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„Charlie Hebdo“ : Sie werden täglich mit dem Tod bedroht

„Je suis Charlie“: Gedenken an die ermordeten Zeichner und Journalisten von „Charlie Hebdo“ an Mauern und Wänden in Paris Bild: AFP

Drei Jahre nach dem islamistischen Attentat zieht „Charlie Hebdo“ resigniert Bilanz. Die Redaktion sieht sich von allen verlassen. Den Personenschutz muss sie selbst zahlen.

          Wenn der Journalist Fabrice Nicolino zu einer öffentlichen Veranstaltung geht, ist seine Frau seit drei Jahren nicht mehr dabei. Sie könnte zur Zielscheibe von Terroristen werden. Denn an Todesdrohungen auch gegen die Angehörigen von Mitarbeitern der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ mangelt es nicht. „Das nächste Mal schneiden wir euch die Kehle durch“, wird ihnen täglich prophezeit.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Mit Freunden kann sich Nicolino auch nicht mehr treffen, nicht im Bistro oder der Bar. Dorthin kann er nur noch allein, mit Personenschutz. Gelegentlich drängen die Sicherheitsleute zum Aufbruch, nicht weil sie Dienstschluss haben oder Polizeistunde wäre, sondern weil ein Indiz auf Gefahr hindeutet. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. „Die Spontaneität ist aus unserem Leben verschwunden“, stellt Fabrice Nicolino resigniert fest: „Es ist ein Leben wie in einer Konservendose.“

          Sein Erfahrungsbericht steht im neuen Heft von „Charlie Hebdo“, es ist die Ausgabe zum dritten Jahrestag des Anschlags auf die Redaktion, dem am 7. Januar 2015 elf Mitarbeiter und ein Schutzmann zum Opfer fielen. Bei Reportagen werden die Journalisten seither von Leibwächtern begleitet. Von einem Kollegen berichtet Nicolino, wie sich dieser ein Taxi bestellte. Im Glauben, es handle sich um sein Fahrzeug, habe er die Tür einer schwarzen Limousine mit laufendem Motor geöffnet. Im Fonds lagen automatische Waffen. Unsanft sei er weggestoßen worden, sein Taxi wartete gleich dahinter. Mehr zu diesem Zwischenfall ist aus dem Artikel nicht zu erfahren.

          „Wir haben eine Trauer in uns, die nie vergehen wird“

          Die gespenstische Szene illustriert das Leben der Redakteure. Ihren Beruf üben sie in einem Bunker aus, zu dem die Redaktion umgebaut wurde. Das Trauma wiederholt sich täglich: Für Nicolino sind es die endlosen Sekunden, wenn er sich an der Pforte meldet und ein Motorrad in die Straße einbiegen könnte. Es gab, schreibt er, die Zeit davor und es gibt die Zeit seit dem Attentat. Er nennt den Tag ein „blutrotes Datum“, das die Welten trennt. An der von den Terroristen gezogenen „roten Blutspur zwischen den zwei Leben“ vermischen sich für die überlebenden Karikaturisten und Journalisten Albtraum und Wirklichkeit. „Wir haben eine Trauer in uns, die nie vergehen wird“, sagt Nicolino. Und Angst.

          Es geschah an einem Mittwochvormittag: Die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, die mit ihren Mohammed-Karikaturen in der ganzen Welt zum Feindbild des Islams geworden war, erschien nicht mit dem Propheten, sondern mit Michel Houellebecq auf dem Titel. Der 7. Januar war auch der Erstverkaufstag seines Romans „Unterwerfung“. Erst kurz vor Weihnachten war der Plot bekannt geworden: die Wahl eines islamischen Präsidenten in Frankreich und die fortschreitende Islamisierung des Landes, Attentate inklusive. Die Titelgeschichte hatte der Ökonom Bernard Maris, Verfasser eines Buchs über die Schriftsteller Maurice Genevoix und Ernst Jünger in den Gräben vor Verdun, geschrieben – auch Maris kam beim Anschlag während der Redaktionskonferenz ums Leben.

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