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Gegen Pegida in Dresden : Diese drohende Resignation

  • -Aktualisiert am

Polizisten vor Demonstranten gegen Pegida Mitte Oktober in Dresden Bild: AP

„Widerstand“ heißt die Stimmung bei den Dresdnern, die ihre Stadt nicht kampflos Pegida überlassen wollen. Manchmal heißt sie aber eher „Resignation“: Gespräche mit Passanten und Professoren nach den jüngsten Entgleisungen.

          Ich komme nach Dresden ausgerechnet am Montag. Es ist kein guter Tag, um die sächsische Hauptstadt zu besuchen. Die Museen haben zu. Am Abend gibt es Pegida. Als ich einem Bekannten schreibe, dass ich drei Tage bleiben will, scherzt er: „Sie tragen also zur Aufbesserung der Dresdner Tourismusstatistik bei.“ Die Besucherzahlen sind nämlich in diesem Jahr stark zurückgegangen, angeblich wegen Pegida und weil die russischen Touristen nicht mehr kommen. Ich komme aber nicht als Tourist. Von diesem Bekannten, aber auch von anderen Dresdnern habe ich gehört, ihre Stadt sei unerträglich geworden. Vergiftet. Nicht nur montags. Ich soll mich doch bitte selbst überzeugen. Also fahre ich hin.

          Das Erste, was ich auf dem Weg vom Bahnhof zu den Sehenswürdigkeiten sehe, ist ein Mann, der wild mit der sowjetischen Fahne um sich fuchtelt. Ein paar hundert Meter weiter, am Eingang zum Altmarkt, steht ein Infostand: Russland ist Partner und nicht Feind. Obama soll seinen Nobelpreis an Putin abgeben. Zwei junge Männer, die zum Stand gehören, führen ein lebhaftes Gespräch mit einem dürren, bärtigen Herrn, der wie ein kleiner Beamter aussieht. Ich bleibe auch stehen und lausche: Die Presse lügt, Pegida sind verwirrte Leute, nicht radikal genug, sie verstehen nicht, dass sie uns vernichten wollen, wie Syrien und die Ukraine, dass sie Flüchtlinge als Waffe gegen uns einsetzen, nur Putin tut etwas, um uns zu beschützen. Ich frage, wer denn diese „sie“ seien. Die Männer starren mich verwundert an: „Wie wer? Amerikaner, Banken, Großkonzerne. Und die, die dahinterstecken. Sie wissen schon. Was, Sie wissen es nicht? Sie glauben wohl alles, was man Ihnen im Fernsehen erzählt.“ Die Herren werden laut, ich gehe weiter. Und dann sehe ich nur noch Vielfalt und Toleranz.

          Die Demokratie noch nicht verstanden

          „Für ein weltoffenes Dresden“ am Schauspielhaus. „Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter“ an der Hochschule der bildenden Künste. „Carmen ist Roma, Don Giovanni ist Italiener, Eugen Onegin ist Russe“ an der Fassade der Semperoper. In den nächsten Tagen werden mir solche Plakate überall begegnen: am hochmodernen Bioinnovationszentrum im Campus des Uniklinikums (eine Collage aus Fahnen mit der Überschrift „Spitzenforschung ist bunt“), an den Straßenbahnen, in der Gemäldegalerie, welche die Besucher dazu einlädt, die Werke alter Meister unter dem Motto „Global statt lokal“ zu entdecken. Ich stelle mir vor, wie man sich in einer Stadt fühlt, wo überall Hygienewerbung hängt: Händewaschen ist keine Schande, ja, ich benutze auch Klopapier. Wenn ich den geschmackvollen Slogan der Dresdner Busse lese („Nur Casanova kam öfter“), denke ich schon automatisch: Casanova ist Italiener, gut so.

