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Dresden-Preis für Ellsberg : Auch Snowden ist per Video dabei

Daniel Ellsberg freut sich über den Dresden-Preis: Der 84 Jahre alte Friedensaktivist gilt als erster moderner Whistleblower. Bild: dpa

45 Jahre Nachwirkung: Der amerikanische Whistleblower und Friedensaktivist Daniel Ellsberg erhält den Dresden-Preis.

          Da steht er auf der großen Bühne der Semperoper und zückt erst mal sein Smartphone: Daniel Ellsberg fotografiert Bui Truong Binh, den Dresdner Bürger, der ihm den „Internationalen Friedenspreis“ überreicht. Beide haben sich noch nie gesehen, aber sie verbindet viel: Ellsberg bereitete 1971 mit der Veröffentlichung geheimer Pentagon-Papiere das Ende des Vietnamkriegs vor, Bui hat dadurch mutmaßlich überlebt, wenn auch mit drei Nägeln im Rücken, „Erinnerungen“ an eine amerikanische Bombe, die in seiner Nähe einschlug. Das kann er bis heute nicht vergessen, selbst wenn er es wollte: „Immer, wenn ich durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen gehe, schlägt der Metalldetektor Alarm.“

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Seit 2010 verleiht der vom Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel gegründete Verein „Friends of Dresden“ diesen Preis für Völkerverständigung, Konflikt- oder Gewaltprävention; Gorbatschow und Barenboim zählen zu den Preisträgern und nun auch Daniel Ellsberg, jener Herr, der für Henry Kissinger „der gefährlichste Mann Amerikas“ war. Als Top-Analyst des Verteidigungsministeriums sollte der Harvard-Absolvent Ellsberg in den sechziger Jahren Ideen entwickeln, um Kriege zu gewinnen, dann aber fiel ihm eine streng geheime Studie der Regierung zum Vietnam-Krieg in die Hände. „Als ich das las, wusste ich, dass der Krieg von Anfang an ein Verbrechen war“, sagte Ellsberg.

          Als Whistleblowing noch körperliche Arbeit war

          Er kopierte die 7000 Blatt umfassende Studie, schmuggelte sie aus dem Ministerium - Whistleblowing war damals noch körperlich harte Arbeit - und lancierte sie an die Presse; am 13. Juni 1971 begann die „New York Times“ mit der Veröffentlichung dieser Regierungsinterna über die eigentlichen amerikanischen Kriegsziele: zu zehn Prozent Hilfe für Südvietnam, zu zwanzig Abwehr der Chinesen und zu siebzig Wahrung des Gesichts der Vereinigten Staaten. Damit war klar, dass die Regierung die Öffentlichkeit jahrelang belogen hatte; das änderte die Meinung vieler Amerikaner zum Vietnamkrieg, und der Kongress strich weitere Mittel für den Einsatz.

          Schnell sickerte Ellsbergs Name durch; viele sahen in ihm einen Helden, andere einen Verräter. Das Weiße Haus ließ ihn illegal abhören, es versuchte, Richter zu bestechen, und schickte jene Klempner-Brigade, die später ins Watergate-Hotel einbrechen sollte, in das Büro von Ellsbergs Ärzten, um dort Wanzen zu installieren. Auch das kam alles heraus, woraufhin der Prozess wegen Geheimnisverrats gegen Ellsberg, dem 115 Jahre Haft drohten, platzte; der Oberste Gerichtshof erlaubte ausdrücklich die weitere Veröffentlichung der Papiere.

          Heute ist Ellsberg vierundachtzig Jahre alt und gilt als erster moderner Whistleblower. In seiner Laudatio erinnerte der Publizist Jakob Augstein daran, dass ohne Whistleblower der Folterskandal von Abu Ghraib, das Waterboarding, das Jagen von Zivilisten in Afghanistan und das weltweite Abhören durch die NSA wohl nie ans Licht gekommen wären. Er erinnerte auch daran, dass die sowjetischen Dissidenten Alexander Solschenizyn und Lew Kopelew in Westdeutschland Asyl erhalten haben, obwohl sie gegen sowjetische Gesetze verstoßen hatten, und er forderte Europa und die Bundesregierung auf, endlich auch Edward Snowden Asyl zu gewähren.

          „Ohne Daniel Ellsberg kein Edward Snowden“

          Dann schaltete man live nach Moskau zu Edward Snowden, der vor neutralem Hintergrund, aber sichtlich guter Dinge, Ellsberg gratulierte. Es reiche eben nicht, sagte Snowden, Missstände zu erkennen, man müsse sie auch öffentlich machen: „Ohne Daniel Ellsberg hätte es keinen Edward Snowden gegeben.“

          Ellsberg, der bis heute als Aktivist für Frieden und Menschenrechte kämpft und mit Snowden befreundet ist, richtete schließlich einen Appell an potentielle Whistleblower: „Gehen Sie an die Öffentlichkeit. Warten Sie nicht, bis Bomben fallen!“ Auch der Irak-Krieg habe auf einer Lüge basiert und hätte verhindert werden können. Unsere Werte, Rechtsstaat und Demokratie seien auch in Zeiten des Terrors zu verteidigen, Angst dürfe kein Vorwand sein, Grundrechte zu schleifen. Dann spreizte Daniel Ellsberg die Finger zum Victory-Zeichen, filmte noch einmal mit dem Smartphone in die Runde und ging.

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