06.07.2006 · Das Dresdner Elbtal droht den Titel „Weltkulturerbe“ zu verlieren, weil mitten in den Flußauen eine Brücke gebaut werden soll. Die geplante Waldschlößchenbrücke teilt den Landschaftsraum nach Expertenmeinung irreversibel in zwei Hälften.
Von Reiner BurgerMit Spannung und Sorge blicken momentan viele Dresdner aufs ferne Vilnius: In der litauischen Hauptstadt wird vom 8. Juli an das Welterbekomitee der Unesco zusammentreten. Zwar wollen die einundzwanzig Mitglieder über vieles debattieren und entscheiden. Der Fall Dresden aber wird von besonderer Bedeutung sein: Erst im Juli 2004 war das Dresdner Elbtal zwischen den Schlössern Pillnitz im Osten und Übigau im Westen wegen seines einzigartigen Dreiklangs aus Fluß, Landschaft und Architektur in die Weltkulturerbe-Liste aufgenommen worden. Dresdens Plan, mitten durch das Gebiet eine Brücke zu bauen, schien dem Komitee kein Hindernis. Doch gab es schon 2004 Zeichen, wie sensibel es mitunter reagiert.
Während man Dresden auszeichnete, geriet der Kölner Dom auf die „Rote Liste“. Das Komitee sah die „Integrität“ des Denkmals durch geplante Hochhäuser auf der gegenübergelegenen Rheinseite gefährdet. Mittlerweile hat Köln seine Pläne nach langem Hin und Her verändert, und so dürfte der Dom wieder von der „Roten Liste“ genommen werden (siehe auch: Köln kippt umstrittene Hochhaus-Pläne). Daß dafür nun das Weltkulturerbe Elbtal als „gefährdet“ eingestuft wird, steht so gut wie fest, seit ein vom Direktor des Welterbezentrums, Francesco Bandarin, gefordertes „Visualisierungsgutachten“ vorliegt.
Ein Sonderling
Darin erläutern Wissenschaftler vom Institut für Städtebau und Landesplanung der RWTH Aachen, die geplante 150 Millionen Euro teure Waldschlößchenbrücke reihe sich nicht „in die Kette der Dresdner Stadtbrücken ein“, sondern sei ein „Sonderling“, der den „zusammenhängenden Landschaftsraum des Elbbogens an der empfindlichsten Stelle irreversibel in zwei Hälften“ zerteile. Am geplanten Brückenstandort befänden sich die breiteste Aufweitung der Elbwiesen und der Scheitelpunkt des Elbbogens. „Von hier aus sieht man beides, die Stadtsilhouette mit dem wiedergewonnenen Wahrzeichen der Frauenkirche sowie das ingenieurtechnische Wahrzeichen des Elbtals, die Brücke ,Blaues Wunder'.“ All das, und damit die Besonderheit des Elbtals, würde durch die neue Brücke in höchstem Maße geschädigt.
Ob nach diesem verheerenden Urteil die Pläne so wie in Köln überarbeitet werden können, um das Komitee zum Einlenken zu bewegen, scheint fraglich. Die Alternative lautet wohl: Brücke oder Titel. Schließlich hat sich Deutschland durch die Unterzeichnung der Welterbekonvention im Jahr 1976 gegenüber der Weltgemeinschaft zum Erhalt „einmaliger universeller Werte“ verpflichtet.
Der Bau ist beschlossene Sache
Besonders kompliziert macht den „Fall Dresden“ aber, daß der Brückenbau schon beschlossene Sache ist: In einem Bürgerentscheid stimmten die Dresdner im Februar 2005 mit Zweidrittelmehrheit für die Elbquerung. Daß sie dies mit der Überzeugung taten, das Unesco-Welterbekomitee sei einverstanden, oder daß Brückengegner vorbringen, die wahren Fakten über Umfang und Auswirkungen des Bauwerks seien damals verschwiegen worden, ändert nichts an der bindenden Wirkung. Auch der Gemeinderat, in dem es schon seit der Kommunalwahl 2004 keine Mehrheit mehr für die Brücke gibt, darf drei Jahre lang keinen anderslautenden Beschluß fassen. Nur ein Ausweg bleibt laut Sächsischer Gemeindeordnung: Der Gemeinderat kann mit Zweidrittelmehrheit einen neuen Bürgerentscheid beschließen.
Die Brückengegner setzen auf Zeit: Denn die Mittel (neunzig Prozent der „förderfähigen“ Teile), die Bund und Land unter anderem im Rahmen des „Gemeindefinanzierungsgesetzes“ zuschießen, stehen nur bis zum 28. Oktober 2006 bereit. Daß die Dresdner Bürgerschaft umdenkt, belegt eine Umfrage des Instituts für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden für die „Dresdner Neuesten Nachrichten“: Zwar ist noch immer eine Mehrzahl der Befragten für die Brücke. Bei der Wahl zwischen dem Titel Weltkulturerbe und der Brücke aber entschied sich im Mai eine Mehrheit für den Titel.
Freilich macht der Fall auch Mißstände in der Welterbeverwaltung deutlich. Wieso die Unesco erst keine und dann vom Hörensagen (durch den in New York lebenden Nobelpreisträger Günter Blobel) entfachte Bedenken äußerte, ist befremdlich. Ein professionelles Welterbecontrolling findet offenkundig nicht statt. Erst kürzlich äußerte die deutsche Unesco-Kommission, es gebe kein geregeltes Verfahren. Wer am lautesten schreie, werde beim Welterbezentrum in Paris gehört. Manche in Dresden befürchten, das Welterbekomitee werde in Vilnius das Dresdner Elbtal gleich ganz von der Welterbeliste nehmen. Das hat es zwar noch nie gegeben, wäre aber möglich. Vor allem könnte man mit einem solchen Paukenschlag von eigenen Fehlern ablenken.