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Echtzeitjournalismus : Dr. Seltsam ist heute online

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Von Michael Crichton stammt der Spruch, dass sich eine Geschichte, wenn die Zutaten stimmen, fast von selbst schreibt. Nicht nach Kriegsgeschrei und dem Donnern von Stiefelabsätzen muss man deshalb heute in der Sprache suchen, sondern nach diesen Automatismen, die durch moderne Kommunikationssysteme sich atemberaubend beschleunigt haben. Es war ein Automatismus, nicht die angebliche moralisch-politische Reflexion, die Claus Klebers Performance erklärt. Weil Echtzeit Reflexionskraft minimiert, infiziert sie aber seit der Krim-Krise auf höchst bedrohliche Art das politische und gesellschaftliche Leben in allen Bereichen.

Auch der Routinevorgang hat zur Aufregung zu passen

Nachrichtenticker wechseln im Minutentakt zwischen Reaktion und Gegenreaktion, teilweise mit sorgfältig abgestimmter Eskalations- und Herzschlagssteigerungssemantik, verbunden durch die Tricks, wie man sie in den Schreibseminaren Hollywoods lernen kann. Fast stündlich findet man Beispiele dafür. Als die Russen zu Beginn der Ukraine-Krise eine atomare Langstreckenrakete testeten, berichteten darüber innerhalb von Minuten viele deutsche Online-Nachrichten im Sinne der Eskalation.

Die Amerikaner hielten sich zurück. Sie wussten, dass es solche Tests auch in Amerika gegeben hatte und die formalen Prozeduren der Anmeldung und Genehmigung bedurften. Wenig später meldete ABC, dass der Test lange vor Ausbruch der Krise angemeldet worden war. Weil der Routinevorgang zur Aufregung nicht passte, blieb nach eiliger Korrektur zurück, dass die Russen mit dem Test die Welt „irritierten“. Irritiert waren aber nur die Drehbuchautoren.

Wie in amerikanischen Erfolgsserien, die gleichsam in Echtzeit weitergeschrieben werden und in denen viele Fäden ins Leere führen, tragen wir in unseren Köpfen politische Handlungsstränge herum, ohne je ihr Ende zu finden: Putin habe gesagt, der Untergang der UdSSR sei die größte Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts? Dmitri Trenin, der für die Carnegie-Foundation das wichtigste Standardwerk zum postsowjetischen Russland schrieb, hat diese Behauptung bereits 2011 nicht nur widerlegt, sondern Putins Äußerungen „Worte der Weisheit“ genannt.

Alles wird zur Nummern-Oper reduziert

Martin Schulz, der eine der ausgewogensten Reden zur Krise hielt und auch die Gefahr eines Krieges streifte, sah sich auf einen Kriegswarner reduziert. Obama hat Russland „verhöhnt“ mit seinem Satz, Russland sei nur eine Regionalmacht, die keine Bedrohung darstelle? „Verhöhnt“? Tatsächlich kann man das ganz anders, wenn auch und zugegeben langweiliger lesen: Obama hat Entwarnung für seine Landsleute gegeben: Dr. Seltsam ist pensioniert.

Das sind Beispiele, die nicht einmal immer böse Absichten verraten. In der Summe sind sie aber nicht weniger aufheizend als die Jubel- und Feindesarien des Jahres 1914, nur dass sie jetzt gleichsam formal, als unabweisbare Fakten der Geschichte daherkommen. Sie reduzieren sich auf die Nummern-Oper: Obama höhnt, Putin beklagt, und Joe Kaeser wird im Wartezimmer abgestellt. Echtzeit-Automatismen bei politischen Krisen dieser Dimension sind kein Spielzeug. Die materiellen Grundlagen, denen sie ihr Entstehen verdanken, die Schnelligkeit und Art der Informationsübermittlung, stammen aus dem Kalten Krieg: Je kürzer die Reaktionszeit für einen Atomangriff wurde, desto automatisierter mussten die Entscheidungssysteme werden - eine Zeitökonomie, die Putins Reaktion auf den Nato-Verteidigungsschirm in Polen überhaupt nur erklärt.

Es ist eine Pointe der Geschichte, dass nun auch die politische und gesellschaftliche Kommunikation in diesen Lichtgeschwindigkeitsmodus wechseln. Wer Zeitpuffer für Hochgeschwindkeitsbörsen verlangt, sollte nach den jüngsten Erfahrungen auch über solche für Nachrichtenbörsen nachdenken. „Was Redaktionen beschlossen haben, vergelten und büßen Nationen.“ Auch das stammt von Karl Kraus. Die Krim-Krise ist ein Grund, sich klarzumachen, dass die Welt nicht nach den Gesetzen von „Homeland“ oder „House of Cards“ funktioniert.

Es ist das erste europäische Krisenereignis, das vollständig im Zeichen der neuen automatisierten Medienökonomie steht. Modernität hieß immer auch, sich durch Reflexion zu immunisieren. Helmut Kohl, Helmut Schmidt und Henry Kissinger haben alle höchst abwägend und behutsam auf die aktuellen Ereignisse reagiert. Der Echtzeitdramaturg sagt: weil sie alt sind. Alter ist kein Kriterium für Rationalität. Entschleunigung aber ist es.

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