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Echtzeitjournalismus : Dr. Seltsam ist heute online

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Echtzeit, grenzenlos und dreidimensional: An der Universität von Arizona haben Wissenschaftler dafür eine Holographie-Technik entwickelt Bild: dpa

In der Krim-Krise sieht man: Der Echtzeitjournalismus ist schneller als die Reaktionszeit für einen Atomangriff. Er setzt auf die Semantik der Eskalation und wird dadurch selbst zur Waffe.

          Als am Mittwochabend der deutsche Fernsehmoderator Claus Kleber über den Siemens-Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser wie ein Strafgericht hereinbrach, erlebte der Zuschauer eine Sternstunde der Selbstinszenierung des Journalismus. Unerbittlich nahm Kleber den Mann in die Zange: Kaeser war, lange geplant, nach Moskau gefahren („Was haben Sie sich bei Ihrem Freundschaftsbesuch gedacht?“), er hat nicht nur Putin besucht („Wie lange mussten Sie warten?“), sondern auch den mit Einreiseverbot belegten Eisenbahnchef („Und Sie haben mit dem geredet!“) - und das alles, so Kleber, „als Repräsentant eines Unternehmens, das auch für Deutschland steht“. Nicht viel, und wir hätten in einer der nächsten „heute-journal“-Sendungen den armen Herrn Kaeser in einer Datscha neben Edward Snowden gesehen.

          Diese Inquisition, die auch in ihrem nur dem Remmidemmi verpflichteten Desinteresse daran, was Kaeser von Putin denn gehört haben könnte, alles in den Schatten stellt, was man an Vaterlandsverratsrhetorik aus dem wirklichen Kalten Krieg kannte, ist überhaupt nur als Symptom journalistischen Übermenschentums diskutierbar und wird dadurch allerdings auch über den peinlichen Anlass hinaus interessant. Beharren auf einer normativen Deutung dessen, was die westlichen Sanktionen angeblich bedeuten, verwandelt Journalismus in Politik und das Fernsehstudio in einen Ort, wo der Interviewer plötzlich außenpolitische Bulletins abgibt: Claus Kleber zeigt der deutschen Wirtschaft die rote Linie auf.

          Wäre ja eine denkbare Frage gewesen

          Die Deutschen sollten nicht erfahren, was Joe Kaeser in Moskau tat, sondern, wie Claus Kleber darüber denkt - ein Ereignis immerhin, von dem selbst die Bundesregierung noch lernen könnte, die am selben Tag mitteilte, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland weitergehen müsse. Russland fühlt sich gedemütigt? (Wäre ja eine denkbare Frage gewesen.) Sei’s drum. Putin lässt dafür den Verräter-Chef eines Unternehmens, „das Deutschland ist“, im Vorzimmer warten, und der lässt sich das auch noch gefallen!

          Das ist nicht nur komisch, sondern auch bedrohlich. Journalismus, der, zwingend angesichts des Settings dieses Interviews, nicht wenigstens die Rolle erwähnt, die beispielsweise der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft noch in den Eiszeiten der Weltmächte spielen konnte, unterschlägt nicht etwa nur eine historische Information - er unterschlägt eine Information, die sich in die Köpfe aller heute handelnden Personen eingegraben hat und die zur Bewertung ihres Handelns notwendig ist.

          Es nutzt gar nichts, Klebers High Noon inhaltlich zu debattieren. Der Nachrichtenwert ist gleich null, der formale Wert ungleich höher. Denn Kleber, der, da Putin selbst nicht zur Verfügung stand, einer staunenden Welt demonstrieren wollte, wie Joe Kaeser sich unter Druck verhält, ist selbst nur ein Symptom. Die formalen Kriterien dieser fünf Minuten „heute journal“ sind mittlerweile eins zu eins übertragbar auf einen aktuellen Echtzeit-Eskalationsjournalismus, der Lebenssendezeit füllen und Storys erzählen muss.

          Das Herz schlägt im Kriegs- und Erregungsmodus

          Es stimmt: Nichts in der europäischen Presse und ihren Öffentlichkeiten klingt nach der herzrasenden, fiebrigen, hurra-patriotischen Prosa der Welt von gestern. Es gibt heute keine Journalisten, die, um Karl Kraus zu zitieren, ihre „Feder in Blut tauchen und ihre Schwerter in Tinte“. Stattdessen entsteht eine permanente Echtzeit-Erzählung, in der das Herz gleichsam unablässig im Kriegs- und Erregungsmodus schlägt. Formal ist nicht zu unterscheiden, ob es um Uli Hoeneß, den Konflikt auf der Krim oder den heroischen Verteidigungskampf von Ritter Sport gegen die Sanktionen der Stiftung Warentest geht.

          Es sei egal, so hatte Karl Kraus als Erster ein Kennzeichen der Massenmedien definiert, ob man eine Operette oder einen Krieg lanciert. Gemeint war: Die dramaturgischen, auf Kunden oder Klicks zielenden Strukturen von Konflikt, Eskalation, Krise und Katastrophe, mit denen man über die Welt redet, verändern die Welt beim Reden. Die Erzählung vom Kalten Krieg samt Atomwaffen-Angst und biblischer Apokalypse ist das schlechthin unüberbietbare Narrativ - Spannung pur, in der sich der sprachlose Siemens-Chef plötzlich in der Rolle des Spions wiederfindet, der aus der Kälte kam.

