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Dokumentarfilm „Iuventa“ : Die politische Seenot reicht bis aufs Land

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Das Schiff der Nichtregierugsorganisation „Jugend Rettet Iuventa“ nimmt Flüchtlinge aus Schlauchbooten an Bord (Archiv). Bild: dpa

Als Matteo Salvini die italienischen Häfen für Rettungsboote mit Flüchtlingen schließen ließ, kam der Film „Iuventa“ in die Kinos. Er zeigt die Grenzen der Möglichkeiten der Flüchtlingshilfe.

          Was heißt eigentlich Notfall auf Nautisch? Die jungen Leute an Bord eines alten Kutters, der im südlichen Mittelmeer vor Libyen kreuzt, sind sich anfangs noch nicht ganz sicher. „Distress“ ist der Fachausdruck, mit einem „emergency“ könnten sie sich im Funkverkehr mit den italienischen Hafenbehörden als Anfänger zu erkennen geben.

          Der Kutter heißt „Iuventa“, er ist in den Niederlanden als Yacht angemeldet, also als ein privates Wasserfahrzeug. Die „Iuventa“ hat sich im Sommer 2016 allerdings direkt in die europäische Politik eingemischt. Junge Leute vor allem aus Berlin stachen in See, um Flüchtlinge zwischen Libyen und Lampedusa aus „distress“ zu befreien. Sie bildeten damals die äußerste Vorhut der Willkommenskultur: „Welcome to Europe! We are from Germany!“, ruft ein junger Mann ein paar Dutzend Menschen zu, die aus einem Schlauchboot geborgen werden.

          Die Szene kann man in dem Dokumentarfilm „Iuventa“ von Michele Cinque sehen, zu dessen Vorführung sich am Montagabend im Berliner Moviemento-Kino gut 200 meist junge Leute zusammenfanden. Das Moviemento steht für alteingesessene Berliner Cinephilie, liegt aber am Kottbusser Damm auch an einer der letzten türkisch-deutschen Bastionen gegen die neue Internationale der Anwendungsentwickler und Immobilieninvestoren.

          Rettung als Akt des Gebärens

          Der Film und die anschließende Diskussion standen beide im Zeichen einer großen Ernüchterung. Denn eigentlich sollte die „Iuventa“ nur einen Sommer lang die Versäumnisse der europäischen Staaten auffangen helfen. Dass sie 2017 immer noch gebraucht wurde, „war eine Niederlage“. Die wurde schlimmer, als Italien die „Iuventa“ beschlagnahmen ließ: Der Verdacht auf „Beihilfe zur illegalen Einwanderung“ stand im Raum.

          Bei der Initiative „Jugend rettet“, die hinter dem Einsatz der „Iuventa“ steht, ist man sich der Komplexität der Diskussion vollkommen bewusst. Die einschlägigen Begriffe („pull factor“, „trigger“) greifen die Sprecher auf, sie stellen sie in den Zusammenhang einer „Diffamierungskampagne“ gegen die Seenotretter, die inzwischen in Kriminalisierung übergegangen ist. Der Film „Iuventa“ sei in Italien genau an dem Tag in die Kinos gekommen, erzählt Regisseur Michele Cinque, „an dem Salvini die Häfen geschlossen hat“.

          Ein Schiff auf hoher See ist nicht der geeignete Ort, um in die Details der Migrationspolitik zu gehen. So ist das, was Cinque von den Einsätzen der „Iuventa“ zeigt, natürlich vor allem konkrete Handreichung: Ein Mensch (glücklicherweise mit Rettungsweste) treibt im Wasser, jemand hievt ihn in ein Schlauchboot, bringt ihn auf ein Schiff und dann in einen Hafen. Damals funktionierte die Zusammenarbeit mit den Hafenbehörden noch relativ reibungslos. Auffällig ist vor allem, dass das Aufgreifen aus dem Ozean immer wieder wie ein Akt des Gebärens wirkt: Jemand hilft jemand, um zur (neuen) Welt zu kommen.

          Dass auch junge Idealisten nicht gegen Seemannsgarn gefeit sind, zeigt eine beiläufige Szene, in der Crew-Mitglieder der „Iuventa“ sich über die Schlauchboote unterhalten, auf denen Menschen überwiegend die Passage versuchen. Woher kommen die Boote? Aus China, meint einer, und ein anderer will wissen, dass schon damals, als in Ruanda 1997 möglicherweise eine Million Menschen getötet wurden, „die Macheten in großen Containern“ aus China geliefert wurden. Die neue Supermacht im Osten steht also für eine Handelspolitik, der alles Moralische egal ist.

          Der springende Punkt für die Besatzung der „Iuventa“ ist hingegen ein moralischer, den ein Seehelfer konkret benennt: „Sie wollen ein besseres Leben, und wir wollen das ermöglichen.“ Die lebensrettende Aktion im Mittelmeer steht im größeren Zusammenhang einer Änderung der europäischen Migrationspolitik, auf die „Jugend rettet“ dringt: „Politische Arbeit ist der schönere Begriff“, sagt eine Sprecherin der Initiative, angesprochen auf Bemühungen in Berlin und Brüssel. „Wir machen Lobbyarbeit.“

          Dass sie mit dem „Fluchtgrund besseres Leben“ eine Position vertreten, über die in Deutschland niemals ausdrücklich gesprochen wurde, ist den Leuten rund um die „Iuventa“ klar. „Wir wollen Europa dazu bringen, endlich Europa zu sein“, formulieren sie nach dem Film. „Wenn jemand 2016 eine Entwicklung wie die von 2018 vorausgesagt hätte, hätte man das für eine Verschwörungstheorie gehalten.“

          Am vergangenen Wochenende gab es in Berlin und anderen Städten Deutschlands Demonstrationen für eine „Seebrücke“ zwischen Europa und Afrika und gegen die Kriminalisierung der Seenotrettung. Die „Iuventa“ war schon vorher auf einer Mission, die neben der konkreten Hilfeleistung auch eine zeichenhafte war. Nun ist sie endgültig „zu einem Symbol geworden“, auch weil im Mittelmeer „derzeit keine zivilen Augen mehr“ das Geschehen beobachten. Die naheliegende Lösung, die keineswegs aussichtslos erscheint, wird im Moviemento am lautesten bejubelt: Man könnte doch ein neues Schiff kaufen. Besser wäre vielleicht ein Hafen. Aber so was kann sich nur China leisten.

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