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Durchhaltefibeln Es geht ans Eingemachte

19.02.2009 ·  Der neue Wirtschaftsminister irrt: Es gibt durchaus Handbücher für die Krise. Auf die Fragen von heute antworten historische Durchhaltefibeln. Sie erzählen von Innereien, wie Mutti die Hosen selbst umnäht und allgemein davon, wie man fit bleibt, wenn das Licht ausgeht.

Von Tobias Rüther
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Langsam holt uns der Museumsshop ein. Weil es die schlechten alten Dinge plötzlich wieder gibt, wirken die guten alten Dinge, in denen man sich eben noch so komfortabel und nostalgisch-ironisch eingerichtet hatte, wirkt die sparsame, nachhaltige Manufactum-Welt von gestern auf einmal sehr gegenwärtig. Wir wollen die Umwälzungen nicht wünschen, die in Deutschland Werke aus Bakelit und Emaille vorbereiten könnten; aber sie rücken offenbar näher. Jetzt bricht die Zeit der Weckgläser wieder an, anders jedoch, als man sich das in den Altbauküchen der Bundesrepublik vorgestellt hatte. Es geht ans Eingemachte.

Man nehme nur die vergangenen zwei Wochen mit den zurückgetretenen oder gar nicht erst angetretenen Ministern in Berlin und in Washington, mit einer Bundeskanzlerin, der, wie sie selbst gestand, vor lauter Krise neblig vor Augen wird, mit der Rede von Enteignungen und einer Rezession, die so wenig wegzugehen scheint wie die Grippewelle: Es herrscht Reizklima. „Als Nation verlieren wir immer noch ungefähr zweiundzwanzig Millionen Arbeitswochen an gewöhnliche, aber doch vermeidbare Krankheiten wie Erkältungen oder Influenza.“ Diese Diagnose ist allerdings schon ein paar Wochen älter. Sie wurde 1943 in England gestellt, wie man in einem Ratgeber nachlesen kann, den das Imperial War Museum in London unlängst für seinen Museumsshop wiederaufgelegt hat. „How To Keep Well In Wartime“ heißt das Büchlein, einst herausgegeben vom besorgten Gesundheitsministerium, grob übersetzt: wie man fit bleibt, wenn das Licht ausgeht.

Für die Mittelschicht haben sich die Zeiten geändert

Aber weil in England das Licht gerade wieder flackert (siehe Zurück an die Nähmaschinen: Großbritannien und die Krise), schlagen die Leute heute nach, um von den Alten zu lernen – Energiesparen, Fahrradfahren, Kleiderflicken, eine schmale, ewige Winterküche, mit einem Wort: Patentrezepte. Man findet sie auch im neuen Ratgeber „The Thrift Book“, verfasst von der englischen Journalistin India Knight, erschienen im November. Deren Vorschläge, zum Beispiel bei Make-up auf Markenware zu pfeifen, wenn die teuren wie die günstigen Produktlinien letztlich doch zum gleichen Mutterkonzern gehören, paart Globalisierungsskepsis mit gesundem Menschenverstand und dem kleinen Restglück an Glamour, das nun aber anders errungen werden muss: „Für die Mittelschicht und die Leser von Lifestyle-Beilagen“, schreibt India Knight, „haben sich die Zeiten gewandelt.“

Man kann das auch anders sagen: „Keynes ist zurück“, schreibt Paul Krugman in „The Return of Depression Economics and the Crisis of 2008“, einer überarbeiteten Studie des Nobelpreisträgers, die dieser kurz vor Weihnachten neu aufgelegt hatte und die jetzt als „Die neue Weltwirtschaftskrise“ auch auf Deutsch erschienen ist – nur ein Titel unter vielen, die sich einen Reim auf die Lage zu machen versuchen, Regeln einziehen wollen ins schwankende System. Dass Keynes zurück ist, wiederholt Krugman seit Wochen in seinem Blog. Dass Keynes zurück ist, kann man von heute an auch in dieser Zeitung in Fortsetzungen lesen. Mit Keynes kehrt allerdings auch eine historische Umwelt zurück, in der Durchhaltefibeln wie „How to Keep Well in Wartime“, „Wise Eating in Wartime“ oder „Make Do and Mend“ zu Hause waren.