          Eines von vielen Zeichen: Leinwand vor der Semperoper in Dresden
          Eines von vielen Zeichen: Leinwand vor der Semperoper in Dresden : Bild: dpa

          Am Montagnachmittag sitze ich in einem Altstadtcafé mit dem Politikwissenschaftler Dietrich Herrmann. Vor zwanzig Jahren besuchte ich in Berlin sein Seminar über die Integration der Einwanderer in den Vereinigten Staaten, jetzt erklärt er mir die Dresdner Einwanderungsgegner: Es seien viele Leute aus der Dienstleistungsbranche, Kleinunternehmer, Betreiber von Werbeagenturen, wie Pegida-Chef Lutz Bachmann. Leute, die sich trotz guter Wirtschaftslage bedroht und austauschbar fühlen. Die einfache Lösungen bevorzugen, die keine Mainstream-Medien mehr lesen und in einer Informationsblase von verschwörungstheoretischen Internetseiten und einschlägigen Blogs leben. Die die Demokratie immer noch nicht verstanden haben, sich für das Volk halten und die Politiker, und zwar alle, für Volksverräter.

          Die vielen russischen Fahnen

          Eine Stunde vor der Demonstration ist die Altstadt schon voll mit den Teilnehmern. Sie ziehen an unserem Café vorbei, bewaffnet mit Fahnen, händchenhaltende Pärchen, entschlossene Männergruppen, heitere Landsmannschaften mit Ortsschildern. Um sechs Uhr ist der Theaterplatz schon vollständig gefüllt, mindestens zehntausend Menschen sind da, und es kommen immer neue. Der Bildschirm an der Semperoper sagt nun, sie sei keine Kulisse für Fremdenfeindlichkeit. Die Opernbesucher starren von oben auf die Demonstration herab. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man in Dresden am Montag in die Oper gehen kann, aber ich stehe am anderen Ende des Theaterplatzes und kann die Opernbesucher nicht befragen. Dafür befrage ich einen Demonstranten, der die russische Fahne hält. Davon gibt es bemerkenswert viele. Der Mann ist ein Dresdner, in Russland war er nie, aber er demonstriert hier für Frieden, Freundschaft und Entspannung. „Und Sie glauben wohl, wir sind hier Ausländerfeinde und Nazis? Glauben Sie bloß nicht, was Sie über uns in den Zeitungen lesen.“

          Israelische Fahnen sind bei der Pegida-Demonstration auch ziemlich beliebt: „Wir wollen nicht, dass sie uns hier wie in Israel abschlachten. Wir wollen keine Glaubenskriege auf deutschem Boden. Wir sind keine Antisemiten, glauben Sie nicht der Presse, sie lügt.“ Vor zwei Wochen war die Presse voll mit Schlagzeilen wie „Palästinenser sterben bei Messerattacken auf Israelis“, da bin ich mir selbst nicht sicher, ob das noch die Wahrheit ist.

          Ganz krasses Zeug über Flüchtlinge

          Es war bestimmt kein Rockkonzert, dafür war es zu friedlich und zu bieder. Die händchenhaltenden Paare ließen einander los, nur um Lutz Bachmanns Sprüchen zuzuklatschen. Gut gelaunte Männer und Frauen nickten seinen Ausführungen wohlwollend zu, begrüßten mit Applaus die „polnischen Brüder, die national gewählt haben“, skandierten „Merkel muss weg“ und „Wir sind das Volk“. Die patriotischen Europäer protestieren offenbar gar nicht gegen die Islamisierung des Abendlandes, sondern gegen die abendländische Demokratie. Selbst die massive Polizeipräsenz störte nicht die entspannte Volksfeststimmung. Schwer ausgerüstete Polizisten begrüßten ihre Freunde in der Menge. Neben mir trat einer aus der Reihe, um sich mit einer Demonstrantin zu unterhalten, zum Schluss gab es eine Umarmung und einen herzlichen Wangenkuss. Im Übrigen konnte ich problemlos von der Pegida-Demonstration zur kleinen Gegendemonstration gelangen – zurück ließ mich die Polizei allerdings nicht.

