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Veröffentlicht: 24.09.2012, 12:15 Uhr

Dolmetschen in Afghanistan Die Übersetzer

Wo kulturelle Missverständnisse tödlich sein können, ist ihre Arbeit lebenswichtig. Aber wenn die Bundeswehr abzieht, fürchten deren afghanische Dolmetscher um das eigene Leben. Vier Berichte aus dem Krieg.

© Sebastian Widmann/dapd Um auf die Afghanen zugehen zu können, braucht die Bundeswehr Vermittler - sie ist auf afghanische Dolmetscher angewiesen

Abdul Hafiz, 31 Jahre

Hier in Kundus wird noch gegen den Film demonstriert, aber unsere Regierung bemüht sich, die Lage zu beruhigen. Es gibt Durchsagen im Fernsehen und Radio, dass nicht alle Amerikaner oder die amerikanische Regierung, sondern Einzelne dafür verantwortlich sind. Die Leute hier können sich nämlich nicht vorstellen, dass man in Amerika so frei ist, dass man einfach so einen Film machen kann. Sie denken, die Regierung stecke dahinter.

Ich habe in Kabul Germanistik studiert. Seit fünf Jahren arbeite ich als Sprachmittler. In Deutschland war ich erst einmal, vier Wochen mit einem DAAD-Stipendium in Essen. Das war toll. Warum ich Deutsch studiert habe? Als Schüler habe ich in einer Werkstatt gejobbt. Was ich da über deutsche Autos hörte, hat mir gut gefallen. Ich glaubte, dass Deutsch mit Fabriken zu tun haben muss und dass ich damit eher Arbeit finde als mit Englisch. Im Studium haben wir dann Goethe und Schiller gelesen. In Kundus komme ich leider kaum an deutsche Literatur ran.

Mein Tag beginnt morgens um sieben Uhr. Dann breche ich auf in ein afghanisches Militärlager. Ich begleite dort den ganzen Tag einen deutschen Offizier. Er ist der Mentor eines afghanischen Kommandeurs. Ich bin sozusagen ihre Zunge, ohne mich könnten sie nicht kommunizieren. Das macht Spaß und ist anstrengend. Ich übersetze nicht nur Wörter, sondern auch ihr Denken. Da gibt es große Unterschiede. Ich lasse das Gesagte im Kopf durch mein deutsches oder afghanisches kulturelles Raster laufen und produziere Neues daraus. Ich passe auf, dass es keine Missverständnisse gibt.

Beide Seiten sollen am Ende des Tages zufrieden sein. Meinem Chef sage ich manchmal, dass er dies oder jenes so nicht sagen kann. Er akzeptiert das, verlässt sich auf mich. Einmal wollten einige Deutsche während eines Einsatzes pinkeln, zufälligerweise nach Westen. Als ich das sah, habe ich sofort gesagt, dass das nicht geht, weil die Leute in Afghanistan nach Westen beten. Wenn sie sehen, was die Soldaten machen, dann glauben sie, das sei eine bewusste Respektlosigkeit. Mein Chef hat seine Leute zurückgerufen und mir gedankt.

Es gibt hier wenig Bildung. Die Leute gehen in die Moschee und glauben alles, was der Mullah sagt. Die Taliban haben jahrelang die unglaublichsten Ideen verbreitet, und natürlich sind diese Ideen noch nicht aus der Welt. In den Städten geht es, in den Dörfern ist es schlimm. Einmal ist mir ein Film auf einem Handy gezeigt worden. Ein Mullah sagte darin, wir Sprachmittler seien wie Stacheldraht. Um an die Ausländer ranzukommen, müsse man den Stacheldraht zerschneiden. Das hat mir Angst gemacht.

Afghanistan hat ein neues Gesicht bekommen. Frauen können jetzt zur Schule gehen. Meine Verlobte arbeitet als Lehrerin. Ohne die ausländische Hilfe wäre das nie möglich gewesen. Auch deshalb akzeptiert ihre Familie mich. Nicht jeder hat so viel Glück. Früher habe ich bei der Bundeswehr in Talokan gearbeitet, dort hatten wir einen Wachmann. Er wollte heiraten und ging auf Brautschau. Als der Vater der Ausgewählten hörte, wo er arbeitet, sagte er: Du bekommst meine Tochter nicht.

Soweit ich weiß, hat Deutschland den Wiederaufbau nach dem Krieg auch nur mit fremder Hilfe geschafft. Da finde ich es nur richtig, dass auch uns geholfen wird. Auch wir gehören zur internationalen Gemeinschaft. Wir wollen, dass Afghanistan eines Tages anderen Staaten keine Probleme mehr bereitet. Wenn das Land instabil ist, kann es wieder zu einem Rückzugsort für Terroristen werden. Ich als Afghane möchte deshalb, dass die Isaf uns nicht alleine lässt. Unsere Armee ist noch zu schwach für die Taliban. Wenn die Deutschen 2014 abziehen, werde ich wohl abhauen müssen, keine Ahnung, wohin.

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