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In der harten Ex-DDR-Realität : Fünfzig Stufen von Grau

Zwischen den Dörfern von Mecklenburg-Vorpommern: Vielleicht kann man in dieser Leere, dieser Einsamkeit ganz gut ein Nazi werden? Bild: Imago

Ein Dorf im Osten. Die Menschen hier haben keine Arbeit. Deshalb suchen sie Beschäftigung. Mit Angeln, Äpfeln, Alkohol. Und vielleicht mit dem rechten Denken? Drei Tage in der harten Ex-DDR-Realität.

          Was willst du hier? Das sagen Augen, strenge Augen. Der Mund sagt nur: „Das Zimmer Nummer zwölf ist oben.“ Dann muss sie weg, die strenge Angestellte des Hotels. Nur Einsamkeit schläft heute hier. Kein anderer Gast. Es ist der leere Osten Deutschlands. Ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Sein Marktplatz schaut hinter den Fenstern in dieses Zimmer Nummer zwölf hinein. Die Straßen leer und finster. Kein Licht. In keinem Haus. Wo sind die Menschen? Schlafen sie? Weil sie vielleicht erkältet sind, wie diese Pension vielleicht erkältet ist? Denn alles – Türen, Wände, Boden – macht seufzende Geräusche, als ob es hustet, dieses Haus.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und um halb eins hustet es dann so laut, dass eine Wand am Fieber wohl zerbrochen ist. Oder sind das doch Menschen? Ich schaue nach im Flur. Im Flur ist niemand, nur Christa Wolf und Fallada. Ein Büchertisch. Die Hand greift nach dem Wolf-Roman. In Grau steht da auf den vergilbten Seiten, dass das Vergangene nicht tot sei, es sei nicht mal vergangen. Das ist von Faulkner. Und ja, deswegen bin ich hier: Die alten Nazis sind die neuen Nazis. Und neue Nazis will ich suchen. Morgen, sage ich zu Wolf und schlafe.

          Bis zu den Völkischen sind es noch 18 Kilometer

          Der Morgen sieht aus wie ein Abend. Das Blau des Himmels fressen graue Wolken auf. Ein Regenschauer peitscht auf die schmalen Straßen nieder. Ein Fahrrad, ausgeliehen, ist Alibi, ist Tarnung, denn in der Gegend sind immer Fahrradfahrer unterwegs. „Die schönsten Fahrradstrecken Mecklenburgs“, so sagt es das Internet. Es lügt. Es gibt gar keine Fahrradfahrer. Und die Fußgänger sind immer noch erkältet.

          Doch ein paar Dörfer weiter sollen zumindest Neo-Artamanen leben, diese authentischen und echten Ur-Urnazis. Völkische Siedler werden sie genannt, weil sie dort siedeln, wo niemand ist, und an das Blut-und-Boden-Ding sehr glauben, an das auch Heinrich Himmler glaubte, der selbst ein Artamane war. Davon berichten Studien und Bücher und jetzt im Bundestag auch eine Kleine Anfrage. „Mögliche Brutstätten des Naziterrors“ seien diese Siedlungen, das sagt jedenfalls Die Linke.

          Die iPhones-Karte sagt: Bis zu den Völkischen sind es noch 18 Kilometer. Doch dieser Regen wird jetzt wütender, die Jacke schwer und nass. Das Häuschen einer traurigen und stillen Haltestelle wird zum Versteck vor diesem Wetter. Der Schauer ist verzogen, doch mit ihm auch das Netz des Telefons. Die Karte ist erloschen. Deshalb steuern Erinnerungen jetzt das Fahrrad. Und deshalb stehe ich dann nicht in dem Dorf, das Klaber heißt, dort sollen die Artamanen siedeln, sondern in Koppelow. Und Koppelow ist auch nicht falsch, denn hier soll ein sehr brauner Biobauer leben – mit NPD-Vergangenheit.

          Kein Mensch, kein Neonazi auf der Straße

          Wieder und selbstverständlich diese Leere. Kein Café und kein Supermarkt, kein Mensch, kein Neonazi auf der Straße. Nur Hühner vor den Ställen. Doch dann kommt aus einem grauen Haus ein Mann. Entschuldigung, ich suche einen Biobauern, der hier lebt, sage ich.

          „Hier gibt es keine Bauern mehr, pleite gemacht haben die alle“, sagt dieser Mann, er trägt um seinen Bauch einen dreckig-grauen Pulli und einen vollen Schnurrbart im Pulli-Farbton unter seiner Nase. „Noch ein paar Tiere hat der eine, aber hat alles überschrieben auf den Sohn.“

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