiker „Die Prinzessin von Clèves“. Emmanuel Macron hingegen erzählt munter drauflos, wie sehr ihn die Werke in der Bibliothek seiner Großmutter geprägt haben, Molière natürlich, Racine, Giono.

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Nun sind literaturaffine Präsidenten in Frankreich keine Exoten. Und unter den Premierministern war Dominique de Villepin nicht der einzige Dichter. Mit Edouard Philippe, Exbürgermeister, Amateurboxer und Stimmenimitator, hat sich Macron nun einen solchen ins Haus geholt. Dass die beiden einen Lesezirkel im Elysée-Palast gründen, scheint dennoch unwahrscheinlich. Denn mit der Kanon-Lektüre des Präsidenten haben die Politthriller des Premierministers nichts gemein. Dessen Roman „Dans l’ombre“ (2011, „Im Schatten“), den er gemeinsam mit Gilles Boyer verfasste, gehört eher in die Abteilung Erotik-Trash. Der Ich-Erzähler, der aus dem politischen Milieu stammt und Parallelen zur Vita des Verfassers aufweist, ist ein Macho und seine sexistisch-chauvinistische Art nichts für zarte Seelen. Entsprechende „Stellen“, in denen die Brustgröße von Frauen, die Marilyn heißen, detailliert erörtert oder die „Schroffheit“ kinderloser Frauen bemängelt wird, werden in den französischen Zeitungen genüsslich ausgebreitet.

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Während die einen spotten, ziehen andere zur Verteidigung das grundlegende Kriterium der Literaturkritik heran: Man dürfe den Autor nicht mit seinem Helden verwechseln, heißt es in „Libération“, ausgerechnet jener Zeitung, für die Edouard Philippe bis zu seiner Ernennung wöchentlich den französischen Wahlkampf kommentierte. Während den Franzosen zu wünschen ist, dass Philippe als Premier eine bessere Figur abgibt denn als Romancier, gilt für den jüngsten Dichter-Politiker diesseits des Rheins fast schon das Gegenteil. Robert Habeck, letzter Rettungsanker im grünen Schlamassel, hat mit seinem Einstieg in die Politik der Muse abgeschworen. Dabei waren unter den vielen Büchern, die er mit seiner Frau schrieb, gerade die Romane „Hauke Haiens Tod“ und „Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf“ vielversprechend. Aus belletristischer Sicht also ist es zu bedauern, dass er sich abgewandt hat. Vielleicht kann er statt Romanen künftig Epigramme schreiben. Aber was reimt sich bloß auf Stegner?

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