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Wissenschaftstourismus : Sex am Strand und alles Weitere natürlich inklusive

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Guter Ort für eine akademische Tagung: Hotelanlage in Vietnam Bild: AFP

Der Konferenz-Alarm für seriöse Akademiker kommt per E-Mail: Dank dubioser Agenturen ist die Fusionierung von Bade- und Studienorten schon recht bald vollendet.

          Beim Ausjäten des E-Mail-Aufkommens müssen wir alle paar Tage Einladungen ausschlagen, obwohl sie uns als „friend“ oder als „honorable professor and research scholar“ anreden und mit „special discounts“ locken. Ihre Absender firmieren unter „Conference Alarm“ oder „AcademicFora“, und sie rufen zur Teilnahme an internationalen Tagungen auf. Zwei Gemeinsamkeiten bemerkt man sogleich: „Interdisziplinär“ ist gar kein Begriff für die Weite der Tagungsthemen; „ultradisziplinär“ könnte man gelten lassen.

          „Global Trends in Academic Research“ – die Disziplin müsste noch erfunden werden, deren Vertreter nicht sofort die Badesachen in den Rollkoffer packen könnten. Denn, zweites Merkmal: Diese Konferenzen finden um den Pool herum statt. Das klingt etwas gemein, aber auch in den Einladungen wird nicht kleingeredet, dass die Veranstaltungsorte große Resort-Hotels mit ausgedehnten Badelandschaften sind. Das hat natürlich eine lange Tradition. Früher haben Herzspezialisten ihre Jahrestagungen in Schweizer Nobelkurorten abgehalten. Jetzt hat der asiatische Raum übernommen, nicht für Herzspezialisten, aber für den nur mit Drittmitteln oder Reisezuschüssen ausgestatteten Mittelstandsakademiker. Auch der mediterrane Raum versucht im Wettbewerb um den Wissenschaftstourismus mitzuhalten, aber Asien liegt, wie überall, vorne.

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          Die Entdeckung der Ressource Forschungs- und Reisemittel muss in Sachen Auslastung für die Hotellerie des Fernen Orients so etwas wie der Marschallplan für uns gewesen sein. Die Eingeladenen (besser: die sich Einladenden) setzt ein ebenso starkes Bedürfnis in Bewegung: Teilnahme an einer Konferenz im Ausland ist ein nicht zu verachtender Eintrag im Fleißbuch der akademischen Reputation. Die Organisatoren haben dementsprechend das Konzept des All-Inclusive sehr genau auf die Bedürfnisse der Klientel abgestimmt. „Sich rundum verwöhnen lassen“ heißt für die Gäste aus Academia zwar auch das Armband, das ihnen „Sex on the Beach“ kostenlos und öfter garantiert, an der Bar wohlgemerkt. Aber die Veranstalter tragen auch Sorge für die Folgen, die akademischen jetzt. Sie versprechen den Druck der Kongressbeiträge, und zwar ziemlich sofort. Ein Informant bestätigt, dass sein Text nach vierzehn Tagen „raus war“.

          Die Veröffentlichung erfolge in Zeitschriften, deren Impact Factor durch anerkannte Agenturen gewährleistet sei, so die Veranstalter, etwa durch die Agentur ISI (International Science Indexing) aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, an einem Hotspot des internationalen Tourismus. ISI müssen wir uns als ein proaktives Unternehmen vorstellen, das nach dem Prinzip des Closed Circuit arbeitet. Es indiziert und evaluiert nicht nur, sondern publiziert auch, was es dann indiziert und evaluiert. Die Agentur hat Zeitschriften gegründet, die passgenau auf so schwierige Formate wie „Global Trends in Academic Research“ zugeschnitten sind. Genannt und empfohlen sei nur das Journal „International Review of Humanities & Scientific Research“ (IRHSR). Schlagen wir die neueste Nummer auf, begegnen wir zuerst einem Aufsatz von Rowena A. Pila (DPA = Doctor of Public Administration) von der Rizal Technological University der Philippinen. Pila schreibt über „The Barangays in Mandalyung City: An Analysis of Their Roles in the Delivery of Basic Services“. Barangays sind die kleinsten Verwaltungseinheiten in einer philippinischen Stadt, und Pila beschäftigen die menschenbasierten Dienstleistungen der öffentlichen Hand in den Vierteln, in seinem Fall einer Stadt in der Metropolitan-Region von Manila – wo ja auch die „honorable professors“ landen, bevor sie zu ihren Konferenzen in die Beach Comber-Paradise von Dakak-Park oder Boracay weiterreisen. All scholarship is local.

          Geographie und Demut

          „International Review of Humanities & Scientific Research“: Man beachte das &, den Ampersand, aber nicht nur die verschnürte Figur dieses Zeichens. Klar, allein dem Ampersand gelingt es, Humanities und Sciences in einer „Fachzeitschrift“ zusammenzubinden. Aber Ampersand ist eine Verballhornung von „and-per-se-and“ und hatte seinen ursprünglichen Nutzen, wenn man einzelne Buchstaben diktierte, die als ganze Wörter „für sich“ (per se) bestehen sollten – wie im Englischen a oder I. Im Grunde wohnen wir hier der Vervollkommnung eines Trends bei, der schon länger anhält. Noch hat jeder wissenschaftliche Artikel 0,7 Leser, aber die Ampersand-Journale werden diese Zahl konsequent gegen null führen und dann nur noch für sich, „per se“, existieren. Wissenschaft pur.

          Und doch sind diese Organe nicht ohne einen Impact Factor. Sie lehren Geographie und Demut. Die Herausgeber von IRHSR arbeiten an den Universitäten von Osmania, Tabriz, Penris, Sokote, Asaba und so weiter, lauter Fragezeichenorte. Aber weiß in Sokote jemand etwas mit Vechta anzufangen oder mit Bad Sooden-Allendorf, dem Standort der „Diploma Hochschule für Applied Sciences“? „Der Reiz der Umgebung und das Campusgelände machen das Studium in Bad Sooden-Allendorf aus“ – natürlich nicht allein, aber könnte es sein, dass diese Hochschule nicht nur zum ersten Mal das Ergebnis der Studien gleich im Titel vorwegnimmt (zielführend nennt man das heute), sondern dass sich hier auch die endgültige Fusion von Bade- und Studienort ereignet? Die Wissenschaft schreitet voran. Ins Unendliche.

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