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Musiker geben Echos zurück : „Neue Stufe der Verrohung erreicht“

  • Aktualisiert am

Marius Müller-Westernhagen bei einer Show im September 2016 Bild: dpa

Jetzt auch Marius Müller-Westernhagen, gleich achtfach: Immer mehr Echo-Preisträger geben ihre Auszeichnungen zurück, ein erstes Mitglied verlässt den Echo-Beirat. Der Veranstalter indes wünscht sich eine Debatte.

          Bislang war der Echo eine renommierte Auszeichnung in der Musikbranche, doch nach der Würdigung für Kollegah und Farid Bang nehmen Preisträger Abstand.

          Marius Müller-Westernhagen will nach den Antisemitismus-Schlagzeilen um den Musikpreis Echo gleich sämtliche acht bislang erhaltenen Trophäen zurückgeben. Das kündigte der Musiker an diesem Dienstag auf Facebook an. „Die Verherrlichung von Erfolg und Popularität um jeden Preis demotiviert die Kreativen und nimmt dem künstlerischen Anspruch die Luft zum Atmen. Eine neue Stufe der Verrohung ist erreicht“, erklärte er.  „Ich bin nicht der Meinung, dass die mit dem Echo ausgezeichneten Rapper Antisemiten sind. Sie sind einfach erschreckend ignorant“, schrieb Müller-Westernhagen.

          Auch der Dirigent Enoch zu Guttenberg, der mit dem Orchester Klangverwaltung vor zehn Jahren ausgezeichnet worden war, will seine Auszeichnung zurückgeben. „Nachdem solch ein Preis nun im Jahr 2018 auch Verfassern von widerwärtigen antisemitischen Schmähtexten verliehen und noch dazu vom 'Ethikrat' Ihres Verbandes bedenkenlos freigegeben wurde, würden wir es als Schande empfinden, weiterhin diesen Preis in unseren Händen zu halten“, schrieben der Dirigent Enoch zu Guttenberg und Andreas Reiner vom Orchester Klangverwaltung am Dienstag. 

          Dirigent Enoch zu Guttenberg im Spiegelsaal des Schlosses Herrenchiemsee
          Dirigent Enoch zu Guttenberg im Spiegelsaal des Schlosses Herrenchiemsee : Bild: dpa

          „Das einstige Symbol für gute künstlerische Arbeit hat sich in ein schmutziges Menetekel für eine Entwicklung in unserem Land verwandelt, die uns mit tiefster Sorge erfüllt“, schrieben sie nun in einem offenen Brief an den Bundesverband Musikindustrie, in dem sie die Rückgabe ihrer Auszeichnung ankündigten.

          Eine große Enttäuschung

          Für den Pianisten Igor Levit ist die Auszeichnung der Rapper „ein vollkommen verantwortungsloser, unfassbarer Fehltritt der Echo-Jury und gleichzeitig auch Ausdruck für den derzeitigen Zustand unsere Gesellschaft“. Auf Twitter schrieb der Künstler, der seinen 2014 erhaltenen Echo Klassik zurückgeben will: „Antisemitischen Parolen eine solche Plattform und Auszeichnungen zu geben, ist unerträglich.“

          Igor Levit am Samstag bei einem Auftritt in Heidelberg
          Igor Levit am Samstag bei einem Auftritt in Heidelberg : Bild: Heidelberger Frühling / Studio Visuell

          Zuvor hatte Klaus Voormann, Freund und Wegbegleiter der Beatles, seinen erst am Donnerstag erhaltenen Echo für sein Lebenswerk zurückgegeben. „Was sich für mich als Geschenk anlässlich meines 80. Geburtstags anfühlte, entpuppt sich nun als große Enttäuschung“, teilte der Musiker und Grafiker am Montag in München mit.

          Veranstalter hoffen auf Debatte

          Als erstes hatte das Notos Quartett aus Berlin erklärt, seinen Echo Klassik vom vergangenen Herbst zurückgeben zu wollen. Er sei für sie nun ein „Symbol der Schande“. Der Sänger Peter Maffay forderte die Verantwortlichen zum Rücktritt auf.

          Protzen mit dicken Muskeln: Kollegah und Farid Bang bei der Echo-Verleihung

          Kollegah und Farid Bang : Kontroverse um Echo-Verleihung

          Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) kritisierte die Auszeichnung der Rapper Farid Bang und Kollegah scharf. „Dass Songs mit Texten, die menschenverachtende und herabwürdigende Passagen enthalten, von der Musikindustrie ausgezeichnet werden, offenbart die Fragwürdigkeit eines Preises, der nur auf Erfolg an der Kasse setzt“, sagte Grütters den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Das Versagen des Ethikrates ist in diesem Fall besonders bitter.“ Zwar sei in Deutschland die Kunstfreiheit garantiert. „Aber sie hat ihre Grenzen da überschritten, wo Holocaust-Opfer verhöhnt werden.“

          Auf der Facebook-Seite des Preises hieß es von den Veranstaltern am Montagabend: „Wenn im Zuge der aktuellen Diskussion Künstler entscheiden, ihren Echo zurückzugeben, bedauern wir das zutiefst, müssen diese Entscheidung aber natürlich respektieren. Wir hoffen, dass die Künstler trotzdem die Debatte mit uns weiter führen, in der es um mehr als um diesen Musikpreis geht.“

          Unterdessen hat der Präsident des Deutschen Kulturrates, Christian Höppner, seinen Rückzug aus dem Echo-Beirat angekündigt. Die Entscheidung, den Musikpreis an Kollegah zu vergeben, sei ein Fehler gewesen, sagte er am Montagabend in Berlin bei der Verleihung des „Kulturgroschens“ an den früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert. „Die Texte finde ich widerlich.“ Das Format des Echo-Preises sei „so gesellschaftlich nicht mehr tragbar“.

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