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Diskussion um „Einheitswippe“ : Ist sie das Spaßmal der Nation?

Alte deutsche Welle: Entwurf zum Einheitsdenkmal Bild: dpa

Bei der Bundestagsabstimmung über das Einheitsdenkmal durften die Abgeordneten sich nicht so frei bewegen, wie die Bürger auf der geplanten Wippe. Dadurch geriet der Zweck des Denkmals vollends aus dem Blick.

          Johannes Milla, der Leiter der Stuttgarter Eventagentur Milla und Partner, ist ein beredter Mann. Wenn er mit dem Leichtholzmodell des Freiheits- und Einheitsdenkmals, das seine Agentur entworfen hat, nach Berlin kommt, hat er nicht nur auf alle Fragen nach der Sicherheit und Funktionalität des Objekts, nach behindertengerechten Zugängen, störungsresistenten Stahlwannen und rutschfesten Oberflächen eine überzeugende Antwort. Er kann auch den Traum beschwören, der in dem Denkmal steckt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dieser Traum heißt „Bürger in Bewegung“, und wenn Milla darüber spricht, spürt man, dass er in den siebziger und frühen achtziger Jahren aufgewachsen ist; in einer Zeit, in der westdeutsche Jugendliche noch orangerote Hosen anzogen und nach Poona pilgerten, um einem Guru zu dienen, in der die Bands der Neuen Deutschen Welle vom Bruttosozialprodukt und von der Südsee sangen und der Bundeskanzler seit fast ewigen Zeiten Helmut Schmidt hieß. Der Kalte Krieg zog die Grenzen der befahrbaren Welt. Der Islamismus, die Globalisierung, die düsteren Possen Putins und Trumps lagen weit in der Zukunft. Etwas von dieser Zeit will Johannes Milla in dem Einheitsdenkmal bewahren. Die Riesenschale, die sich sanft nach Norden oder Süden neigt, je nachdem, auf welcher ihrer Seiten mehr Besucher stehen, versinnbildlicht das freie Fluten der Individuen, die sich nach Lust und Laune zu Kollektiven verbinden. In ihrem Goldglanz spiegelt sich die Freude am Edlen und Teuren, die für die alte Bundesrepublik typisch war. Ihre Form schließlich, eine Kreuzung aus Flugdeck und Kirmesschaukel, nimmt den Faden eines Jahrzehnts wieder auf, in dem die Pop-Art ihre letzten Triumphe feierte.

          Kampfplatz von Deutungen

          Am Donnerstagabend hat der Bundestag mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und Grünen den Bau von Millas Entwurf auf dem wilhelminischen Sockel vor dem Westportal des Humboldtforums beschlossen. Für die Abstimmung galt Fraktionszwang: Die Abgeordneten durften also nicht, wie die „Bürger in Bewegung“, aus freien Stücken in die Richtung laufen, in die sie gehen wollten, sondern mussten mit ihren Altvorderen marschieren. Damit sollte eine Debatte beendet werden, die seit sechs Jahren anhält und im April 2016 zur Sperrung der Mittel für das Denkmal durch den Haushaltsausschuss des Parlaments geführt hat. Aber die Debatte lässt sich nicht ersticken, weil sie nicht am Budgetären, sondern am Ästhetischen hängt. Sie dreht sich um die Frage, ob die „Wippe“, wie sie allen Gegenvorschlägen zum Trotz weiterhin heißt, das darstellen kann, was sie darstellen soll: die friedliche Revolution von 1989 und die deutsche Wiedervereinigung im Jahr darauf.

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          Das entscheidende Merkmal von Millas beweglicher Schale besteht darin, dass sie kein ruhendes Objekt, sondern ein Gerät ist. Der Symbolcharakter eines Objekts liegt in dem, was es ist. Der Symbolcharakter eines Geräts dagegen liegt in seinem Funktionieren. Die Ingenieure der „Wippe“ wollen mit Schutznetzen, tiefen Stahlverankerungen und Gleitmitteln dafür sorgen, dass ihre Installation nicht stehenbleibt. Aber sie können nicht verhindern, dass Sprayer dort nachts Parolen sprühen oder Betrunkene im Vollrausch vom Schalenrand in die Tiefe springen, weil die freie Zugänglichkeit zum Konzept von Millas Entwurf gehört. Falls an der „Wippe“ ein Unfall geschieht, was niemand wünschen kann, dann würde dieses Unglück der Symbolik des Denkmals einverleibt. Die voraussehbare Reaktion der Politik wäre eine Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen: Wachdienste, Warnschilder, Zugangskontrollen. Aber auch diese Abschaffung wäre wieder symbolisch zu lesen. Die „Wippe“ würde zum Kampfplatz von Deutungen, die mit der deutschen Einheit nichts mehr zu tun hätten.

          Mehr als Entertainment

          Die andere wesentliche Information zu Johannes Millas Entwurf ist eine Zahl: vierzehnhundert. So viele Besucher können gleichzeitig auf der rutschfest asphaltierten Schale stehen. Ein Überhang von fünfzig Personen auf einer Seite genügt, um die Schale anderthalb Meter nach unten zu drücken. Aber die meiste Zeit des Tages über werden wohl eher weniger als fünfzig Leute gleichzeitig das Gerät betreten. Das Auf und Ab der „Wippe“ wird eine Sache von Verabredungen und organisierten Touren sein. Die geschichtliche Erinnerung, die in ihr bewahrt werden soll, versinkt damit endgültig hinter dem Horizont der Gegenwart und ihres unstillbaren Bespaßungsbedürfnisses.

          Die Mehrzahl der Initiatoren und Verfechter des Einheitsdenkmals hat ihre biographischen Wurzeln in der DDR. Ihre Erfahrung der Wendezeit dürfte mehr mit durchwachten Nächten, Ängsten und trotzigen Hoffnungen zu tun haben als mit Entertainment. In der materiellen Großform staatlichen Gedenkens möchten sie davon offenbar nichts mehr wissen. An die Tage, in denen die Bevölkerung der DDR unter Todesgefahr ihre Regierung stürzte, erinnern auf dem Spaßmal von Milla und Partner nur die beiden Leitsätze von damals als Relief: „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk.“ Man kann sie als Sitzgelegenheit benutzen. Als Denkanstoß nicht.

          Quelle: F.A.Z.

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