          Kein Weg heraus: Gegendemonstranten und Polizisten am 19. Oktober in Dresden
          Kein Weg heraus: Gegendemonstranten und Polizisten am 19. Oktober in Dresden : Bild: AFP

          „Dresden ist richtig zum Kotzen geworden“, sagt mir eine junge Frau, die ebenfalls zur Gegendemo will. „Ich spreche nicht mehr mit meiner Tante und meinen Cousinen, die sind alle für Pegida, sie reden ganz krasses Zeug über Flüchtlinge.“ „Es war schon immer nicht nett“, sagt eine andere, „ aber seit es Pegida gibt, werden die Leute immer hemmungsloser und unverschämter.“ Von ihrem Freundeskreis sei nicht mehr viel übrig geblieben. M., den ich am Rand der Gegendemonstration treffe, arbeitet in einem Dresdner Museum: „Fast alle Mitarbeiter der Haustechnik sind Pegida. Wir sprechen schon lange nicht mehr miteinander, das geht überhaupt nicht.“ „Es ist beschämend, was wir in Dresden erleben“, sagt Michael Kobel, Professor und Direktor des Instituts für Kern- und Teilchenphysik an der TU Dresden, mit dem ich nach der Demonstration in einer Szenekneipe sitze. Er selbst gehe aber nicht mehr zu den Gegendemonstrationen, er möchte seine Zeit sinnvoller verwenden. Diesen Satz habe ich noch oft von anderen Menschen gehört, die es, wie Kobel, „beschämend“ finden und auch etwas dagegen unternehmen. Kobel zum Beispiel engagiert sich für die Geflüchteten, hat die Patenschaft für drei junge Männer übernommen, denen er bei den Behörden und bei der Arbeitssuche hilft. M. macht mit Flüchtlingen Musik. „Widerstand“, schreit Pegida auf dem Theaterplatz. „Widerstand“ heißt die Stimmung bei den Dresdnern, die ihre Stadt nicht kampflos Pegida überlassen wollen. Manchmal heißt sie aber eher „Resignation“.

          „Wenn wir gehen, wer bleibt dann?“

          Das Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik, 2002 eröffnet, ist eine der führenden Einrichtungen dieser Art in Europa. 2009 wurde es vom Wissenschaftsmagazin „The Science“ zum „Best Place to Work“ für Postdoktoranden erkoren. Im selben Jahr wurde die Frau eines Mitarbeiters, eines ägyptischen Genforschers, von einem ausländerfeindlich gesinnten Russlanddeutschen im Gerichtssaal erstochen, wo sie gegen ihn ausgesagt hatte. Professor Dr. Teymuras Kurzchalia, der in diesem Institut eine Forschungsgruppe anführt, erzählt davon, als sei es gestern passiert. Neulich, sagt der gebürtige Georgier, der seit mehr als dreißig Jahren in Deutschland lebt, gab es ein Training für die Mitarbeiter. Drei Polizisten erklärten, wie man sich bei einem Überfall verhalten solle. Er wurde selber neulich auf der Straße angeschrien, er solle aus Deutschland abhauen: „Die Frau hat sich nicht wie eine von hier angehört, aber offenbar liegt das jetzt in Dresden in der Luft.“

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

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          Eine Bekannte, gebürtige Dresdnerin, die in einer Software-Firma arbeitet, glaubt, in völlig fremden Menschen auf der Straße Pegida-Anhänger zu erkennen. „Ich muss oft daran denken, dass wir es in Deutschland schon einmal hatten. Wir dürfen es nicht zulassen, aber ich weiß nicht, was wir dagegen tun können. Früher habe ich versucht, mit diesen Leuten zu diskutieren, aber ich habe es aufgegeben, sie hören überhaupt nicht zu.“ Ob sie sich überlegt, aus Dresden wegzuziehen? „Klar. Aber mein achtjähriger Sohn sagt: Wenn wir gehen, wer bleibt dann?“ Wie oft habe ich diesen Satz in den letzten Jahren in Russland gehört! Die meisten, die ihn gesagt haben, sind, wie ich, längst ausgewandert.

          Quelle: F.A.S.

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