Trinkt Milch. Bier tut nicht gut

Alle drei museumsreif geglaubten Titel sind aktuell lieferbar. Blättert man sie im Krisenjahr 2009 durch, erstaunt erst einmal, wie abwesend auf ihren wenigen Seiten jener Krieg ist, der sie notwendig gemacht hat. Das Wort selbst fällt in den drei Bänden etwa ein gutes Dutzend Mal – vielleicht, weil der Krieg 1943, in seinem fünften Jahr, längst zur Gewohnheit geworden war; vielleicht auch, weil die Briten mit der Zeit gelassener wurden. Vor dem Krieg, behauptet Hugh Clegg, der Autor von „How to Keep Well in Wartime“, seien die Leute viel unruhiger gewesen als jetzt. „Es könnte daran liegen, dass die echte Gefahr, die wir aushalten müssen, größer ist als die eingebildeten Gefahren, die die Leute nervös machen.“

Und schon ist man wieder im vernebelten Krisenjahr 2009. Die kleinen Bücher lassen sich ständig auf solche Stellen hin lesen. „Ich weiß“, schreibt der „Radio-Doktor“ Charles Hill, der „Wise Eating in Wartime“ verfasst hat und später sogar kurzzeitig Minister unter MacMillan wurde, „dass, als ein Ergebnis des Kriegs, die Leute mehr und mehr essen gehen.“ Was sich deckt mit dem Zulauf an den Kassen von Kettenrestaurants, wie wir ihn im Augenblick erleben. Hill erklärte diesen Trend damals mit dem Einerlei der häuslichen Küche und der Lebensmittelkarten. Da hört die Parallele zu den Kettenrestaurants allerdings schon auf. Seine guten Ratschläge – „Hirn ist reich an Fett und Phosphor und gut für die Knochen“ – hatte der Arzt 1942 zuerst in der Morgensendung „Kitchen Front“ in der BBC erteilt; daraus entstanden dann ein Jahr später die fünfzehn Kapitel dieses Buchs. Man kann sie in ein paar Sätzen zusammenfassen: Trinkt Milch. Bier tut nicht gut. Sonntagsbraten muss nicht sein. Aber Vegetarier sind auch nicht unbedingt friedfertiger, guckt euch nur den Hitler an.

„Innereien bieten viel für wenig Geld“

Diese Fibeln sind eben auch komisch, sie kultivieren eine Art Solidaritätswitz: „Kuchenglasur, haha“, spottet Hill einmal, und was er damit meint, sagt er an anderer Stelle: „Oh, shades of the past!“, die schönen Schatten der Vergangenheit. Früher war allerdings gar nichts besser, und auch das lehrt einen der Radio-Doktor: Früher waren wir nämlich Allesesser. „Innereien bieten viel für wenig Geld“, ruft Hill seinen Lesern zu, ergeht sich danach in Rezepten für Herz („Gut zerkaut, können die meisten Menschen es gut vertragen“) und Nieren, schreckt aber vor Lunge zurück: „Sie besteht vor allem aus Wind, und wir wissen nur zu gut, dass heutzutage genug Wind auf unserem Speiseplan steht.“ Vom Bettnässen bis zur Syphilis, vom Stuhlgang bis zu Schweißfüßen, vom Niesen zum Sonnenbaden, vom Lüften der Wohnung bis zum Wenden von Mänteln und Kleidern, vom Säumen zum Kunststicken reicht der Maßnahmenkatalog dieser Bände, ein Konjunkturprogramm ganz anderer Art.

Aber wo man zuerst lachen will, rührt es einen dann doch mehr und mehr, weil der Staat, in dessen Auftrag die Fibeln geschrieben wurden, hier so persönlich wird und sich dessen nicht schämt. Natürlich ist es kaum möglich, aus dem gar nicht einmal so hohen, eher vertraulich-leisen Ton den Krieg herauszurechnen. Aber plötzlich ist das Kriegsmuseum, aus dem diese Bücher kommen, sehr weit weg: Man hat nämlich die schmalen Worte des neuen Wirtschaftsministers zu Guttenberg und des Bundespräsidenten Köhler im Ohr, die Krise doch mal als Chance zu sehen und nicht in Sack und Asche zu gehen, wenn man Tipps liest wie: Seid freundlich, schlagt eure Kinder nicht, fühlt euch niemals zu alt zum Lernen. Dass der Ernst der Lage die Rhetorik verändert und Sorge nicht in Floskeln kaschiert werden muss, kann man auch aus diesen Fibeln lernen. Der Zynismus sich ständig überbietender Horrormeldungen ist ihnen gleichfalls fremd. „Um in aller Fülle zu leben, zu lieben, zu lachen und zu arbeiten“, so endet „How to Keep Well in Wartime“, „werdet und bleibt gesund.“ Von Finanzen ist in diesen Sparbüchern übrigens nicht die Rede.

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Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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