          Von Michael Crichton stammt der Spruch, dass sich eine Geschichte, wenn die Zutaten stimmen, fast von selbst schreibt. Nicht nach Kriegsgeschrei und dem Donnern von Stiefelabsätzen muss man deshalb heute in der Sprache suchen, sondern nach diesen Automatismen, die durch moderne Kommunikationssysteme sich atemberaubend beschleunigt haben. Es war ein Automatismus, nicht die angebliche moralisch-politische Reflexion, die Claus Klebers Performance erklärt. Weil Echtzeit Reflexionskraft minimiert, infiziert sie aber seit der Krim-Krise auf höchst bedrohliche Art das politische und gesellschaftliche Leben in allen Bereichen.

          Auch der Routinevorgang hat zur Aufregung zu passen

          Nachrichtenticker wechseln im Minutentakt zwischen Reaktion und Gegenreaktion, teilweise mit sorgfältig abgestimmter Eskalations- und Herzschlagssteigerungssemantik, verbunden durch die Tricks, wie man sie in den Schreibseminaren Hollywoods lernen kann. Fast stündlich findet man Beispiele dafür. Als die Russen zu Beginn der Ukraine-Krise eine atomare Langstreckenrakete testeten, berichteten darüber innerhalb von Minuten viele deutsche Online-Nachrichten im Sinne der Eskalation.

          Die Amerikaner hielten sich zurück. Sie wussten, dass es solche Tests auch in Amerika gegeben hatte und die formalen Prozeduren der Anmeldung und Genehmigung bedurften. Wenig später meldete ABC, dass der Test lange vor Ausbruch der Krise angemeldet worden war. Weil der Routinevorgang zur Aufregung nicht passte, blieb nach eiliger Korrektur zurück, dass die Russen mit dem Test die Welt „irritierten“. Irritiert waren aber nur die Drehbuchautoren.

          Wie in amerikanischen Erfolgsserien, die gleichsam in Echtzeit weitergeschrieben werden und in denen viele Fäden ins Leere führen, tragen wir in unseren Köpfen politische Handlungsstränge herum, ohne je ihr Ende zu finden: Putin habe gesagt, der Untergang der UdSSR sei die größte Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts? Dmitri Trenin, der für die Carnegie-Foundation das wichtigste Standardwerk zum postsowjetischen Russland schrieb, hat diese Behauptung bereits 2011 nicht nur widerlegt, sondern Putins Äußerungen „Worte der Weisheit“ genannt.

          Alles wird zur Nummern-Oper reduziert

          Martin Schulz, der eine der ausgewogensten Reden zur Krise hielt und auch die Gefahr eines Krieges streifte, sah sich auf einen Kriegswarner reduziert. Obama hat Russland „verhöhnt“ mit seinem Satz, Russland sei nur eine Regionalmacht, die keine Bedrohung darstelle? „Verhöhnt“? Tatsächlich kann man das ganz anders, wenn auch und zugegeben langweiliger lesen: Obama hat Entwarnung für seine Landsleute gegeben: Dr. Seltsam ist pensioniert.

          Das sind Beispiele, die nicht einmal immer böse Absichten verraten. In der Summe sind sie aber nicht weniger aufheizend als die Jubel- und Feindesarien des Jahres 1914, nur dass sie jetzt gleichsam formal, als unabweisbare Fakten der Geschichte daherkommen. Sie reduzieren sich auf die Nummern-Oper: Obama höhnt, Putin beklagt, und Joe Kaeser wird im Wartezimmer abgestellt. Echtzeit-Automatismen bei politischen Krisen dieser Dimension sind kein Spielzeug. Die materiellen Grundlagen, denen sie ihr Entstehen verdanken, die Schnelligkeit und Art der Informationsübermittlung, stammen aus dem Kalten Krieg: Je kürzer die Reaktionszeit für einen Atomangriff wurde, desto automatisierter mussten die Entscheidungssysteme werden - eine Zeitökonomie, die Putins Reaktion auf den Nato-Verteidigungsschirm in Polen überhaupt nur erklärt.

          Es ist eine Pointe der Geschichte, dass nun auch die politische und gesellschaftliche Kommunikation in diesen Lichtgeschwindigkeitsmodus wechseln. Wer Zeitpuffer für Hochgeschwindkeitsbörsen verlangt, sollte nach den jüngsten Erfahrungen auch über solche für Nachrichtenbörsen nachdenken. „Was Redaktionen beschlossen haben, vergelten und büßen Nationen.“ Auch das stammt von Karl Kraus. Die Krim-Krise ist ein Grund, sich klarzumachen, dass die Welt nicht nach den Gesetzen von „Homeland“ oder „House of Cards“ funktioniert.

          Es ist das erste europäische Krisenereignis, das vollständig im Zeichen der neuen automatisierten Medienökonomie steht. Modernität hieß immer auch, sich durch Reflexion zu immunisieren. Helmut Kohl, Helmut Schmidt und Henry Kissinger haben alle höchst abwägend und behutsam auf die aktuellen Ereignisse reagiert. Der Echtzeitdramaturg sagt: weil sie alt sind. Alter ist kein Kriterium für Rationalität. Entschleunigung aber ist es.

          Quelle: F.A.Z.

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