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Echo-Kommentar : Preissturz

Die Rapper Farid Bang (links) und Kollegah (rechts) wurden trotz ihrer antisemitischen Texte mit einem „Echo“ ausgezeichnet. Bild: dpa

Jetzt sollen wir uns auch noch an den Antisemitismus gewöhnen: Warum die Entscheidung der Echo-Jury falsch war und Campino richtig liegt.

          „Cool Germany“ titelt der britische „Economist“ gerade und schreibt sich aus Brexit-Perspektive das große Land mit der großen Verantwortung im Herzen Europas schön: Nach dem Wiederaufbau und der Wiedervereinigung trete Deutschland nach der Grenzöffnung von 2015 in den dritten 25-Jahre-Zyklus seiner Nachkriegsgeschichte. Das Land sei ethnisch und religiös diverser, offener denn je – vorbildlich.

          Wenn doch alles so wunderbar wäre. In Deutschland geschieht, was man vor wenigen Jahren noch für undenkbar gehalten hätte: Demonstranten verbrennen Flaggen mit dem Davidstern am Brandenburger Tor, jüdische Schüler werden bedroht, und bei der Verleihung des Echos – des an Verkaufszahlen orientierten Musikpreises der Deutschen Phono-Akademie –, die live von Vox übertragen wurde, werden zwei Deutsch-Rapper ausgezeichnet, die texten: „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ oder „Mit dem Sprengstoffgürtel auf das Splash-Gelände“. Antisemitismus? Verherrlichung von Terrorismus? Ach nein, wiegelte der Ethik-Beirat des Bundesverbands Musikindustrie ab, die Linien der künstlerischen Freiheit seien „nicht so wesentlich übertreten“, also Zulassung zum Preis, den sich Kollegah (Felix Blume) und Farid Bang (Farid Hamed El Abdellaoui) feixend abholten – an dem Abend, nachdem in Israel der Holocaust-Gedenktag begangen worden war.

          Echo macht Antisemitismus salonfähig

          Der Einzige, der bei dieser beschämenden Veranstaltung in der Berliner Messe den Mund aufmachte, war Campino, Sänger der Toten Hosen. Er wirkte nicht wie einer, der wild darauf wäre, die undankbare Rolle des moralischen Mahners auszufüllen. Er rief nicht nach Zensur, sondern las Gedanken von einem Zettel ab, ruhig und abwägend. Er habe sich überlegt, ob es eine gute Idee gewesen sei zu kommen, dann aber entschieden: Diskussion sei besser als Boykott. Mit Provokationen kenne er sich aus, sie könnten Denkprozesse anstoßen. Aber für ihn persönlich sei die Grenze überschritten, wenn sie auf Zerstörung und Ausgrenzung aus seien, „wenn es um frauenverachtende, homophobe, rechtsextreme, antisemitische Beleidigungen“ gehe und um die Diskriminierung anderer Religionen. Es gehe nicht um einen Rap-Song, sondern um Hunderte und um einen Geist, der sich überall breitmache. Applaus vom Publikum.

          Campino gegen Kollegah beim Echo : „Provokation im Rap muss Grenzen haben“

          Kollegah, dessen Texte seit Jahren notorisch sind, posierte als Muskelmann, stilisierte sich auf der Bühne zum Opfer, das mit Farid Bang „stillos“ an den „moralischen Pranger“ gestellt werde, und holte eine vom ihm gefertigte Campino-Karikatur mit Heiligenschein hervor, die er für einen „guten Zweck“ versteigern wolle. Applaus, gemischt mit Buhrufen. Auf die Vorab-Kritik an der Nominierung des Duos hatte der Islam-Konvertit Blume alias Kollegah mit einem Video reagiert, in dem er gegen die „Meinungsmache“ der „Mainstreammedien“ wettert und „Krieg“ gegen die Presse ankündigt. Die Technik, Kritik als totalitäre „Zensur“ zu verunglimpfen, kennen wir vom rechten Rand zur Genüge. Die erste Version des Clips zeigte eine antisemitische Karikatur – angeblich ein Versehen, von dem sich Kollegah distanzierte.

          Im Internet werden die Rapper für ihren Auftritt gefeiert, und über Campino wird kübelweise Unflat ausgegossen. Frauenverachtung und prahlerischer Schulterschluss mit Kriminalität gehören zu den bekannten „Stilmitteln“ des deutschen Gangsta-Rap.Jetzt sollen wir uns auch noch an Antisemitismus gewöhnen. Der Echo 2018 hat ihn musikalisch hoffähig gemacht, während die Erinnerung an Auschwitz verblasst, und so einen weiteren Keil in einen vermeintlich in Stein gemeißelten Konsens der Bundesrepublik getrieben: dass Antisemitismus nicht hinnehmbar, dass Häme über Auschwitz-Opfer jenseits des Erträglichen ist. Cool Germany? Von wegen. Dieses Land ringt um seinen Zusammenhalt. Kein Anlass, sich cool zu geben.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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