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„Edge“-Jahresfrage : Neunzehn Gründe, warum Ehen glücken

  • -Aktualisiert am

Wenn Algorithmen träumen: die Inceptionism Art zeigt, was Algorithmen zwischendurch so tun Bild: Archiv

Von Gen-Messern und autistischen Neuronen: Die Gelehrtenvereinigung „Edge Foundation“ fragte bekannte Forscher, was die Wissenschaften gerade revolutioniert. Das Ergebnis ist ein faszinierendes Kaleidoskop neuer Erkenntnisse und Methoden.

          Der Urknall kann nicht so ein gewaltiger Rumms gewesen sein, wie wir uns das vorstellen. Drohnen revolutionieren nicht nur den Krieg, sondern auch die Wildtierforschung. Zwei Drittel aller Krebserkrankungen gehen auf zufällige Mutationen zurück. Und drei Prinzipien reichen aus, um Rationalität zu definieren. Alles Antworten auf die Frage, die der amerikanische Literaturagent John Brockman den Wissenschaftlern der „Dritten Kultur“ zum Jahresbeginn gestellt hat: „Was ist die interessanteste wissenschaftliche Neuigkeit? Und was macht sie so bedeutend?“

          Seit bald zwanzig Jahren legt Brockman auf seinem Online-Forum edge.org regelmäßig eine solche Frage vor: „Was fragen Sie sich selbst?“ (1998), „Was halten Sie für richtig, auch wenn Sie es nicht beweisen können?“ (2005), „Welche wissenschaftliche Idee gehört ausgemustert?“ (2014). Zur „Dritten Kultur“ zählt Brockman Forscher aus Natur- und Geisteswissenschaften, die ihre Ergebnisse in einem größeren, disziplinenübergreifenden und gesellschaftlichen Zusammenhang diskutieren.

          Auf seine diesjährige Frage bekam Brockmann 198 ganz unterschiedliche Antworten. Sie reichen von Erkenntnissen über die Bedeutung der Mikroben im Verdauungstrakt über neue, rohstoffsparende Batterietechnologien und 3D-Drucker in der Medizintechnik bis zu intelligent vernetzten „Grünen Städten“. Die Krise der Psychologie, ausgelöst durch zu viele nichtreproduzierbare Ergebnisse, fehlt ebenso wenig wie eine Studie zur Impfung gegen Ebola und eine über Versuche, „autistische Neuronen“ in der Petrischale wachsen zu lassen.

          Manipulation der Arten

          Trotz dieser verwirrenden Vielfalt zeichnen sich in der Sammlung einige nicht ganz überraschende Schwerpunkte ab, in denen es in der Forschung derzeit besonders stark brodelt: Einmal ist das Big Data und das maschinelle Lernverfahren Deep Learning zweitens die Genetik, allen voran die CRISPR/Cas9-Technologie zum Schneiden und Rekombinieren des menschlichen Genoms. „Die Möglichkeiten von CRISPR/Cas9 sind jenseits unseres Vorstellungsvermögens, aber einige sind schon jetzt Wirklichkeit geworden“, schreibt Randolph Nesse, Direktor des Zentrums für Evolution und Medizin der Arizona State University.

          Sein Favorit für 2016 ist eine Laborstudie, derzufolge sich ein Gen, das resistent gegen Malaria macht, rasch in einer Population von Moskitos verbreitet. Würde das Gen also die Malaria eliminieren, wenn man die Population freiließe? Andere Genmanipulationen könnten ganze Arten gezielt ausrotten, meint Nesse und schließt die Frage an, was beispielsweise mit einem Ökosystem ohne Moskitos passieren würde.

          Der Edinburgher Philosoph Andy Clark begeistert sich für eine 2015 erschienene Arbeit über ein „Inceptionism“ genanntes Deep-Learning-Verfahren zur automatischen Bilderkennung. Lässt man den Algorithmus statt des Endergebnisses Zwischenergebnisse auswerfen, die noch dazu darauf getrimmt wurden, das Erkannte überzubetonen, entstehen seltsame Traumwelten: Fantastische Wesen bevölkern einen bewölkten Himmel, Pagoden wachsen vor einem leeren Horizont, Trecker und Schafe erscheinen wie von Geisterhand auf grünen Wiesen. Das Problem mit den Deep-Learning-Verfahren sei, dass wir nicht verstehen, was der Algorithmus beim Lernen eigentlich treibt, so Clark. In „Inceptionism“ sieht er ein Verfahren, eben dies Schicht für Schicht zu visualisieren.

          Einblick in neue Realitäten

          Andere haben das große Ganze im Blick. Die wichtigste Neuigkeit sei, dass sich in der Gesellschaft mehr und mehr die Erkenntnis durchsetze, dass Denken und Fühlen biologische Prozesse seien, so die Psychologin Thalia Wheatley. Dazu gehöre die Einsicht, dass sexuelle Orientierung keine Frage der individuellen Entscheidung sei und die Willensfreiheit einfach ein Etikett, das wir auf einen biologischen Prozess klebten, den wir noch lange nicht verstanden hätten. Jonathan Haidt, Psychologe an der New York University School of Business, hat eine Studie ausgewählt, die belegt, dass amerikanische Chefs eher einen neuen Mitarbeiter einer anderen Rasse, Religion oder des anderen Geschlechts einstellen würden als einen Anhänger einer anderen Partei. Gut, dass Rassismus und Sexismus nachlassen, so der Forscher, aber bedenklich für die Zukunft der Demokratie.

          Für den Mainzer Philosophen Thomas Metzinger ist die wichtigste Neuerung die Verbreitung der virtuellen Realität auf dem Massenmarkt. Neben diversen wünschenswerten und bedenklichen Anwendungen von der Medizin bis zur Kriegführung werde der Normalverbraucher durch das Spielen mit den neuen Virtual-Reality-Brillen erkennen, was es mit seiner bewussten Erfahrung schon immer auf sich gehabt habe: Sie leiste die stetige Produktion möglicher Welten und möglicher Modelle des Ich.

          Immer wieder heben Forscher statt neuer Erkenntnisse auch Einsichten in Irrtümer auf das Podest der wichtigsten Neuigkeiten. So zitiert der Kognitionsforscher Gary Klein eine Studie, die 2015 im Wissenschaftsmagazin „Science“ erschien. Seit den Arbeiten der Neurophysiologen David Hubel und Torsten Wiesel galt als ausgemacht, dass Kinder, die wegen einer Linseneintrübung blind geboren wurden, nur bis zum achten Lebensjahr von einer Operation profitieren würden - bis eine Gruppe indischer Spezialisten auch Teenager erfolgreich operierte. Auch in der Welt von Big Data sollten wir damit rechnen, dass Daten falsch sein können, folgert Klein.

          Skeptische Stimmen fehlen nicht. Die Frage nach der einen interessantesten Neuigkeit sei angesichts der Komplexität der Welt ohnehin nicht sinnvoll, kritisiert der Geologe Jared Diamond und verweist auf eine Studie, in der Paartherapeuten neunzehn unabhängige Faktoren für das Gelingen einer Ehe aufzählen. Tatsächlich aber dürfte in der hochspezialisierten Wissenschaftslandschaft kaum mehr zu leisten sein als das, was sich auf Edge.org findet: ein beeindruckendes Kaleidoskop von Fragen und Antworten, Problemen und Lösungsansätzen ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

          Quelle: F.A.Z.

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